Entfremden sich die Fans vom Fußball und von Clubs wie Werder Bremen? Das sagt Fanforscher Harald Lange.
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Entfremden sich die Fans vom Fußball und von Clubs wie Werder Bremen? Das sagt Fanforscher Harald Lange.

DeichStube-Interview über Entemotionalisierung im Fußball

Fanforscher Lange: „Werder sollte eine Opposition gegenüber dem Mainstream aufbauen“

Bremen – „Entemotionalisierung“ – in diesem reichlich sperrigen Wort steckt eine große Gefahr für den Profifußball. Diese These vertritt Professor Harald Lange von der Universität Würzburg. Er befasst sich seit Jahren mit dem Verhalten von Sport-Fans und glaubt, dass die Geisterspiele dem Fußball gleich eine ganze Generation an Fans kosten könnten. Mit der DeichStube hat Lange aber auch darüber gesprochen, was Vereine gegen den Verlust von Fans unternehmen können und dabei lobend auf Werder Bremen geblickt.

Herr Lange, Fans und Vereine sind durch die Corona-Pandemie schon seit längerer Zeit voneinander getrennt, weil Stadionbesuche nicht möglich sind. Was kann das für Folgen haben?

Das kann mehrerlei Folgen haben. Was Anlass zur Sorge gibt, ist, dass auch die Einschaltquoten im Fernsehen zurückgegangen sind. Und zwar nicht nur bei der Nationalmannschaft, sondern auch bei der Sportschau und bei Sky. Dazu passen Beobachtungen, die wir in unserem Institut machen. Wenn wir beispielsweise Forenchats auswerten und wahrnehmen, was aus den Fankreisen, insbesondere der aktiven Fanszene kommt, dann lässt sich beobachten, dass sich die Fans emotional und kognitiv aus dem Fußball zurückziehen, dass sie enttäuscht und frustriert sind, weil gerade im Lichte der Corona-Krise die Differenz zwischen der Blase Profifußball und ihrer eigenen Lebensrealität deutlich sichtbar geworden ist.“

Werder Bremen: Fans entfremden sich zunehmend vom Fußball

Wie viel Schuld trägt der Fußball an dieser Entwicklung?

Man hat in den Chefetagen der DFL, des DFB und vieler Proficlubs eindrucksvoll gezeigt, dass man ganz weit weg ist von der Basis und die Problemlage gar nicht im Blick hat. Dass man im Profifußball so viel Geld verdienen kann, liegt einzig und allein an der Bedeutung, die die Fans in das System reinpumpen. Nur die millionenfache Bedeutungsauslegung in den Stadien, vor den Fernsehern, am Radio und in den Zeitungen macht das Produkt wertvoll. Sollte diese Währung wegfallen, dann ist der Fußball nur noch wenig wert.

Sehen Sie Langzeitschäden auf den Fußball zukommen?

Ja, denn die Entemotionalisierung ist ein dauerhaftes Problem. Neu ist sie ja nicht, wir sehen das ja nicht erst seit Corona. Die aktuelle Krise wirkt als Beschleuniger, weil sie die Schwachstellen des Systems, die Distanz zwischen Fans und Spitze im Profibereich so sichtbar macht. Begonnen hat die Entemotionalisierung in Teilen aber schon viel früher. Spruchbänder wie „Scheiß DFB“ haben ja jahrelang in den Stadien gehangen. Das war fast schon Folklore. Niemand der Verantwortlichen hat es da auch nur in Ansätzen verstanden, um was es geht oder wäre in der Lage gewesen, über ernstgemeinte Reformen nachzudenken, die sich an der Kritik aus der Basis orientieren. Nach Corona wird das Problem bestehen bleiben. Einmal, weil die emotionale Distanz dann da ist, weil sich Fans in großen Scharen vom Fußball abgewendet haben. Und zum Zweiten fehlt dann ja unter Umständen eine komplette nachwachsende Fan-Generation.

Wie meinen Sie das?

In ihrer Lebenswelt sind Jugendliche irgendwann soweit, dass sie mit ihren Eltern oder Freunden zum Fußball gehen, sich einer Gruppe anschließen und in die Fankultur reinwachsen. Das passiert gerade alles nicht. Wir erleben gerade einen Bruch von fast einem Jahr, in dem Jugendliche nicht ihren ersten Stadionbesuch erleben können, stattdessen aber erfahren, dass der Fußball, über den sie hätten Identifikation finden können, plötzlich in Misskredit gerät. Darüber hinaus wird vielleicht auch im Freundeskreis kritisch gesprochen und die großen Helden, die Ultras, denen man sich vielleicht anschließen oder zumindest in deren Nähe man stehen wollte, die schwadronieren jetzt auf einmal gegen den Fußball. Das wird für viele eine Grenze sein. Unter Umständen wird in den Fankulturen der Nachwuchs wegbrechen.

Fan-Entfremdung: Fanforscher hat einen rat für den SV Werder Bremen

Was können Vereine wie Werder Bremen gegen die drohende Fan-Entfremdung tun?

Werder Bremen ist da ein sehr gutes Beispiel. Natürlich ist der Verein auch auf Kurs der DFL, aber er macht immer mal wieder deutlich, dass er auch für andere Werte steht: Offenheit, Diskurs, Austausch von Meinung, Solidarität. Ein Verein muss sich in der Region etablieren. Muss den Dialog mit den Fans suchen und ein Verein für die Basis sein. Das ist enorm wichtig. Alles, was man jetzt in Fan- und Wertearbeit investiert, zahlt sich nach der Krise aus. Der Verein sollte bestenfalls zum Leuchtturm in einer Wertedebatte werden. Und er sollte, soweit er es sich leisten kann, eine leichte Opposition aufbauen gegenüber dem Mainstream, der zurzeit aus München gesteuerten Kommerzialisierung. In kritischen Phasen eine Position einzunehmen, die mit dem Kommerz kritisch umgeht – das wirkt, weil es authentisch ist.

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