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Diskutierten über die Ultra-Kultur: Jonas Gabler (v.l.), Hubertus Hess-Grunewald, Michael Gabriel, Thomas Schneider und Andreas Löwe. Moderator der Podiumsdiskussion war Journalist Ronny Blaschke.

Podiumsdiskussion über die Zukunft der Ultra-Kultur

Hess-Grunewald: „Es gibt nicht die guten Fans und die bösen Fans“

Bremen - Das Thema hatte zweifellos einen Nerv getroffen. Mehr als 100 Besucher waren am Mittwochabend in den VIP-Bereich Ost des Weserstadions gekommen, um beim Vortrag und der Podiumsdiskussion zum Thema „Quo vadis ultra? – In welche Zukunft blickt die Ultra-Kultur?“ zuzuhören – und sich zu beteiligen.

Es entstand eine rege Diskussion, zwar am Ende ohne die ganz großen Ergebnisse, aber die hatte wohl eh niemand ernsthaft erwartet. Eine sanfte Annäherung war es dennoch, denn im zerrütteten Verhältnis zwischen Ultras und der Polizei war es der Beginn eines Austausches.

Nach dem Vortrag von Fanforscher Jonas Gabler beteiligten sich Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald, Andreas Löwe (Einsatzleiter Fußball der Polizei Bremen), Michael Gabriel (Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte) und Thomas Schneider (Leiter der Abteilung Fanangelegenheiten bei der DFL) an der Diskussion. Die wichtigsten Themen und Aussagen in der Übersicht.

Die Dialogbereitschaft der Polizei

Der vielleicht wichtigste Punkt des Abends. Andreas Löwe, der erst seit Kurzem Einsatzleiter Fußball bei der Bremer Polizei ist, wünscht sich einen stärkeren Austausch mit den Ultras. „Das Thema Dialog – da hakt es manchmal leider“, gab er zu. „Uns ist es leider noch nicht gelungen, direkt mit den Fangruppen in Kontakt zu treten.“ Löwe würde eine regelmäßige Gesprächsrunde mit Beteiligung der Vereine begrüßen: „Ich würde klein anfangen, dass wir überhaupt erst mal ins Gespräch kommen.“

Die Ausdifferenzierung der Ultra-Szene

„Es hat in den letzten zehn Jahren eine Ausdifferenzierung der Szene in Deutschland gegeben“, berichtete Fanforscher Jonas Gabler. Die Gruppen entwickeln unterschiedliche Mentalitäten, unterschiedliche Schwerpunkte. Es sind auch radikale Gruppen entstanden, die gewalttätige Auseinandersetzungen suchen: „Die Grenze zwischen Teilen der Ultras und Hooligans sind verschwommen“, sagte Gabler und kommentierte: „Ganz persönlich sage ich: Das gefällt mir nicht. Was mir Sorge macht, ist das Bild, das dadurch transportiert wird.“

Mit acht Ultra-Gruppierungen stehe Werder Bremen derzeit im Austausch, berichtete Vereinspräsident Hubertus Hess-Grunewald und erklärte: „Ich glaube nicht, dass wir damit schon am Ende sind.“ Natürlich sei es leichter, mit nur ein oder zwei Vertretern der Ultras im Austausch zu stehen, „aber es ist nun mal so. Uns sind die Fans in dieser Vielfalt wichtig.“ Hess-Grunewald betonte: „Es gibt nicht die guten Fans und die bösen Fans, sondern diese Differenziertheit ist gut.“

Nach dem Werder-Spiel gegen Mainz 05 kam es zu einer Schlägerei am Steintor. Dabei wurden mehrere Menschen verletzt.

Was ist der Grund für die Entwicklung?

„Das ist keine Entwicklung im luftleeren Raum, sondern auch eine Reaktion auf öffentlichen Umgang mit der Ultra-Kultur“, sagte Gabler. In der Vergangenheit sei viel Vertrauen zerstört worden, etwa durch enttäuschende Fan-Dialoge mit DFB und DFL, durch negative Berichterstattung, die junge radikale Anhänger erst in die Szene gelockt hätte, weil sie glaubten, dass Ultra-Kultur Krawall bedeute.

Gabler sieht auch die Polizei in der Verantwortung: „Die Polizei hat Horror-Szenarien in ihren Berichten gezeichnet.“ Es sei nun eine verbreitete Befürchtung der Ultras, „dass die Polizei sie so kleinmachen will wie möglich“. Gabler bilanzierte: „Meine Wahrnehmung ist, dass es eine problematische Entwicklung gibt, aber das ist auch eine Reaktion auf einen problematischen Umgang.“

Das Selbstverständnis der Ultras

„Die Bereitschaft zur Selbstreflexion ist gesunken“, hat Gabler beobachtet. Die Ultra-Gruppen müssten sich wieder stärker selbst hinterfragen, ein neues Selbstverständnis definieren: Wer sind sie, was wollen sie? Geht es um Unterstützung und Kreativität oder geht es um Rivalität und Auseinandersetzung?

Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte sieht das ähnlich: „Es gibt heutzutage eine wahnsinnige Abgrenzung und Rivalität vieler Gruppen. Ich würde mir einen selbstkritischen Prozess der Ultrakultur wünschen.“ Thomas Schneider, Leiter der Abteilung Fanangelegenheiten bei der DFL, ging noch einen Schritt weiter: „Ultras müssen sich auch selbst fragen: Was ist unser Anteil an dem Problem, dass wir nicht verstanden werden?“

Die Bedeutung der Ultras

„Wir brauchen die Unterstützung der Ultras“, sagte Werder-Präsident Hess-Grunewald und bezog sich auf den lautstarken Support im Stadion. Michael Gabriel sieht aber mehr als die sportliche Komponente: „Was oft übersehen und nicht wertgeschätzt wird, ist, wie viel die Fans in den Fußball investieren“, sagte er.

Die Fans seien heute viel stärker in den Verein eingebunden als früher, und die Vereine hätten diese Wichtigkeit verstanden – auch wenn die Ultras aus finanzieller Sicht immer unbedeutender für die Clubs werden. Gabriel erinnerte: „Die Fans haben dazu beigetragen, dass der Rassismus aus dem Stadion zurückgedrängt wurde.“

Nun fühlen sich allerdings immer mehr Fans nicht mehr von der Entwicklung des Fußballs repräsentiert. Thomas Schneider sagte: „Ich habe nicht das Gefühl, dass sich die Ultras, mit denen ich zusammengesessen habe, sich vom Fußball abgewendet haben, sondern dass sie sich ausgegrenzt fühlen: Der Fußball nimmt eine Entwicklung, zu der ich nicht mehr gehören soll.“

Es sei eine Herausforderung, die vielen unterschiedliche Bedürfnisse von Fans zu erfüllen. Die Ultras seien ein sehr kritischer Dialogpartner, aber: „Wir haben die schlauste Kurve ever“, meint Schneider. Heutzutage seien die Fans nicht mehr mit einer Runde Freibier abzuspeisen.

Mehr als 100 Besucher kamen in den VIP-Bereich Ost des Weserstadions zu Vortrag und Podiumsdiskussion.

Kritik an der Polizei

Die Polizei musste sich am Mittwochabend viel Kritik gefallen lassen. „Man muss sich nicht wundern, wenn die Fans nicht mit der Polizei reden wollen. Die Leute werden einfach schlecht behandelt“, sagte eine Besucherin der Veranstaltung. Ein anderer Besucher polterte: „Mit dem rechten Auge sehen Sie weg!“ Die Polizei habe rechte Hooligans nicht unter Kontrolle, habe bei den Krawallen im Bremer Viertel nach dem Spiel gegen Mainz 05 gewusst, dass an einer Kneipe Hooligans auf die Ultras warteten.

Heinz-Jürgen Pusch, kürzlich aus dem Dienst geschiedener Einsatzleiter der Polizei, schaltete sich ein: „Es sind bei jedem Spiel Rechte und Hooligans im Stadion“ - teils mit Familien, teils alleine. Die Polizei beobachte das. Rund um das Mainz-Spiel habe es allerdings „keine Hinweise gegeben, dass es zu einer Auseinandersetzung kommt“. Andreas Löwe meinte, die Ultras hätten sich im Vorfeld an die Polizei wenden können.

Die Ultras kauften den Polizei-Vertretern das nicht ab. „Ich würde die Polizei nicht um Hilfe bitten, weil ich Angst habe, von der Polizei selbst beleidigt zu werden“, sagte an anderer Stelle des Abends ein Besucher. Die Beamten seien nicht an Kommunikation interessiert.

Löwe sperrte sich gegen diese Pauschalisierung: „Es gibt nicht die Ultras, genauso wie es nicht die Polizei gibt. Wir sind auch nicht homogen“, sagte er. „Allerdings haben wir einen sehr klaren gesetzlichen Auftrag, der uns zur Neutralität verpflichtet.“ Löwe unterstrich: „Es gibt keine legitimierte Gewalt, weder von links noch von rechts. Es gibt keine gute Gewalt.“

Hubertus Hess-Grunewald nahm die Polizei ein Stückweit in Schutz, bedankte sich für die Kooperation: „Ich kann aus meiner Rolle sagen, dass ich sehr dankbar bin, dass wir die Polizei in Bremen haben, mit der wir belastbar diskutieren können.“ Der Werder-Präsident sprach von einem „verlässlichen und guten Dialogpartner“.

Thomas Schneider von der DFL meinte zwar, dass die Polizei in der aktuellen Situation „nicht zu beneiden“ sei, hatte allerdings einen Verbesserungsvorschlag: „Angesichts der aktuellen Herausforderungen wäre es absolut zeitgemäß im Sicherheitsmanagement, dass Einsatzleiter und seine Mitarbeiter Spezialisten sind.“

Fazit

„Das war total spannend, es kann aber nur ein Aufschlag sein“, sagte der Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald nach der Veranstaltung gegenüber der DeichStube. Themen wie die Zukunft der Ultras – das eigentliche Thema der Veranstaltung – und drängende Fragen, etwa ob Ultras zunehmend an den Rand gedrängt werden, seien zu kurz gekommen.

Hess-Grunewald freute sich über eine „tolle Resonanz“ und eine „lebendige Diskussion“. Es sei nicht selbstverständlich, dass sich auch die Polizei direkt den Ultras stelle. Für die Zukunft hofft er auf Gespräche zwischen Verein, Polizei und Ultras - nicht öffentlich wie am Mittwoch, sondern in einem hochvertraulichen Rahmen.

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