Anhänger des SV Werder Bremen äußern sich zum Thema Fan-Anleihen: (V.l.n.r.) Ingo Kläner, Steffen Scholz und Hans von Schultzendorff.
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Anhänger des SV Werder Bremen äußern sich zum Thema Fan-Anleihen: (V.l.n.r.) Ingo Kläner, Steffen Scholz und Hans von Schultzendorff.

Ingo Kläner, Hans von Schultzendorff & Steffen Scholz

Werder-Anhänger über die Idee zu Fan-Anleihen: „Dann geht der Schuss nach hinten los“

Bremen – Zunächst mit regem Interesse, dann mit einiger Verwunderung, „und am Ende ist es mir doch sauer aufgestoßen“. Als Ingo Kläner am Sonntagabend auf seinem Handy den Artikel der DeichStube über Werder Bremens Gedankenspiel zum Thema Fan-Anleihen las, war seine Stimmung erstmal im Keller.

Einerseits, weil ihm durch die Lektüre noch einmal ganz deutlich vor Augen geführt wurde, wie schlecht es finanziell um seinen Lieblingsverein steht. Und andererseits, weil er die Idee des SVW, sich möglicherweise mit dem Geld seiner Fans zu retten, für unangemessen hält. „Ich persönlich glaube nicht, dass Fan-Anleihen auf große Resonanz stoßen würden“, sagt Kläner, der seit vielen Jahren Präsident des größten aller Fanclubs des SV Werder Bremen ist. Knapp 2000 Mitglieder zählt der Club „27801“, der die Postleitzahl seines Gründungsortes Dötlingen als Namen trägt. Viele Menschen also, die – sollte sich Werder für eine Fan-Anleihe entscheiden – in Zukunft zu potenziellen Geldgebern für den Verein werden könnten.

Werder Bremen will sich Fan-Anleihen als letzten Ausweg offenhalten

Für den Fall, dass alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und auch in der neuen Saison weiterhin ohne Zuschauer gespielt werden muss, will sich Werder Fan-Anleihen als letzten Ausweg offenhalten, um eine drohende Insolvenz abzuwenden. In diesem Fall würden die Fans ab einem meist dreistelligen Einstiegsbetrag die Summe frei wählen können, die sie dem Verein zur Verfügung stellen und dafür dann einen jährlichen Zinssatz erhalten. Am Ende der mehrjährigen Laufzeit gibt es das Geld zurück. Geht der Verein in der Zwischenzeit aber pleite, ist es weg.

Ein finanzielles Risiko für die Fans ist also nicht von der Hand zu weisen – und für Dauerkarten-Inhaber Steffen Scholz auch der Grund dafür, sich nicht an einer Anleihe zu beteiligen. „Für mich persönlich wäre eine Fan-Anleihe keine Option, weil ich als Familienvater so ein Risiko nicht eingehen möchte“, sagt der 37-Jährige, der das Thema noch aus einem anderen Grund kritisch sieht. „Allgemein finde ich es moralisch fragwürdig, in einer, in dem Fall dann offensichtlich der Insolvenz nahen Situation, einen Teil des Risikos auf die Fans abzuwälzen, die sich emotional in einer gewissen Verantwortung sehen“, sagt Scholz. Das passe in seinen Augen nicht zu den von Werder Bremen beschriebenen Werten, „da sich von so einem Modell sicher auch Fans angesprochen fühlen, denen auch kleine Verluste wirklich wehtun würden“.

Werder Bremen: Fanclub-Präsident Ingo Kläner hat mit dem Thema Fan-Anleihen ein großes Problem

Ingo Kläner kann durchaus nachvollziehen, dass sich Werder Bremen Gedanken in alle Richtungen macht, wie es finanziell weitergehen könnte. „Da müssen ja alle Sachen auf den Tisch kommen“, sagt er, hat aber trotzdem mit dem Thema Fan-Anleihen ein großes Problem. „Ich weiß nicht, ob ich das machen würde“, erklärt der 60-Jährige, den in diesem Zusammenhang vor allem eine Sache stört: das viele Geld, das in der Fußballbranche nach wie vor in Umlauf ist.

Dass Fußballprofis weiterhin Millionengehälter verdienen, die Fans mit ihrem eigenen Geld aber den angeschlagenen Lieblingsverein retten sollen, um das System am Laufen zu halten, passt für Kläner nicht zusammen. Schon gar nicht in einer Zeit, in der viele Menschen wirtschaftlich hart von der Corona-Pandemie getroffen wurden und werden. „Wenn die Spieler nicht zu einem größeren Verzicht bereit sind, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass viele Fans bei einer Anleihe mitmachen. Dann geht der Schuss nach hinten los“, sagt der Dötlinger, der den Ersatzteile-Dienst in einem Autohaus leitet. Ob es bei Werder Bremen aktuell überhaupt noch einen Gehaltsverzicht der Profis gibt, ist nicht bekannt. Der Verein äußert sich zu dem Thema schon länger nicht mehr.

Fan-Anleihen bei Werder Bremen dürfen für Hans von Schultzendorff „nur die allerletzte Patrone sein“

Auch Hans von Schultzendorff, der Präsident des rund 200 Mitglieder zählenden Werder-Fanclubs „Grün-Weißes München“, sieht diesen Punkt kritisch. „Die Gehälter der Profis sorgen auf jeden Fall für einen faden Beigeschmack“, sagt er, hält zum Thema Fan-Anleihen aber grundsätzlich fest: „Am Ende zählt jeder Strohhalm, damit der Verein nicht pleite geht.“ Ebenso wie Kläner stellt sich der 33-Jährige in den kommenden Tagen auf „kontroverse Diskussionen“ in der Fan-Club-internen Chatgruppe ein. „Sollte Werder diesen Schritt gehen, darf es wirklich nur die allerletzte Patrone sein“, sagt er. Die vom Verein ebenfalls ins Spiel gebrachten Mittelstandsanleihen, die sich an institutionelle Investoren, Unternehmen und Privatanleger richten, hält von Schultzendorff für die „smartere Lösung“. Erstmal müssten sich aber genug Interessenten finden, die bereit und in der Lage dazu sind, Geld für Werder Bremen locker zu machen. Kläner betont: „Es ist schlimm, dass es in Bremen und im Umland nicht genug Firmen gibt, die dem Verein helfen. Die Wirtschaft kann Werder im Fall der Fälle nicht einfach hängen lassen.“

Und die Fans? Eine nicht-repräsentative Online-Umfrage der DeichStube, die auf deichstube.de noch läuft, liefert zumindest die erste Tendenz, dass ein Großteil der Anhänger das Thema Fan-Anleihe gar nicht so kritisch sieht. Am Mittwochabend hatten über 70 Prozent der Teilnehmer eine Fan-Anleihe als „sinnvolle Option“ eingestuft. (dco/len) Auch interessant: Kampf um Florian Kohfeldt: So sehr muss Werder Bremen um seinen Trainer zittern!

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