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Der Kolumnisten-Kreis der DeichStube schreibt über den SV Werder Bremen: Rolf „Rollo“ Fuhrmann, Sebastian Prödl, Thomas Schaaf, Nils Petersen und Klaus Allofs. 

Werder-DeichBlick-Kolumne von Sebastian Prödl

„Der Kopf braucht länger als der Körper“

Von Sebastian Prödl. Werder Bremen wird aktuell von einer Verletzungsserie gebeutelt, durch die einige Profis eine längere Zwangspause einlegen müssen. Wie geht man als Spieler damit um?

Viele brauchen in dieser schweren Zeit die Mannschaft und das gewohnte Umfeld, um sich wieder zurückkämpfen zu können. Das ist verständlich, aber mir reicht in einer Verletzungspause für den Weg zurück ein Physio und ein Konditionstrainer. Ich schalte dabei bewusst in den Modus des Einzelsportlers, auch weil ich gerne selbst die Verantwortung übernehme und mich voll und ganz auf die Reha konzentrieren will.

Wichtig ist, dass man sich als Verletzter nicht drängen lässt und sich kein zeitliches Limit setzt – leider machen viele genau diesen Fehler, lügen sich selbst über ihren tatsächlichen Fitnesszustand an und steigen viel zu früh wieder ins Mannschaftstraining ein oder bestreiten sogar Spiele. Das kann dann ins andere Extrem gehen, die Verletzung bricht erneut auf und der Ausfall dauert noch viel länger als nötig.

Werder Bremen: Ex-Spieler Sebastian Prödl schaut bei Verletzungen auf Einzelsportler

Mir hat es geholfen, dass ich während Verletzungspausen – und da hatte ich im Laufe meiner Karriere schon einige – genau geschaut habe, wie sich Einzelsportler in schwierigen Situationen verhalten. Im Gegensatz zum Fußball sind zum Beispiel Tennisspieler ziemlich auf sich allein gestellt und werden nicht durch einen riesigen Betreuerstab rundum versorgt. 

Wie die auf dem Court mentale Rückschläge wegstecken, bewundere ich und versuche daraus für mich positive Schlüsse zu ziehen. Oder im Skisport, wo die Sportler beim Abfahrtsklassiker in Kitzbühel eine enorme Selbstüberwindung brauchen und gewaltiges Vertrauen in das eigene Können.

Man muss auch unterscheiden, wie schwer die Verletzung tatsächlich ist: Ein Knochenbruch heilt oft viel schneller als der Riss eines Bandes oder einer Sehne. Und es ist für einen Profi ein Unterschied, ob durch den fahrlässigen Umgang mit einer Verletzung ein Dauerschaden entstehen kann, oder man weiß ohnehin im Vorhinein, dass man zum Beispiel nach einer Zerrung in zwei, drei Wochen wieder fit ist.

Werder Bremen: Sebastian Prödl erlitt 2012 multiple Brüche im Gesicht

2012 habe ich mir beim Spiel von Werder Bremen gegen Kaiserlautern durch einen Tritt eines Gegenspielers multiple Brüche im Gesicht zugezogen – da war für mich das größte Problem, wie die Verletzungen zustande gekommen sind. Es war psychisch ganz schwer, wieder an die Grenzen zu gehen und ich habe dann mit einem Mentaltrainer daran gearbeitet.

Der Körper war wieder fit, aber der Kopf hat länger gebraucht, bis er sich an den Körper angepasst hat. Es war für mich wie ein Befreiungsschlag, als ich bei meinem Comeback sechs Wochen später beim 3:0 gegen Hannover ausgerechnet ein Kopfballtor erzielen konnte. Eine Geschichte, wie sie nur der Fußball schreiben kann.

Dass sich Werder Bremen entschlossen hat, die exakte Art von Verletzungen und die Dauer der Ausfälle nicht mehr zu kommunizieren, kann ich verstehen. Auch in der Premier League ist es üblich, keine Prognosen zu stellen. Der Vorteil: Der Druck der Öffentlichkeit fällt weg und man gibt bei leichteren Blessuren auch dem Gegner nicht die Chance, einzuschätzen, wann ein Spieler zurückkommt.

Und auch für die Ärzte und Physios verringert sich dadurch der Druck, einen Spieler gegen jede Vernunft zu früh wieder ins Training zu schicken. So kann sich ein Profi nicht auf die schnellstmögliche, sondern bestmögliche Rehabilitation konzentrieren. Aber im schnelllebigen Tagesgeschäft wird das oft ignoriert.

Werder Bremen: Sebastian Prödl über „Lachs“ Martin Harnik und dessen Wechsel zum HSV 

Mein Kumpel Martin Harnik, mit dem ich viel Zeit bei der Nationalmannschaft und auch privat verbracht habe, hat Werder Bremen in Richtung Hamburg verlassen. Auch wenn es sich um den größten Lokalrivalen handelt – es gibt keine Regel, wie sich ein Spieler in so einem Fall korrekt verhalten muss. 

Martin ist ein halber Hamburger und halber Österreicher. Hamburg ist seine Heimatstadt und ich kann es nachvollziehen, dass es ihn wie einen Lachs zurück zum Ursprung gezogen hat. Harnik hat sich vor einem Jahr für Werder entschieden, und ihm wurden auch gewisse Versprechungen gemacht und Pläne geschmiedet. 

Martin Harnik (li.) wechselte im Sommer von Werder Bremen zum Hamburger SV. 

Jetzt sind andere Spieler vor ihm und ihm wurde mitgeteilt, dass sich seine Rolle in der Mannschaft ändern wird. Da ist es sportlich und auch familiär nachvollziehbar, dass er zum HSV wechselt und ich bin überzeugt, dass da kein Beigeschmack da ist und alle Fans von Werder Bremen Verständnis dafür aufbringen. Außerdem spielen die Hamburger bekanntlich nicht mehr in der Bundesliga…

Nicht nur Martin Harnik ist gewechselt – auch bei meinem Klub Watford FC hat es einen Wechsel auf der Trainerbank gegeben. Javi Garcia wurde durch Quique Sanchez-Flores abgelöst. Das Verhältnis zum Ex-Trainer war von seiner Seite her nicht das Beste – nicht von meiner. Ich habe auch vor dem Trainerwechsel immer betont, dass ich solange wie möglich Teil der stärksten Liga der Welt sein und noch einige Jahre auf höchstem Niveau spielen will. Das hat sich nicht geändert und ich freue mich darauf, den Konkurrenzkampf anzunehmen.

Sebastian Prödl

Zur Person: Sebastian Prödl hat von 2008 bis 2015 insgesamt 149 Bundesligaspiele für Werder bestritten und dabei zehn Tore erzielt. 2009 gewann der Abwehrspieler mit Werder den DFB-Pokal. Seit 2015 verteidigt der 32-jährige Österreicher für den FC Watford in der englischen Premier League. Prödl ist natürlich Nationalspieler – und immer mal wieder zu Besuch in Bremen.

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