Die DeichBlick-Kolumnisten von links nach rechts: Rolf Fuhrmann, Sebastian Prödl, Thomas Schaaf, Nils Petersen und Klaus Allofs.

DeichBlick-Kolumne: Sebastian Prödl schreibt für die DeichStube

„Ein überragendes Jahr - auch ohne Finale“

Auch für mich war dieses Pokal-Halbfinale gegen die Bayern ein extrem emotionales Spiel. Ich habe in London vor dem TV mitgefiebert. Was ich gesehen habe, hat mir – abgesehen vom Ergebnis – extrem gut gefallen: Werder war sehr mutig, engagiert und hoch konzentriert. Ich hatte auch nach dem 0:2 immer das Gefühl, dass Werder den Bayern noch weh tun kann.

Und das haben sie dann ja auch gemacht. Ein paar Tage zuvor war beim 0:1 in München relativ wenig nach vorne gegangen – daraus hat Trainer Florian Kohfeldt seine Schlüsse gezogen. Er wusste, dass es zu Hause im Weserstadion anders sein wird und sie die Chancen nutzen müssen, die der FC Bayern zulässt. Das haben sie dann mit ständigen Nadelstichen auch geschafft.

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Prödl: „Der Video-Schiedsrichter hat den noch größeren Fehler gemacht“

Die entscheidende Szene, die zum Elfmeter geführt hat, war für mich sehr irritierend. Für mich hat dabei der Video-Schiedsrichter den noch größeren Fehler gemacht, als Daniel Siebert auf dem Platz. Beim Laufduell zwischen Theo Gebre Selassie und Kingsley Coman konnte man nicht einmal von einer 50:50-Entscheidung sprechen, da gibt‘s keine zwei Meinungen. 

Was ich nicht verstehe: Da besitzt man die Tools, um so eine Szene genau beurteilen zu können, und dann nutzt sie der Schiedsrichter nicht. Dass der DFB den Fehler eingestanden hat, ist umso bitterer und hilft Werder auch nicht mehr weiter. Wenn ein Pfiff so große Konsequenzen nach sich zieht, muss man einfach alle Möglichkeiten für eine faire und gerechte Entscheidung ausschöpfen. Für die Bayern ist ein Pokalfinale in Berlin Normalität, für Werder wäre es das Sahnehäubchen auf eine großartige Saison gewesen.

Das Drehbuch für diesen Thriller im Weserstadion war jedenfalls gigantisch, und man hat von Beginn an gemerkt, dass die Bayern das Match keinesfalls auf die leichte Schulter genommen haben. Sie waren richtig stark und sind auch verdient in Führung gegangen. Aber nach dem irren Doppelschlag von Bremen schien es mir, dass der Wille der Bayern gebrochen war. Ich hatte das Gefühl, jetzt fährt Werder nach Berlin.

Und man kennt es nicht von den Münchnern, dass sie in den letzten Minuten derart ausufernd Zeit schinden – das war von Thomas Müller schon berechnende Provokation. Er ist mit seinen Mätzchen nicht gerade sympathisch rübergekommen. Die Wortgefechte nach dem Abpfiff zwischen Kruse und Boateng gehören dazu, aber Werder hat sich trotz des Tiefschlags eigentlich korrekt und fair verhalten.

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Prödl: „Man darf ruhigen Gewissens von einem überragenden Werder-Jahr sprechen“

Wird diese unglückliche Niederlage Auswirkungen auf den Rest der Saison haben? Ich denke nicht. Werder muss niemanden mehr von seiner Qualität überzeugen, egal, was die letzten Runden noch bringen. Werder hat eine sehr, sehr gute Saison gespielt. Man hat die Spiele, die man gewinnen muss, gewonnen und zusätzlich einige sensationelle Erfolge gefeiert. Man darf ruhigen Gewissens von einem überragenden Jahr sprechen. Werder hat viele Sympathiepunkte mit seinem erfrischenden System gesammelt.

Wer gegen den Deutschen Meister zweimal auf Augenhöhe ist, braucht keinen Bruch der Moral befürchten. Wenn Werder jetzt noch den Einzug nach Europa schafft, wäre das ein Statement und eine schöne Zugabe – auch wenn die letzten vier Runden ganz schwer sind. Ich kann mich gut in die Mannschaft hineinfühlen, so ein Pokal-Aus schmerzt natürlich sehr. Da erinnere ich mich noch genau an unsere Niederlage im Uefa-Cup-Finale in Istanbul gegen Shaktar Donezk oder an das Ausscheiden mit Österreich gegen Island bei der EM 2016.

Sebastian Prödl

Zur Person: Sebastian Prödl hat von 2008 bis 2015 insgesamt 149 Bundesligaspiele für Werder bestritten und dabei zehn Tore erzielt. 2009 gewann der Abwehrspieler mit Werder den DFB-Pokal. Seit 2015 verteidigt der 31-jährige Österreicher für den FC Watford in der englischen Premier League. Prödl ist Nationalspieler – und immer mal wieder zu Besuch in Bremen.

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