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Im "Stadion an der Schleißheimer Straße" treffen sich die Werder-Fans in München.

Reportage aus einer Münchner Werder-Fankneipe

Das Nordderby - auch im Süden ein Straßenfeger

München – Von Christian Wachter. Wenn das Nordderby ansteht, ist das auch für Werder-Fans südlich des Weißwurstäquators ein Straßenfeger. Der Fanclub „Grün-Weißes München“ hält in der bayerischen Landeshauptstadt die Stellung und ist eine wichtige Anlaufstelle für Anhänger der Bremer, die neu in der Stadt sind.

Guido mimt den Stadionsprecher: „Weeerder“, ruft er, „Breeemen“, antworten gut 30 andere Fans in der Fußballkneipe „Stadion an der Schleißheimer Straße“. Gerade hat Fin Bartels beim Hamburger SV im 105. Nordderby das 1:1 erzielt und mit einem Haken Verteidiger Douglas Santos alt aussehen lassen. Das Spiel ist erst 14 Minuten alt. Guido, Mitte 40, ist wie viele andere Werderaner in der bayerischen Landeshauptstadt Mitglied im Fanclub „Grün-Weißes München“. In diesem Jahr haben sie ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert und sie treffen sich regelmäßig, um Fußball auf Flachbildschirmen, Leinwänden oder im Stadion zu schauen.

Deutlich mehr als 100 Mitglieder sind sie, zwölf von ihnen sind nach Hamburg gefahren, um das Spiel im Volksparkstadion zu sehen. Der Andrang allerdings habe inzwischen etwas nachgelassen, erzählt Michael. Die Jahre voller Tristesse im Abstiegskampf könnten dafür verantwortlich sein, vermutet der 34-jährige Informatiker, der von den anderen grün-weißen Münchnern Onno genannt wird. Bei manchen Mitgliedern hätten sich aber auch schlicht die Lebensumstände geändert. „In den entscheidenden Spielen ist der Zulauf aber nach wie vor sehr groß.“ Onno ist einer der ganz wenigen im Fanclub, die auch tatsächlich in der Münchener Region aufgewachsen sind, und die Stadt nicht wegen Beruf oder Studium zur Wahlheimat machten.

Fans haben Angst, dass Werder wie Kaiserslautern enden könnte

Werderaner müssen einiges aushalten können, das beweist die Partie gegen den HSV erneut. Schon nach gut zwei Minuten steht es 1:0 für die Hamburger. Dass der HSV überhaupt an den Ball kommt, liegt am Bremer Torhüter Jaroslav Drobny, der den Ball ins Seitenaus spielt. Bei der Flanke von Lewis Holtby ist der Bremer Innenverteidiger Milos Veljkovic gerade anderweitig beschäftigt, sodass Michael Gregoritsch in aller Ruhe einköpfen kann. Der Sky-Kommentator Wolff-Christoph Fuss meint, hier werde verteidigt wie bei den letzten Menschen.

Vom Münchner Tisch gibt es keinen Widerspruch. Aber dennoch: „Es zeichnet uns Werder-Fans aus, dass wir auch jetzt zum Verein stehen“, sagt Onno kämpferisch. Seit er Mitglied im Fanclub ist, hat er einiges erlebt. Die Derbys, bei denen die Nordclubs noch um die internationalen Plätze kämpften, die Atmosphäre in Istanbul beim UEFA-Cup-Finale gegen Donezk 2009, viele Fan-Feste und Treffen mit anderen Werder-Fanclubs in Deutschland. Jetzt allerdings hat er Bedenken, dass Werder im Falle eines Abstiegs einmal so enden könnte wie Kaiserslautern. In den Tiefen der Zweiten Liga.

Gnabrys Ausgleich hebt die Stimmung

Die Bremer auf dem Platz kommen zwar besser ins Spiel, können ihm die Sorgen aber nicht wirklich nehmen. Ein Fehlpass reiht sich an den nächsten, die Abwehr wirkt so unsicher, wie man es gewohnt ist. In der 28. Minute rutschen Zlatko Junuzovic und Veljkovic am Ball vorbei und Nicolai Müller kann den Ball so auf Gregoritsch spielen, dass der mehr Platz hat als im Training und zum 2:1 einschieben kann.

„Hauptsache man hat sich auf der Jahreshauptversammlung wieder einmal gefeiert“, tönt es ärgerlich vom Nebentisch. Kurz vor der Halbzeitpause sieht die Welt schon wieder anderes aus. Serge Gnabry dringt in den Strafraum rein, kurvt um Dennis Diekmeier und Johan Djourou herum und vollendet elegant zum 2:2 ins lange rechte Eck. „Weeeerder“, ruft Guido, „Breeeemen“, kommt vom Rest. Es ist vom „psychologisch wichtigen Zeitpunkt“ die Rede.

In der Pause ist Gelegenheit, um frische Luft zu schnappen. Kurz herauszugehen aus der Kneipe, die sich ein Fußballfan kaum schöner malen könnte. Im anderen Teil des Raums fiebern Dortmund- und Gladbach-Fans mit ihren Vereinen, über ihnen hängt ein riesiger Kunstrasen bestückt mit Portraits bekannter deutscher Spieler aller Generationen.

Autor Nick Hornby würde gut an den Fan-Tisch passen

Das „Stadion an der Schleißheimer Straße“ ist nicht nur bildlich bis unter die Decke bestückt mit Fußball-Devotionalien. Zahlreiche Trikots, Karten und Schals hängen an Wänden und Fenstern. Oft haben sie Spieler wie Mats Hummels inklusive Widmung unterschrieben. Ein kleines Museum mit Ausstellungsstücken von Leeds über Sandhausen bis nach Neapel. Ein Domizil auf Dauer sei die Kneipe aber nicht, betont Onno. Früher waren sie nämlich immer in Gaststätten, die ausschließlich Werder zeigten. So eine suchen sie wieder.

Während in der ersten Hälfte die Abwehrdefizite beider Teams für Spannung sorgen, ist die zweite vom Kampf geprägt. Auf Torchancen muss man jetzt länger warten. Es sind gerade solche ruhigen Phasen des Spiels, die Onno und Guido auch nutzen, um über Dinge abseits des Fußballs zu sprechen: Konzerte und Festivals. Musik und Fußball – der Autor Nick Hornby, der unter anderem die Arsenal-Hommage „Fever Pitch“ und den Plattenladen-Roman „High Fidelity“ schrieb, würde gut an den Tisch passen. Durch den Fanclub, erzählt Onno, hätten sich viele enge Freundschaften entwickelt. Für manch einen sei er sogar die Gelegenheit gewesen, um in München überhaupt erste Kontakte zu knüpfen.

Zweite Liga? Mit Fans von 1860 verstehen sich die Grün-Weißen eh

Ein recht unbeholfener Junuzovic-Kopfball erntet eher Lacher als Verärgerung. Schmunzelnd sagt Onno: „Jetzt wechsel doch mal die Papierkugel ein.“ Die ist allerdings verhindert, liegt sie doch seit den vier legendären Derbys 2009 in einer Vitrine im Werder-Museum. Dafür kommt Claudio Pizarro 20 Minuten vor Schluss aufs Feld. Weshalb für die Werder-Ikone gerade Gnabry Platz machen muss, versteht niemand. Dass zuvor Thanos Petsos für Philipp Bargfrede ausgwechselt wird, schon eher.

Vielleicht, erzählt Onno, wäre es ja besser gewesen, keinen unerfahrenen Mann wie Alexander Nouri auf die Trainerbank zu setzen – trotz Stallgeruch. Als der Schiedsrichter Dr. Felix Brych nach einigen weiteren harten Zweikämpfen und einer Gregoritsch-Großchance schließlich abpfeift, spenden die grün-weißen Münchner ihrem Verein Applaus. Werder hat nun acht Punkte und 31 Gegentore aus zwölf Spielen.

Ein Fan sagt, er vermeide es, diese Zwischenbilanz auf 34 Spieltage hochzurechnen. Man hat aber nicht den Eindruck, dass die Münchner in Grün und Weiß darauf verzichten würden, gemeinsam die Werder-Spiele zu schauen, sollte es tatsächlich einmal ins Bundesliga-Unterhaus gehen. Und mit den Fans von 1860 München, erläutert Onno, verstünden sie sich ohnehin gut.

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