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Katja Warnecke geht seit 1983 zu jedem Werder-Spiel im Weserstadion.

Für sie sind Fußballtickets mehr als nur ein Stück Papier – viel mehr

Katjas Karten

Bremen. An diesem Abend ist alles gut gegangen. Zumindest bisher. Es gibt ja diese Typen – ob es Absicht ist, schwer zu sagen – jedenfalls reißen sie nicht ab, sondern durch. Aus dem kleinen Stück Papier werden dann zwei, zum Sammeln ist das nicht mehr so schön. Heute aber nicht.

Katja Warncke hatte die Eingangskontrolle vor dem Weserstadion bereits hinter sich gelassen. Sie hatte einen guten Ordner erwischt, ihre Eintrittskarte war noch ganz. Dann die Handgriffe, schon so oft vollzogen, dass es die Augen zur korrekten Ausführung nicht mehr braucht: In der Mitte geknickt, mit den Fingern die scharfe Kante abgefahren, die Karte in der Jackentasche verstaut. Damit die natürlichen Feinde Wasser und Wind auch dieses Mal keine Chance haben. Kurz danach nimmt Katja Warncke ihren Stehplatz ein, Ostkurve, unterer Bereich. Es ist kalt an diesem Abend, 3. November 1987, dazu noch dichter Nebel. In den folgenden zwei Stunden merkt Warncke davon nichts mehr. 

Nach einem 1:4 im Hinspiel zieht Werder Bremen durch einen furiosen 6:2-Erfolg über Spartak Moskau in die nächste Runde des Europapokals ein. Es ist das erste Wunder von der Weser. Das postkartengroße Stück Papier in Warnckes Innentasche wird dadurch mit großer Bedeutung aufgeladen, die bei der Bremerin noch heute, 30 Jahre später, für glänzende Augen sorgt.

Seit 1983 zu jedem Spiel

Der kleine Aktenordner sieht unscheinbar aus. Blau ist er und prall gefüllt, das lässt sich schon vor dem Öffnen erkennen. Warncke legt ihn behutsam vor sich auf den Tisch, nachdem sie ihn aus ihrer Tasche geholt hat. Es ist das Logbuch eines Fanlebens. Die Chronik einer Leidenschaft, die bis heute anhält. Seit 1983 geht Warncke zu jedem Spiel ins Weserstadion. Ihre Eintrittskarten aus all den Jahren hat sie aufgehoben. Es sind mehrere Hundert. „Ich muss sie nur kurz ansehen, dann kommen die Erinnerungen wieder“, sagt sie, ehe sie zu blättern anfängt. Es folgen viele persönliche Anekdoten, detailliert, wie aus einem fotografischen Gedächtnis abgerufen. Aber auch über die Entwicklung des Fußballs in den vergangenen 35 Jahren sagen Warnckes Karten eine Menge aus. Besonders eine, die schon gar nicht mehr zur Sammlung gehört.

1988, DFB-Pokal, Werder schießt die SpVgg Bayreuth in der 2. Runde mit 6:1 aus dem Stadion. Gerade einmal 2988 Zuschauer wollen das an einem Mittwochabend vor Ort mit ansehen. Warncke ist unter ihnen und profitiert hinterher von einer besonderen Aktion des Vereins. Die wenigen treuen Fans, die auch im tiefsten Bremer Herbst gegen einen Abstiegskandidaten aus der 2. Liga ins Stadion kommen, werden belohnt. „Nach dem Spiel konnte man die Bayreuth-Karte eintauschen“, berichtet Warncke, die sich damals schweren Herzens davon trennt. Die Belohnung ist einfach zu verlockend: Es gibt ein Ticket für das Europapokalspiel gegen Dynamo Berlin eine Woche später. Knallgrünes Papier, am oberen und unteren Rand wirbt die Bremer Spielbank über die ganze Breite: „Chancen bis 40.000 DM. Roulette, Black Jack.“ In der Mitte die Eckdaten: Paarung, Platz im Stadion, fortlaufende Nummerierung. Ganz links ein Stempel: „Unverkäufliche Freikarte.“ Bei einem Europapokal-Spiel! Heute undenkbar. Höchstens beim Bäcker liegen hin und wieder noch Karten mit solcher Kennzeichnung aus – für den Zirkus vor den Toren der Stadt. 

Warncke ist 1988 also auch beim zweiten Wunder von der Weser dabei. Als Ehrengast, sozusagen. Mit 5:0 gewinnt Werder gegen den DDR-Meister aus Berlin, nachdem das Hinspiel mit 0:3 verloren gegangen war.

Werder ist ein Familienmitglied

Auf vielen Karten in ihrer Sammlung stehen handschriftliche Notizen, meist kurze Gedanken zum Spiel, flüchtig mit Kugelschreiber festgehalten. Auf der vom 2:1-Derbysieg gegen den HSV aus dem März 1996 heißt es: „Werder is back!“ Nach der 0:1-Pokalniederlage gegen Eintracht Frankfurt aus dem April 1988 eine Schiedsrichter-Bewertung: „Scheiß Pauly, der versaut uns alles.“ Für Katja Warncke ist Werder mehr als nur ihr Lieblingsverein. Eher den Status eines Familienmitglieds nimmt der SVW bei ihr ein. Mal ärgert sie sich über ihn, keine Frage, aber ohne Werder geht es nicht. Die Eintrittskarten hortet sie wie andere Urlaubsgrüße aus aller Welt oder die gekritzelten Bilder, die die Kinder früher gemalt haben. Der materielle Wert ist gleich Null, der emotionale dafür unendlich groß.

Werder-Eintrittskarten

Werder-Eintrittskarten
Werder-Eintrittskarten © cottäus
Werder-Eintrittskarten
Werder-Eintrittskarten © cottäus
Werder-Eintrittskarten
Werder-Eintrittskarten © cottäus
Werder-Eintrittskarten
Werder-Eintrittskarten © cottäus
Werder-Eintrittskarten
Werder-Eintrittskarten © cottäus
Werder-Eintrittskarten
Werder-Eintrittskarten © cottäus
Werder-Eintrittskarten
Werder-Eintrittskarten © cottäus
Werder-Eintrittskarten
Werder-Eintrittskarten © cottäus
Werder-Eintrittskarten
Werder-Eintrittskarten © cottäus
Werder-Eintrittskarten
Werder-Eintrittskarten © cottäus
Werder-Eintrittskarten
Werder-Eintrittskarten © cottäus
Werder-Eintrittskarten
Werder-Eintrittskarten © cottäus

„Ich lebe Werder seit ich denken kann“, sagt Warncke. „Mit der Eintrittskarte kann ich ein kleines Stück für mich mit nach Hause nehmen.“ Genau darum geht es der 46-Jährigen: Um ein Abzeichens des Dabeigewesenseins. Es kommt vor, dass Freunde ihr Karten schenken wollen. Warncke lehnt dann höflich ab. „Wenn ich nicht selbst dabei war, hat das keinen Wert für mich“, sagt die Frau, die ihre Sammlung vor einigen Jahren geschlossen hat. „Schade ist das irgendwie schon, aber es hat ja keinen Sinn mehr gemacht.“

Als eingefleischter Fan besitzt die Bremerin schon lange eine Dauerkarte. Die besteht inzwischen nicht mehr aus Papier, sondern aus Plastik und kann für jede Saison genutzt werden, wenn die Fans sie entsprechend freischalten. „Früher gab es wenigstens noch einen Block mit 17 Karten für die Heimspiele“, erinnert sich Warncke, die aber auch die Vorteile der Chipkarte zu schätzen weiß. „Es ist ja schon umweltfreundlicher und bequem zu nutzen.“ Nun macht sie mit ihrem Handy Fotos von den Spielen. Es ist nicht das Gleiche, erfüllt aber auch seinen Zweck. Irgendwie.

Hin und wieder kommen sie dann, diese Abende, an denen Katja Warncke ihren kleinen Ordner hervorholt. „Ich stöbere gerne darin“, sagt die Frau, die fast zu frieren scheint, wenn sie sich an den November-Abend von 1987, an das Wunder gegen Moskau erinnert. Die Eintrittskarte von damals leuchtet noch immer in knalligem Pink. Sie ist das Herzstück der Sammlung. Neben Werder hat Warncke eine 6 notiert, neben Moskau steht eine 2, das Endergebnis. Gemeinsam mit ihrer Cousine hat sie sich das Spiel damals angesehen. Als beide danach aus dem Stadion raus sind, hat die Cousine ihre Karte weggeschmissen.

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