+
DeichStuben-Reporterin Saskia Gras (re.) trifft den Gehörlosen-Fanclub „Deaf Werder“.

„Deaf Werder“-Fanclub erstmals im Gehörlosen-Block

Mit den Händen fachsimpeln

Bremen - Von Saskia Gras. Noch von der Gegentribüne des Weserstadions aus konnte man die kleine Fangruppe in Block 20 erkennen. In grün-weißen Trikots und mit den Händen fast pausenlos in Bewegung, verfolgten sie das vorletzte Heimspiel der Hinrunde, Werder gegen Stuttgart.

Was beim ersten Hinsehen als wildes Gestikulieren hätte gedeutet werden können, war etwas ganz anderes: Die Fans diskutierten - in Gebärdensprache. Zum ersten Mal war ein Block in der Ecke zwischen Nordtribüne und Westkurve Anfang Dezember mit gehörlosen Fans besetzt, ein Gebärdensprachen-Dolmetscher übersetzte die Ansagen der Stadionsprecher.

Im Block dabei: Mitglieder des Gehörlosen-Fanclubs „Deaf Werder“ (DWFC). Sie sind bei allen Heimspielen vertreten. Der eigene Block ist nun eine deutliche Verbesserung, wie der ehemalige Vorsitzende Bernd Meyer und Mitglied Michael Klein erklären: „Die Kommunikation ist einfacher und man versteht mehr.“

Willi Lemke ist Ehrenmitglied von „Deaf Werder“

Sitzen gehörlose Fans im Stadion verstreut, können sie sich bei Verständigungsproblemen nicht gegenseitig unterstützen. Auch ein sinnvoller Einsatz eines Dolmetschers ist nicht möglich. Und natürlich macht es mehr Spaß, gemeinsam im Stadion zu sitzen und sich zu unterhalten. „Aber beim Spiel nicht so viel quatschen, sondern auch Fußball gucken“, mahnt „Deaf“-Vorstand Daniel Ehlers.

2015 hat er den Vorsitz des DWFC übernommen, mittlerweile hat der Fanclub 45 Mitglieder aus ganz Deutschland. Damit wurden Bernd Meyers Erwartungen weit übertroffen. Hatte er doch 2009 bei der Gründung noch Probleme gehabt, genügend Mitstreiter zu finden. Erst beim dritten Versuch kamen 13 Fans zusammen und konnten den Club gründen. Auch hörende Werder-Anhänger sind im Fanclub willkommen, die Verständigung läuft aber ausschließlich über Gebärdensprache. Ein „Deaf“-Mitglied dürfte allen Bremer Fans besonders bekannt sein: Ex-Manager Willi Lemke, den Ehlers einmal bei einem Auswärtsspiel in Hannover traf. „Da stand er auf einmal vor mir, und ich dachte, ich frage mal, ob er Ehrenmitglied werden will“, erinnert sich Ehlers.

Den Lärm der Fans am Trommelfell gespürt

Der Fanclub ist nicht nur bei Heimspielen vertreten, auch Auswärtsfahrten stehen auf dem Jahresplan. Besonders ins Schwärmen geraten die Fans, wenn es um den Signal Iduna Park in Dortmund geht. „Ich bin die Treppe nach oben, drehe mich um und: Wow! So viele gelbe Menschen, da muss man sich eine Sonnenbrille besorgen“, berichtet Michael Klein. Die Kulisse war für ihn aber nicht nur visuell beeindruckend, in Dortmund konnte er den Lärm der anderen Zuschauer sogar am Trommelfell spüren.

Klein trägt ein Implantat, das Geräusche etwas verstärkt, den Pfiff des Schiedsrichters hört er aber beispielsweise nicht. Störender findet Bernd Meyer, der gehörlos geboren wurde, dass es für ihn keine Möglichkeit gibt, Pfiffe und Fangesänge der anderen Zuschauer mitzubekommen. Mit Untertiteln auf der Anzeigetafel, sagen die langjährigen Fans, könnten sie die Gesänge verstehen und sich zugehöriger fühlen. „Für uns gehört es zum Werder-Fan-Sein dazu, dass wir auch gerne mitsingen würden“, bekräftigt Klein.

„Es wäre schön, wenn wir im Stadion in der Mitte sitzen könnten“

„Halt dir mal die Ohren zu und ich singe“, sagt er, verdeckt seinen Mund und stimmt „Lebenslang grün-weiß“ an. „Das kann man nicht verstehen, oder?“ Ohne etwas zu hören und ohne Lippenbewegungen erkennen zu können, ist es unmöglich zu erahnen, was er gerade singt. Deswegen sei es für die Barrierefreiheit notwendig, dass Texte geschrieben präsentiert werden. Weil sie ihre Informationen vor allem visuell bekommen, sind gehörlose Fans außerdem auf einen möglichst guten Blick auf das Spielfeld angewiesen.

„Es wäre schön, wenn wir im Stadion in der Mitte sitzen könnten“, wünscht sich Ehlers. Aber dort sitzen traditionell die Dauerkarteninhaber. „Vielleicht könnten wir in ein paar Jahren rüber kommen, um das Spielfeld besser zu sehen“, hofft Ehlers, doch Dauerkarten sind begehrt und teuer. Vorerst ist es dem Fanclub wichtiger, dass alle gehörlosen Fans in einem Block zusammen sitzen können.

Gehörlose Heim- und Gästefans sitzen friedlich zusammen

Das hat auch mit Sicherheitsfragen zu tun. Wichtige Informationen über Notfälle oder Evakuierungen werden vor allem über Lautsprecherdurchsagen weitergegeben. Wenn einer der Gruppe oder ein Dolmetscher diese versteht, können alle schnell informiert werden und über die Fluchtwege nach draußen gelangen. Die bei hörenden Anhängern oft so wichtige Fantrennung ist bei gehörlosen Fußball-Fans übrigens nicht nötig.

Unter dem Motto „Gemeinsam sind wird stark“ sitzen im Gehörlosen-Block Heim- und Gästefans friedlich zusammen. Nicht einmal mit den Fans des rivalisierenden Hamburger SV gibt es Probleme, erklärt „Deaf Werder“-Mitglied Stephan Dieter Reineke: „Hörende Hamburger und Bremer streiten sich manchmal und prügeln sich, aber wir Gehörlosen sind Freunde.“

Zur Homepage des Fanclubs

Dein Fanclub in der FanStube

In der FanStube stellen wir die vielen Menschen hinter ihrem Verein vor. Möchtet auch ihr euren Fanclub in der DeichStube präsentieren, dann meldet euch gerne bei unserem Redakteur Janosch Lenhart.

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Auch interessant

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare