Werder Bremen-Fan Kristof Köritz steht vor dem Weserstadion, trägt einen Mundschutz und hält ein Handy in der Hand
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Fan-Rückkehr bei Werder Bremen - und Kristof Köritz war als Zuschauer gegen Hertha BSC im Weserstadion dabei. Für die DeichStube schildert er seine Erfahrungen.

Bei 1:4-Niederlage gegen Hertha BSC

Lang ersehnte Rückkehr zu Werder ins Weserstadion: Erst euphorisch, dann ernüchtert - ein Fan-Erlebnisbericht

Bremen – Werder Bremen durfte beim Bundesliga-Start gegen Hertha BSC vor 8.400 Zuschauern im Weserstadion spielen. Wie lief so ein Stadion-Besuch in Corona-Zeiten ab? Wie war die Atmosphäre? Und was löst Werder in seinen Anhängern aus? Ein Fan-Erlebnisbericht von Kristof Köritz.

224 Tage. So lange ist es her, dass ich bei einem Spiel von Werder Bremen im Weserstadion war. Werder verlor damals, am 8. Februar 2020, zuhause mit 0:2 gegen Union Berlin und taumelte weiter dem Abstieg in Liga zwei entgegen. Wenigstens das blieb uns Fans am Ende erspart. Nun geht es also weiter, Heimspiel gegen Hertha BSC – und ich bin einer von den 8.400 Zuschauern, die ins Stadion kommen dürfen. Ein „Auserwählter“ sozusagen. Wenige Tage vor dem Saisonauftakt hatte ich erfahren, dass ich tatsächlich ausgelost worden war. Meine Gefühle: Euphorie? Ja. Skepsis? Auch.

Die Skepsis – vor allem wegen der Frage „Wie läuft so ein Stadionbesuch während einer Pandemie wohl ab?“ – sollte allerdings schnell weichen. Auf dem Weg zum Osterdeich, auf dem Vorplatz, beim Einlass und im Stadion auf allen Wegen: keine Hektik, alles auf Abstand, Einhaltung der Hygienemaßnahmen bei fast allen Fans. Kann also losgehen, der schöne sonnige Fußballnachmittag!

Werder Bremen: Endlich wieder Stimmung! Aber die Gästefans vermisst man ein bisschen

Gegen 14.20 Uhr sitze ich in der Westkurve auf dem mir zugewiesenen Platz – es ist sogar fast der Platz meiner Dauerkarte. Die ersten Eindrücke prasseln auf mich ein. Wie cool, endlich mal wieder im Weserstadion zu sein! Ich gucke auf die Uhr: 14.30 Uhr. Die regelmäßigen Durchsagen wie etwa „Bitte bleibt möglichst auf euren Plätzen sitzen“, „Achtet auf den Abstand“ und „Denkt an euren Mundschutz“ machen dann schnell deutlich, dass es kein normales Bundesligaspiel wird. Normal ist auch nicht, dass mir die Zeit bis zum Anpfiff wie eine Ewigkeit vorkommt. Musik oder die gelegentlichen Einlagen der Stadionsprecher Arnd Zeigler und Christian Stoll – das hilft, lässt die Zeit aber nicht wie im Fluge vergehen. „Ist das immer so gewesen?“, frage ich mich. Nee.

Dann kommen endlich die Mannschaften, und es passiert etwas, was ich schon fast vergessen hatte im Fußballgeschäft: Es herrscht Stimmung im Stadion! Klatschen, Pfeifen, Anfeuern aus voller Kehle! Geil! Ich bekomme Gänsehaut. Was für ein Hexenkessel – naja, fast. Denn irgendetwas fehlt. Stimmt, das Gebrüll der Gästefans. Sonst immer störend und anstachelnd zugleich, vermisst man es jetzt irgendwie ein bisschen.

Werder Bremen gegen Hertha BSC: Atmosphäre wechselt zwischen Bundesliga-Stadion und Kreisliga-Sportplatz

Kurz vor Anpfiff noch schnell der obligatorische Gang zur Toilette und die pure Verwunderung: Hier, wo sonst gefühlt 300 Fans ungeduldig mit den Hufen scharren und ihrem Bedürfnis nachgehen wollen, sind genau zwei andere Leute und ich. Wow! Könnte man sich dran gewöhnen. Wieder am Platz winke ich noch Freunden auf der Haupttribüne und am anderen Ende der Westtribüne zu – ist ja neu, dass man sich so leicht erkennen kann, muss man also mal gemacht haben. Dann: endlich Anpfiff!

Das Weserstadion hat sich wie ein gut sortierter Legobaukasten nach und nach gefüllt, überall verstreut Fans, die nun Gesänge anstimmen, klatschen und hoffen, dass Werder Bremen heute drei Punkte im eigenen Stadion behält. Die Hoffnung sollte allen geraubt werden. Immer wieder wechselt die Atmosphäre zwischen einem Kreisliga-Sportplatz mit 200 Zuschauern inklusive Anweisungen der Spieler vom Platz und einem Bundesliga-Stadion, in dem sich 8.500 Fans um Stimmung bemühen. Spannend.

All das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass das Spiel bis etwa zur 35. Minute sehr zäh ist, Werder Bremen zum Ende der ersten Halbzeit in alte Muster verfällt und mit 0:2 in die Kabine geschickt wird. Bums! Pfiffe der eigenen Fans gegen das Team, die Stimmung ist nach 45 Minuten der Saison 2020/2021 auf deutsch gesagt schon wieder im Arsch.

Werder Bremen: Immer weniger Fangesänge, immer mehr Gemecker auf den Rängen

In der zweiten Halbzeit nehme ich immer weniger Fangesänge wahr, dafür umso mehr Gemecker und erregte Gemüter auf den Rängen. Es folgt das 0:3, was die ganze Situation natürlich nicht besser macht. Das 1:3 von Davie Selke ist dann irgendwie auch nur Nebensache. Kurzer Jubel, geht da vielleicht doch noch etwas? Aber so richtig will ich nicht mehr dran glauben. Zu sehr bin ich von Werder in der letzten Saison enttäuscht worden und offenbar geht es diese Spielzeit nahtlos so weiter. Wirklich schade, hatte ich mir doch erhofft, mein erstes Tor im Weserstadion nach langer Zeit gebührend feiern zu können! Stattdessen muss ich immer mehr Stammtischgerede, plumpe Parolen oder Amateurtrainergequatsche von anderen Fans mit anhören. War schön, als das Stadion voll war und ich das nicht alles über 60, 70 Minuten mitbekommen habe.

Am Ende verliert Werder 1:4 gegen Hertha BSC, meine Laune ist im Keller und ich trete den bitteren Heimweg an. Im Radio höre ich noch Florian Kohfeldt im Interview und anschließend läuft „Happy“ von Pharrell Williams. Von Freude oder Euphorie ist bei mir aber nichts mehr zu spüren. Nur noch Ernüchterung.

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