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Alle schauen im Weserstadion gebannt auf den Platz – nur Toni Reicksmann nicht: Der 56-Jährige ist blind und verfolgt das Spiel über Kopfhörer – mit ganz viel Spaß.

Wie blinde Fans ein Spiel im Weserstadion erleben

Fußball als Hörspiel

Bremen. Den Kragen hat er hochgezogen, die Mütze sitzt tief im Gesicht. Dicke Jacke, Handschuhe – Toni Reicksmann hat sich gewissenhaft auf das letzte Bundesligaspiel des Jahres vorbereitet.

Die Luft ist kalt und feucht, von Schnee keine Spur. Der Bremer Winter bleibt sich auch 2017 treu. Eine halbe Stunde noch, dann trifft Werder auf Mainz 05, dann soll die verkorkste Hinrunde möglichst mit einem Heimsieg enden. Die Einlasskontrolle ist kein Problem. Reicksmann kommt seit Jahren, immer durch Tor 3. „Wichtiges Spiel heute“, sagt er zu einem der Ordner. Dann geht er Richtung Tunnel, der die Fans in den Innenraum und von dort auf die Nordtribüne führt. Es wird ein ereignisreicher Nachmittag werden. Vom Spiel wird Toni Reicksmann aber nichts sehen. Der 56-jährige ist blind. Ins Weserstadion kommt er trotzdem. Immer. „Ich liebe es, die Stimmung hier mitzuverfolgen“, sagt er. Dann setzt er seinen Kopfhörer auf und wartet darauf, dass das Spiel eine Stimme bekommt.

Kaltes Wasser ist tabu. Das ist die einzige Regel, die Florian Reinecke an Arbeitstagen wie diesen eisern befolgt. „Nicht gut für die Stimme“, erklärt er, bevor er einen letzten Blick auf den Aufstellungsbogen wirft. Berggreen, de Blasis, Quaison – die Mainzer Spielernamen müssen beim Anstoß sitzen. Die der Bremer kann er längst rückwärts buchstabieren. Reinecke, 38 Jahre alt, ist der Mann, der Fußball gleich in ein Hörspiel verwandeln wird. Seit 2008 bietet Werder Bremen den speziellen Service für blinde und sehbehinderte Fans an. Organisiert wird alles von Alexandra Lüddecke und ihrem Team. Die Behinderten-Beauftragte des Vereins erklärt: „Wir haben etwa zehn sehbehinderte Fans pro Spiel. Die meisten kommen immer wieder.“ 

Tatsächlich erinnert die Begrüßung an Tor 3 an ein Familientreffen: Umarmungen, Small-Talk, Gelächter. Reinecke hat sich für die Vorbereitung zurückgezogen. Kurz darauf sitzt er auf dem Unterrang der Nordtribüne am Mikrofon. Von dort schickt er seine Stimme auf die Ohren von Fans wie Toni Reicksmann. „Mein Fokus liegt auf der Beschreibung, weniger auf dem Kommentieren“, erklärt er. „Ich muss schließlich die Augen der Leute ersetzen.“ Auch die von Gerd Blomkamp.

Kommentator Florian Reinecke und Blindenbeauftragte Alexandra Lüddecke. 

Zehn Jahre ist es her, als es im Leben des Rentners endgültig dunkel wurde. Grüner Star. Eine Zeitlang nahm Blomkamp den Sohn oder die Tochter mit ins Stadion, Dauerkarte, Block acht. Die Kinder haben ihm erzählt, was unten auf dem Rasen los ist. 2008 war der 67-Jährige dann einer der ersten Hörer von „Radio Reinecke“. Auch heute ist er wieder gekommen. Mit dem Reisebus aus seinem Wohnort Löhne, knapp 200 Kilometer von Bremen entfernt. Ziemlich großer Aufwand für ein Fußballspiel, das man nicht sehen kann. Die Frage, warum er sich zu Hause nicht einfach vors Radio setzt, bekommt Blomkamp öfter gestellt. Seine Antwort: „Fußball muss man live erleben. Das Gefühl dabei zu sein, ist durch nichts zu ersetzen.“

Stadionbesuch wird durch mehrere Sinne zum Erlebnis

Reicksmann teilt dieses Empfinden. Der Bremer ist zu früh geboren, weshalb sich an einem Auge die Netzhaut abgelöst hat. Ein paar Jahre später folgte das andere Auge. „Ich bin trotzdem mit einem Ball groß geworden und habe immer Fußball gespielt“, sagt er. Wer von seinen Geschwistern die Idee mit dem Anglerglöckchen hatte, kann er nicht mehr sagen. Ist auch egal. Sie war jedenfalls ziemlich genial. „Wir haben einen alten Lederball aufgemacht, Glöckchen rein und dann wieder zugenäht. So konnte ich mitspielen.“ Fußball ohne sehen zu können – das funktioniert auch aktiv.

Blinde Werder-Fans

Blinde Fans im Weserstadion.
Blinde Fans im Weserstadion. © Gumz
Blinde Fans im Weserstadion.
Blinde Fans im Weserstadion. © Gumz
Blinde Fans im Weserstadion.
Blinde Fans im Weserstadion. © Gumz
Blinde Fans im Weserstadion.
Blinde Fans im Weserstadion. © Gumz
Blinde Fans im Weserstadion.
Blinde Fans im Weserstadion. © Gumz
Blinde Fans im Weserstadion.
Blinde Fans im Weserstadion. © Gumz

Passiv sowieso. Schließlich wird der Stadionbesuch durch mehrere Sinne zum Erlebnis. Die Ohren hören Gesänge der Fans, ihr Raunen, die Pfeife des Schiedsrichters und dieses ganz besondere Geräusch, wenn der Ball Sekundenbruchteile nach dem Schuss den Fuß verlässt: Pfupp! Die Nase atmet Bratwurstgeruch, Zigarettenrauch, dazu die leichte Spur von Rasenduft. „Das habe ich vor dem Radio alles nicht“, sagt Blomkamp, der lächelt, als er seinen Platz eingenommen hat.

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