Der Kolumnistenkreis der DeichStube: Rolf Fuhrmann, Sebastian Prödl, Thomas Schaaf, Nils Petersen und Andreas Herzog.

Kolumne: Sebastian Prödl schreibt für die DeichStube

„Ein Debakel hätte alle aufgerüttelt!“

Kampf und Krampf – so lautet meine Überschrift zum Auswärtsspiel von Werder in Köln. Man hat ganz klar gesehen, was durch eine lange Negativserie in den Köpfen der Spieler vorgeht.

Alle sind verunsichert, der einfachste Pass misslingt und du machst Bälle nicht rein, die du sonst blind versenkst. Aber: Die Mentalität hat gestimmt, niemand hat sich hängen lassen oder gegen den Trainer gespielt. Und derzeit muss man sich auch an den Strohhalm klammern, dass man auswärts einen Punkt geholt und nicht verloren hat.

Hat Werder sich selbst die Messlatte zu hoch gehängt?

Frank Baumann macht das unterdessen clever: Er nimmt den Druck von Mannschaft und Trainerstab und lässt keine störenden Nebengeräusche zu. Und auch ich finde: Nach gerade mal neun Runden ist noch nichts passiert und mit einem Heimsieg gegen Augsburg kann Werder zum HSV aufschließen! Damit will ich aber auch nichts schönreden. Natürlich sind nur fünf Punkte aus neun Spielen bitter! Ich hätte nach der sensationellen Rückrunde in der Vorsaison nicht geglaubt, dass Werder in so eine schwierige Situation geraten könnte. Man hat sich da aber vielleicht selbst die Messlatte zu hoch gehängt.

Führungsspieler gesucht!

Was man jetzt auch spürt, ist das Fehlen von erfahrenen Persönlichkeiten wie Clemens Fritz und Claudio Pizarro. Ich sehe viele Spieler, die wollen, aber niemand nimmt das Heft in die Hand und geht voran. Zladdi wäre dafür prädestiniert, aber er braucht nach seiner langen Verletzungspause noch Zeit. Er ist ja vor kurzem aus der

Nationalmannschaft zurückgetreten, was ich persönlich sehr bedaure. Ich finde, das Team hat ihm gut getan und er hatte dort auch seinen mentalen Ausgleich für einige schwierige Situationen in Bremen. Das hat sich dann auch durch starke Leistungen bei Werder bemerkbar gemacht – aber man muss seine Entscheidung akzeptieren.

Aber zurück zur Werder-Krise: Ich habe den Eindruck, dass noch keiner wirklich das Bewusstsein hat, im Abstiegskampf zu sein. Das ist gefährlich und die Mannschaft muss aufpassen, das auch im Kopf zu verinnerlichen!

Die Krise wurde hinausgeschoben!

So eine Nullnummer wie gegen Köln ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Ich habe bisher von Werder in dieser Spielzeit noch nicht viel Schlechtes gesehen. Nichts, was wirklich alarmierend gewesen wäre. Vielleicht hätte ein schlimmes Debakel der Mannschaft besser getan und sie wäre durch so ein Schock-Ergebnis aufgerüttelt worden. Denn am Anfang haben nach den ersten Spielen alle gesagt, man hat ja gegen Top-Mannschaften wie Bayern, Schalke oder Hoffenheim gespielt.

Damit ist die Krise nur hinausgeschoben worden. Das ist keine Ausrede, sondern man sucht sich Argumente, um den Druck zu nehmen. Aber wenn du gegen Gegner auf Augenhöhe auch nicht gewinnst, dann fehlt die Überzeugung und damit das Selbstvertrauen. Und dann steckst du in einem Teufelskreis, aus dem du schwer wieder raus kommst!

Was Hoffnung macht...

Alle zusammen müssen jetzt versuchen, den Geist der Vorsaison wieder herauf zu beschwören, denn Werder hat ganz sicher die Qualität, um in der Bundesliga zu bleiben. Was mir Hoffnung gibt, ist der Umstand, dass langsam alle Schlüsselspieler wieder fit werden. Das ist wichtig für die Balance und wenn die stimmt, wird Werder auch wieder siegen. Und ich denke, dass auch die Fans die Mannschaft wie immer unterstützen. Sie sehen, dass die Mannschaft will und es oft nur Kleinigkeiten gewesen sind, die für den Umschwung gefehlt haben.

Am Mittwochabend wartet auf Werder das Heimspiel im DFB-Pokal gegen Hoffenheim. Das ist sicherlich eine Chance, sich neues Selbstvertrauen zu holen, auch wenn der absolute Fokus natürlich auf der Bundesliga liegen muss. Auf geht’s Werder!

Sebastian Prödl

Zur Person: Der 30-Jährige hat von 2008 bis 2015 149 Bundesligaspiele für Werder bestritten und dabei zehn Tore erzielt. 2009 gewann der Abwehrspieler mit Werder den DFB-Pokal. Seit 2015 verteidigt der Österreicher für den FC Watford in der englischen Premier League - und wurde von den Fans seines Clubs zum besten Spieler der Saison 2016/17 gewählt. Prödl ist natürlich Nationalspieler (63 Einsätze) - und immer mal wieder zu Besuch in Bremen.

Dieser Artikel wird unterstützt von Josef Prödl Tischlerei GmbH.

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