Die DeichBlick-Kolumnisten von links nach rechts: Rolf Fuhrmann, Sebastian Prödl, Thomas Schaaf, Nils Petersen und Klaus Allofs.

DeichBlick-Kolumne: Sebastian Prödl schreibt für die DeichStube

„Ein Schlummertrunk im Bus…“

Von Sebastian Prödl. Ich bin noch immer schwer begeistert vom Aufstieg von Werder gegen den BVB ins Viertelfinale des DFB-Pokals. Natürlich habe ich mir dieses faszinierende Spiel live in London angesehen.

Da war wirklich alles drin, was man sich nur von einem Fußballspiel wünschen kann: Alle Facetten zwischen Freude, Frust, Ärger, Tore zum spannendsten Zeitpunkt und Torschützen, die man fast erfinden müsste. Mir ist es fast so vorgekommen, als ob ein Krimiautor dafür ein nervenzerfetzendes Drehbuch geschrieben hat. Das war eine wunderschöne Liebeserklärung an den DFB-Pokal und beste Werbung für Bremen und Dortmund.

Jetzt weiß man noch besser, warum ein Max Kruse Kapitän dieser Mannschaft ist, warum Frank Baumann den 40-jährigen Claudio Pizarro und meinen 31-jährigen Kumpel Martin Harnik zurückgeholt hat. Werder kann sich auch glücklich schätzen, so einen Tormann zu haben, der ihnen irgendwann noch viel Geld einbringen wird. Und man hat gesehen, dass die Brüder Eggestein die Zukunft von Werder sind und mit Florian Kohfeldt einer auf der Trainerbank sitzt, der hungrig nach Erfolg ist und keine Angst vorm Verlieren hat.

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Welch ein Luftstand von Kumpel Harnik! 

Ich habe mich sehr mit Martin Harnik gefreut, dem ich bei seinem Tor so einen Luftstand gar nicht zugetraut hätte. Aber da hat man gesehen, dass der unbedingte Glaube an sich selbst und absoluter Wille Berge versetzen können. Es ist förmlich in der Luft gelegen, dass es ein ganz besonderer Abend wird und man konnte die Spannung auch vorm TV spüren. 

Als die Kameras auf die Werder-Bank gezoomt haben, war es unglaublich, wie sehr alle mitgefiebert und ihre Emotionen gezeigt haben: Da sind bei mir sofort wieder Erinnerungen hochgekommen, wie ich neben den Ersatzspielern mit dem Zeugwart von Werder oder dem Mentaltrainer alte Bekannte gesehen habe. Ausschlaggebend für den Triumph war letztendlich eines: Werder hat den Sieg mehr gewollt als Dortmund.

Was geht in solchen Momenten in einem Spieler vor? Ich werde nie die 19 Tage von 2009 vergessen, in denen wir viermal gegen den Hamburger SV in drei Wettbewerben gespielt und sie in ein tiefes Tal der Tränen gestürzt haben: das Aus im Pokal, im UEFA-Cup und die Champions League nicht erreicht – schlimmer geht es nicht, an diese Tage wird sich jeder HSV-Fan und natürlich Werder-Fan ewig erinnern.

Man kann den Werder-Erfolg in Dortmund natürlich nicht ganz damit vergleichen, weil wir damals durch den Erfolg im Elfmeterschießen in Hamburg ins Finale in Berlin eingezogen sind. Aber die Emotionen sind sicher ähnlich. Da wird schon in der Kabine gefeiert, die Stimmung ist bombastisch und auf der Busfahrt nach Bremen wird es sicher den einen oder anderen Schlummertrunk gegeben haben. 

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Das Werder-Trikot hat bei Prödl einen Ehrenplatz

Wir haben damals mit dem Pokalsieg im Olympiastadion die Saison vergoldet, auch wenn wir vorher das Uefa-Cup-Finale in Istanbul verloren hatten. Özil, Mertesacker, Frings, Pizarro, Naldo, Wiese, Diego – was war das für eine Mannschaft! Ich bin sehr froh, dass ich ein Teil davon war. Diese Bilder werden für immer in meinem Kopf bleiben und ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.

Dass Werder einen Tag vor dem Triumph in Dortmund seinen 120. Geburtstag gefeiert hat, passte bestens. Ich möchte auf diesem Wege nochmals herzlichst gratulieren. Ich habe mit Werder den 115. Ehrentag gefeiert und bin sehr stolz, dass ich ein Teil der Geschichte dieses wunderbaren Vereins bin, der Werte und Traditionen verkörpert, die im heutigen Fußball nicht mehr selbstverständlich sind. Das Trikot von damals hat bei mir zu Hause einen Ehrenplatz.

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Bei aller Euphorie ist es für die Spieler nun nicht ganz einfach, den Schalter umzulegen und sich wieder voll und ganz auf die Bundesliga zu konzentrieren. Aber ich bin überzeugt, dass der Trainer die richtigen Worte für das Spiel am Sonntag gegen Augsburg finden wird und jedem Spieler bewusst ist, dass man nur dann das Ziel Europa League erreichen wird, wenn man die gleiche Gier nach Erfolg zeigt wie in Dortmund. Der Start in die Rückrunde war gut, aber jetzt muss man dem eigenen Anspruch auch in der Tabelle gerecht werden.

Sebastian Prödl

Zur Person: Sebastian Prödl hat von 2008 bis 2015 insgesamt 149 Bundesligaspiele für Werder bestritten und dabei zehn Tore erzielt. 2009 gewann der Abwehrspieler mit Werder den DFB-Pokal. Seit 2015 verteidigt der 31-jährige Österreicher für den FC Watford in der englischen Premier League. Prödl ist natürlich Nationalspieler – und immer mal wieder zu Besuch in Bremen.

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