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Die Bremer Ostkurve.

Jonas Gabler über die Frage: „Quo vadis ultrà?“

Fanforscher im Interview: „Das ist gerade eine spannende Zeit“

„Quo vadis ultrà? – In welche Zukunft blickt die Ultrakultur?“. Ob es auf diese Frage eine Antwort gibt, darüber wird am Mittwochabend bei einer Veranstaltung aus der Reihe „Gemeinsam für Toleranz und Integration“ diskutiert.

Eingeleitet wird der Abend (19.30 Uhr, VIP-Bereich Ost des Weser-Stadions) mit einem Vortrag des Fanforschers Jonas Gabler zur Entwicklung der Ultrakultur. Er beleuchtet dabei ebenfalls, wie Vereine, Polizei, Verbände und Medien die Entwicklung der Ultra-Bewegung beeinflusst und geprägt haben. Mit seinem Vortrag und den darin aufgestellten Thesen möchte Gabler Impulse für die anschließende Diskussion setzen. Wir wagten mit Gabler vorab einen Blick in die Glaskugel.

Herr Gabler, in welche Zukunft blickt die Ultrakultur? 

Jonas Gabler: Das ist nicht einfach zu sagen. Ein Ansatzpunkt ist, in den Blick zu nehmen, welche Entwicklung die Ultraszene in der Vergangenheit genommen hat und welche Ereignisse prägend sind.

Ich glaube, das Thema Dialog mit den Verbänden wird in den nächsten Monaten eine wichtige Rolle spielen. Das Gesprächsangebot von DFB und DFL und die nun stattfindenden Treffen stellen einen erneuten Versuch für einen gemeinsamen Dialog dar. Das ist eine große Chance, denn bei der Entwicklung der Ultrakultur muss immer bedacht werden, welchen Anteil Verbände, aber auch Politik, Vereine und Medien haben. Wenn es gelingt, die Ultrakultur mit einzubinden und mitzunehmen, dann könnte man möglicherweise zu einem Punkt zurückkommen, an dem sich die Ultrakultur wieder stärker als eine fan-politische Bewegung begreift. Wenn das nicht gelingt, werden sich Konflikte eher zuspitzen. Deshalb ist das gerade eine durchaus spannende Zeit.

Welche Rolle spielt dabei die Polizei, die Sie zuletzt kritisiert haben?

Gabler: Allgemein ist das Verhältnis zwischen Ultras und der Polizei problematisch. Das gilt z.B. auch für die konkrete Situation in Bremen. Bezüglich der jüngsten Auseinandersetzungen im Bremer Viertel vor einigen Wochen (wir berichteten), war mein Eindruck, dass die Bremer Polizei sehr schnell die Bremer Ultraszene auf dem Kieker hatte. Es soll an dem Spieltag gegen Mainz früh offensichtlich gewesen sein, dass sich Bremer Hooligans im Weser-Stadion befinden und sich dort ein gewisses Konfliktpotential verbirgt. Aus meiner Sicht wäre es die Aufgabe der Polizei gewesen, das ganz genau zu beobachten. Mir wurde später geschildert, wie eng die Ultras an diesem Abend begleitet wurden, dass man jedoch die andere, mindestens genauso problematische Gruppe, aus den Augen verloren habe. Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Da habe ich das Gefühl, dass bei der Polizei ein sehr fokussierter und undifferenzierter Blick auf die Ultras herrscht und andere Dinge ausgeblendet werden.

Welche Dinge sind das?

Gabler: Es steckt eine Geschichte dahinter, die berücksichtigt werden muss. In Bremen haben die Ultras die Hooligans vor vielen Jahren mit ihrem antirassistischen Engagement gewissermaßen aus dem Stadion verdrängt. Das verlief jedoch nicht gänzlich friedlich. Es gab im Jahr 2007 zum Beispiel den Überfall von Bremer Hooligans auf eine Feier von Ultras im Ostkurvensaal. Damals haben die Ultras etwas sehr ungewöhnliches gemacht und sich an der Strafverfolgung beteiligt. In der Folge gab es jedoch nur sehr geringfügige Verurteilungen. Für die Ultras war das wie ein Schlag in die Magengrube. Ihr Gerechtigkeitsempfinden wurde erschüttert und damit ging ein Vertrauensverlust im Verhältnis zwischen den Ultras und der Polizei einher.

Es gibt natürlich unterschiedliche Ultra-Gruppierungen, aber mit Sicherheit gehört Bremen nicht zu den problematischsten Standorten. Für mich ragt die Bremer Ultraszene insbesondere dadurch heraus, dass sie ein großes Engagement gegen Diskriminierung zeigt. Sie sind bei diesem Thema sehr sensibel. Sie wenden sich z.B. auch gegen Homophobie und Sexismus. Das ist bundesweit in Ultraszenen nicht selbstverständlich, das fällt aber leider oft hinten rüber.

Das heißt die positiven Wirkungen der Ultraszene werden oft vergessen?   

Gabler: In Deutschland gab es vor zwanzig, dreißig Jahren ein massives Gewaltproblem mit Hooligans, aber auch mit Rassismus, Rechtsextremismus und Diskriminierung. Dieses Problem gibt es heute in Bremen nur noch sehr wenig, daran hat auch die Ultraszene ihren Anteil. Mir ist der Blick von Seiten der Institutionen oft zu problemorientiert. Die Ultraszene wurde in der Vergangenheit und auch heute weniger als eine Bereicherung der Fankultur gesehen, sondern sie wird oft als problematische, tendenziell kriminelle Gruppe dargestellt. Obwohl es auch Probleme mit Pyrotechnik, körperliche Auseinandersetzungen und Zusammenstöße mit der Polizei gibt, gab es aber auch sehr vernünftige Vorstöße von Seiten der Ultraszene.

Können Sie welche aufzählen?

Die Ultrakultur war – und ist bis heute – in fan-politischen Dingen sehr engagiert. Das heißt, man hat mit demokratischen Mitteln z.B. im Rahmen von Dialogen versucht, die Rahmenbedingungen für Fankultur zu verbessern. Dazu gehören faire Ticketpreise, einheitliche und nachvollziehbare Bestimmungen zur Genehmigung von Fanmaterialien oder einfach nur von Verbänden und Vereinen ernst und wahrgenommen zu werden. Ein Vorstoß der für großes Aufsehen und viele Diskussionen gesorgt hat war die Debatte darum, ob eine Möglichkeit besteht, Pyrotechnik im Stadion legal abbrennen zu können. Das waren durchaus keine unrealistischen, sondern fundierte Ansätze, in die Juristen, Polizei, Ordnungsämter, Feuerwehren etc. involviert waren. Diese Gespräche mit den Verbänden wurden dann aber 2011 auch unter dem Druck der Politik für beendet erklärt und – viel schlimmer – die Forderungen als realitätsfern und hanebüchen abgetan. Das entspricht einfach nicht dem Verlauf, wie diese Gespräche damals geführt wurden. 

Was passierte dann?

Es folgte gewissermaßen eine Trotzreaktion. Es wurde gewissermaßen aus Protest weiter und noch mehr Pyrotechnik gezündet. Dadurch entstand eine Sicherheitsdebatte, die auch medial ausgetragen wurde. Die üblichen Talkshows nahmen sich dem Thema an und glänzten nicht gerade durch Differenzierung. Meine These ist, dass die damals medial transportierten Bilder von „brennenden Kurven“ der nachrückenden Generation von Ultras ein Bild von Ultras vermittelt hat, dass vor allem durch Action und Randale geprägt war. Diese jungen Ultras schlossen sich genau mit dieser Erwartung den Ultragruppen an.   

Viele Stimmen, die sich damals eher als fan-politische Strömung verstanden haben, denen es um Fan-Rechte, Gestaltungsmöglichkeiten von Fan-Kultur und Dialog mit den Vereinen und Verbänden ging, haben ihre Argumente für einen Weg des Dialoges verloren. Ihnen wurde stattdessen vorgeworfen, nichts erreicht zu haben, sondern es eher noch schlimmer gemacht zu haben.

Welche Rolle spielen die Fans denn heute überhaupt noch?  

Es ist ein Fakt, dass die Zuschauer, insbesondere die Fans auf den Stehplätzen finanziell überhaupt keine Rolle mehr spielen. Alle möglichen Einnahmen, wie die durch Fernsehrechte, Sponsoring, Merchandising etc. sind wichtiger als die Zuschauereinnahmen geworden. Der Fan fühlt sich dadurch entwertet.

Es gibt Idealisten – gerade in der Ultraszene –, die das nicht mehr mitmachen wollen. Beobachten Sie einen Rückzug von Gruppen aus den Stadien? 

Das ist ein spannendes Thema. Ich glaube, dass das gerade bei Ultras aus einer älteren Generation schon passiert. Bei vielen hat eine gewisse Entfremdung stattgefunden und sie haben sich aus den Stadien zurückgezogen. Andere gehen den Weg, eigene Vereine zu gründen. Das gab es z.B. in Salzburg und Leipzig, aber auch beim HSV haben sich einige Ultras an der Gründung eines eigenen Vereins beteiligt, als die Profifußballabteilung in eine AG ausgegliedert wurde. 

Auf der anderen Seite wird es auch immer eine junge Generation geben, die nachwächst und für die die heutige Entwicklung normal ist. Die haben eine ganz andere Identifikation mit ihrem Club, als es bei Gruppierungen vor vielen Jahren noch der Fall war.

Ein Thema, das in Bremen für Diskussion sorgt, ist die Polizeikostenerstattung von Seiten der Vereine.   

Das ganze Thema polizeilicher Umgang mit Fußball-Fans in Bremen hat natürlich durch diese Debatte ein Geschmäckle. Ich halte das für einen politisch falschen und auch problematischen Vorstoß, die Kosten einfach auf den Fußball abzuwälzen. Stattdessen sollte über den Tellerrand geblickt werden, ob es innovative Einsatzkonzepte gibt, die Einsparungsmöglichkeiten beim Kräfteansatz ermöglichen. Mein Eindruck ist, dass in Bremen eher das übliche Programm runter gespult wird. Es fehlt mir an Differenzierung verschiedener Gruppierungen und an Konzepten, die auf Kommunikation setzen. Es sollte meines Erachtens weniger auf massive Polizei-Präsenz und stattdessen auf eine kommunikative Begleitung der Einsätze gesetzt werden. Hier gibt es modernere Konzepte, auch aus anderen europäischen Ländern. Bremen gehört nach meinen Eindrücken nicht zu den Vorreitern, um es mal moderat zu formulieren.

Jonas Gabler

Zur Person: Jonas Gabler, Jahrgang 1981, studierte bis 2008 Politikwissenschaft an der FU Berlin und absolvierte ein Auslandssemester an der Universität Mailand. Seine Diplom-Arbeit trägt den Titel „Ultrakulturen und Rechtsextremismus – Fußballfans in Deutschland und Italien“. Mit seinem Buch „Die Ultras. Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland“ gelang ihm die erste Analyse der deutschen Ultraszene, für die er bundesweit viel Aufmerksamkeit bekam. Seit dem Studium arbeitet er als freier Publizist zu den Themen Fankultur, Ultras, Diskriminierung und Antidiskriminierung. Er ist Mitarbeiter der Kompetenzgruppe “Fankultur und Sport bezogene Soziale Arbeit" (KoFaS), die rundum die Themen der Fankultur forscht, berät und qualifiziert. 

Hier findet ihr alle Informationen zur Veranstaltung: „Quo vadis ultrà? – In welche Zukunft blickt die Ultrakultur?“ 

Ostkurve im Weserstadion

Die Ostkurve im Bremer Weserstadion.
Die Ostkurve im Bremer Weserstadion. © Gumz
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Fan-Support vor dem Spiel Werder vs. Hannover 

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