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Mit Charme und Schale

So berichtete die Kreiszeitung am Montag, 17. Mai 2004, über die vierte Deutsche Meisterschaft von Werder Bremen.

Bremen - Von Carsten Sander und Arne Flügge. Die üblichen Superlative reichten nicht mehr aus. Unbeschreiblich, unvergesslich, phantastisch, sagenhaft, sensationell – bei der Bewertung dieser Meisterfeier herrschte freie Auswahl. Doch um das, was sich gestern in den frühen Nachmittagsstunden zwischen Weserstadion und Marktplatz abgespielt hatte, in treffende Worte zu kleiden, braucht es neue Vokabeln. „Bremenhaft“ vielleicht. Oder „Werderbar“. Denn die Feierlichkeiten zum vierten Titelgewinn von Werder Bremen waren so sehr emotionaler, so viel gewaltiger als alles andere zuvor Erlebte.

Der Autokorso – er wurde begleitet von 50 000 Menschen. Am Straßenrand stehend winkten und jubelten sie den Spielern in den Mercedes-Cabrios zu. Konfetti regnete von den Balkons, die Fans scharten sich um die Autos, schüttelten den Bremer Meisterhelden wieder und wieder die Hand. Kurzum: Es war ein Tag mit Charme und Schale.

Nur im Schritttempo kamen die Wagen voran. Für die knapp drei Kilometer brauchte die meisterliche Karawane 60 Minuten. Eine Stunde, die „wohl niemand von uns jemals vergessen wird“, sagte Sportdirektor Klaus Allofs, der zusammen mit der Schale, Trainer Thomas Schaaf und Kapitän Frank Baumann an der Spitze der grün-weißen „Love-Parade“ fuhr. Es folgte der Wagen mit den Geschäftsführern Jürgen L. Born, Manfred Müller und Klaus-Dieter Fischer, dann kam die Mannschaft.

Und die Spieler hatten – na klar, Feier-Ausrüstung angelegt: Werder -Piratentücher auf dem Kopf und dunkle Sonnenbrillen zu den dunklen Anzügen. Denn die Augen hatten durch heftige Aktivitäten in dr Nacht zuvor ziemlich gelitten. Nach der Schalen-Übergabe am Samstag (und der 2:6-Blamage gegen Leverkusen) war die Mannschaft losgezogen. Erst ein Schlemmer-Menü im „Andechser“, dann weiter ins „Loft“. Die Bestände an alkoholischen Getränken sollen in kürzester Zeit drastisch gesunken sein. Nur die Schale war nicht dabei. „Wir hatten Angst um das gute Stück“, witzelte Klaus Allofs, „wir wollten nicht, dass Toni die Schale mit nach Hause nimmt und sie womöglich geklaut würde.“ Erklärung: Torjäger Ailton waren in der Nacht auf Freitag bei einem Einbruch in sein Haus zwei Autoschlüssel und folglich zwei Luxus-Karossen abhanden gekommen. „Das war bestimmt kein Werder-Fan“, grinste der Brasilianer, nachdem er den ersten Schreck überwunden hatte.

Gestern brauchte er auch kein Auto, gestern wurde er gefahren. Bis vor den Seiteneingang des Bremer Rathauses, wo sich alle Spieler ins Goldene Buch der Stadt eintrugen. Um 13.30 Uhr ging' s dann raus auf den Balkon – und bei 30 000 Fans auf dem Marktplatz brandete unbeschreiblicher Jubel auf. Immer wieder streckten die Profis der Menge die Schale entgegen. Die Stimmung kochte. „Aber alles war friedlich – das war eigentlich das Schönste daran“, strahlte Bürgermeister Henning Scherf, der – wie immer bei solchen Anlässen – das Werder-“W“ auf den Wangen trug.

Später ging' s für die Mannschaft noch rüber zum Domshof, wo jeder Spieler einzeln abgefeiert wurde. „Einfach geil“, fand Ümit Davala den Nachmittag. Und eine Steigerung scheint nicht möglich. Wobei: Wer weiß schon, was passiert, wenn Werder am 29. Mai auch noch den DFB-Pokal gewinnt und damit das erste Double der Vereinsgeschichte perfekt macht“ „Dann werden sich die Fans sicher wieder selbst übertreffen. Das können sie ja, das haben sie heute eindrucksvoll bewiesen“, meinte Klaus Allofs.

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