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Ailton weinte hemmungslos

So berichtete die Kreiszeitung am Montag, 10. Mai 2004, über die vierte Deutsche Meisterschaft von Werder Bremen.

München - Ailton kauerte auf dem Rasen und weinte bitterlich, Trainer Thomas Schaaf ging in sich gekehrt mutterseelenallein über den Platz, während seine Spieler vor der Fankurve abfeierten und sich literweise den Champagner in den Kragen schütteten. Es waren Momente großer Emotionen, die sich nach dem Abpfiff im Münchner Olympiastadion abspielten und selbst dem neutralen Beobachter Schauer über den Rücken jagten.

Der Meisterfeier war eine meisterliche Leistung der Bremer vorausgegangen. Mit 3:1 (3:0) demütigten die Hanseaten den FC Bayern München in dessen Stadion und erhielten besonders für ihre Gala-Vorstellung in der ersten Halbzeit Beifall auf offener Szene. Ivan Klasnic (19.) nach einem groben Schnitzer von Torwart Oliver Kahn, Johan Micoud (26.) mit einem exzellenten Heber nach einem Traumpass von Fabian Ernst sowie Ailton (35.) mit einem sensationellen Schlenzer in den Winkel sorgten vor 63 000 Zuschauern bei einem Gegentor von Roy Makaay (55.) für grün-weiße Glückseligkeit. Für die Bayern indes war es die Höchststrafe, wie Micoud beschrieb. „Wir haben den härtesten Konkurrenten in seinem Stadion keine Chance gelassen. Nach den Attacken der Bayern haben wir die richtige Antwort auf dem Platz gegeben“, strahlte der französische Spielmacher unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen.

Derweil lag Ailton auf dem Rasen und weinte. „Ich habe in diesem Moment an meinen Bruder und an meine Mutter gedacht. Beide sind im letzten Jahr gestorben. Sie haben mir bestimmt aus dem Himmel zugesehen und sich mit mir gefreut“, sagte der Brasilianer mit feuchten Augen: „Ihnen widme ich diesen Titel.“ Trainer Thomas Schaaf und Geschäftsführer Klaus Allofs versuchten, den 30-Jährigen zu trösten. „Ich habe zu Toni gesagt: „Lass' es raus'“, beschrieb der Coach die wohl ergreifendsten Minuten nach dem Abpfiff. Von Allofs und Schaaf in den Arm genommen, ließ Ailton dann auch seinen Gefühlen freien Lauf.

„Ailton ist Deutscher Meister, Werder ist Deutscher Meister“, sagte er und weinte hemmungslos. Sein bevorstehender Abschied im Sommer dürfte zusätzlich einiges dazu beigetragen haben.

„Der Wechsel tut ihm am meisten weh“, vermutete Clubchef Jürgen Born. Und Trainer Thomas Schaaf sagte: „Toni ist an diesem Tag der glücklichste und traurigste Mensch zugleich.“

Der Coach selbst hatte die Meisterschaft zunächst für sich genossen. Allein schritt der 43-Jährige über den Rassen, der Blick umherschweifend, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben. „Es waren ganz private Gedanken, die mir in diesem Moment durch den Kopf schossen“, sagte Schaaf.

Gestern hätte der Bremer Trainer fast die zweite Deutsche Meisterschaft an einem Wochenende gefeiert. Tochter Valeska wurde bei den Korbball-Titelkämpfen in Bremen Dritte. Natürlich war Thomas Schaaf dabei. Er ist es immer, wenn seine Zeit erlaubt. „Meine Familie unterstützt mich immer so sehr, da ist es für mich selbstverständlich, etwas zurückzugeben“, sagte Schaaf.

Und Ailton? Seine Tränen waren schnell wieder getrocknet. „Jetzt wird gefeiert bis zum Pokalfinale“, lachte der Brasilianer, ehe er vor laufenden Kameras mit einer Flasche Schampus splitternackt ins Entmüdungsbecken hüpfte.

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