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Frank Baumann erinnert sich gern ans Double 2004 mit Werder Bremen.

Frank Baumann im Interview

"Pasching hat uns zusammengeschweißt"

Bremen - Von Carsten Sander. Das Double aus Meisterschaft und Pokal 2004 war der größte Erfolg in der Geschichte des SV Werder Bremen. Im Interview blickt der damalige Kapitän und heutige Sportchef Frank Baumann zurück.

Liebe geht durch den Magen – sagt man. Erfolg auch! Der Double-Sieg des SV Werder Bremen in der Saison 2003/04 berechtigt kurioserweise zu dieser These. Denn die perfekt funktionierende Mannschaft um Kapitän Frank Baumann war damals nämlich nicht nur auf dem Trainingsplatz, sondern auch in etlichen Restaurants in Bremen und Umgebung geformt. Einem Ritual innerhalb des Teams sei Dank. Frank Baumann: "Wir trafen uns damals regelmäßig zu Mannschaftsabenden – dazu gehörte, dass unsere ausländischen Spieler in ein für sie landestypisches Restaurant einladen mussten."

Demnach wurde beim Brasilianer, beim Türken, im Balkan-Restaurant, beim Griechen, beim Kanadier und Franzosen, beim Ungarn oder Schweizer, ja sogar beim Ukrainer gespeist und der Teamgeist gepflegt. Nur ob Pekka Lagerblom damals ein Haus mit finnischen Spezialitäten aufgetrieben hat, ist im Nebel der Erinnerung verloren gegangen. Ansonsten ist 2004 bei Frank Baumann noch sehr präsent. Das Interview mit dem damaligen Kapitän und heutigen Sportchef.

Am 15. Mai 2004 durften Sie die Meisterschale hochhalten, am 30. Mai den DFB-Pokal - ist das Double 2004 auch viele Jahre danach noch als das Fußball-Erlebnis Ihres Lebens bei Ihnen abgespeichert?

Frank Baumann: Ich denke im Alltag nicht ständig daran, aber natürlich wird man immer wieder damit konfrontiert – wie jetzt auch. Rein sportlich gesehen war es natürlich die erfolgreichste und schönste Saison für mich.

Welches Verhältnis entwickelt man mit der Zeit zu diesem Erfolg?

Baumann: Es ist ja nicht ganz so häufig vorgekommen, dass Werder das Double gewonnen hat. Es ist also eine Sache, die mich auch im Nachhinein noch stolz macht.

Welche Bilder sind aus dieser Saison noch am klarsten in Erinnerung?

Das sind natürlich sehr viele - aber am besten sicherlich das entscheidende Spiel in München, damals noch im Olympiastadion. Es war ein superschöner, sonniger Tag. Vor dem Spiel hatte es einige Sprüche aus München gegeben, und wir sind trotzdem mit dem Selbstvertrauen, das sich im Laufe der Saison bei uns aufgebaut hatte, dorthin gefahren, um dort zu gewinnen und die Meisterschaft perfekt zu machen.

Was mit dem 3:1-Sieg dann auch gelang.

Baumann: Dass das Spiel so gut, schön und überzeugend gelaufen ist, war das i-Tüpfelchen auf eine außergewöhnliche Saison.

Wie viele Sprünge hat Ihr Herz in München gemacht, als Olli Kahn den Ball fallen ließ und Ivan Klasnic zum 1:0 traf? Oder bei Johan Micouds Heber zum 2:0, bei Ailtons Schlenzer zum 3:0?

Baumann: Im Spiel waren die Gefühle noch gar nicht so groß. Wie schon gesagt: Wir hatten vorher bereits die Überzeugung, dass wir in München gewinnen konnten – wenngleich wir uns natürlich nicht erträumt hatten, mit einer 3:0-Führung in die Pause zu gehen. Wir haben noch das 1:3 kassiert, mussten konzentriert bleiben. Aber zehn Minuten vor Schluss habe ich schon realisiert, was wir da gleich erreichen würden. Die Gefühle, die da aufkamen, kann man nur schwer beschreiben.

Frank Baumann präsentiert im Bremer Rathaus unter anderem Bürgermeister Henning Scherf (r.) die Meisterschale.

Wann hatten Sie in der Saison das erste Mal die Überzeugung, dass für Werder etwas Großes möglich sein könnte? Der Start war mit der Blamage im UI-Cup gegen Superfund Pasching ja nicht so schön verlaufen.

Baumann: Pasching war ja noch vor der Bundesliga-Saison und hat uns nur noch mehr zusammengeschweißt. Wir haben danach noch intensiver an Abläufen und Automatismen gearbeitet, das war dann ja auch das große Plus für uns. Wir haben uns auf dem Platz irgendwann fast blind verstanden.

Dass wir Meister werden können, war für mich spätestens nach dem Sieg in Gladbach (2:1 am 19. Spieltag, d. Red.) wirklich greifbar. Dort haben wir uns nach einem Rückstand aufgebäumt und haben in Unterzahl (Mladen Krstajic hatte in der 72. Minute Gelb-Rot gesehen, d. Red.) noch den Sieg eingefahren.

Durch einen – das sei nicht verschwiegen – Treffer von Ihnen in der Schlussminute.

Baumann: Ja, genau, ich habe den Ball damals irgendwie über die Linie gestolpert (lacht). Durch diesen Sieg ist die Überzeugung bei uns gewachsen, Platz eins in der Tabelle bis zum Schluss nicht mehr hergeben zu wollen.

Das war Anfang Februar, drei Monate später ging es in die entscheidende Phase. Und Werder knallte Verfolger Bayern München am 31. Spieltag mal eben einen 6:0-Sieg über den Hamburger SV vor die Füße. Uli Hoeneß war sauer, sprach von norddeutschem Klüngel und einer Riesensauerei... Hat das die gute Laune bei Ihnen nur noch weiter gehoben?

Baumann: Wir haben uns nicht totgelacht, aber gefreut hat es uns wahrscheinlich schon. Der Sieg über den HSV war ja schon Grund genug zur Freude, dass die Münchner danach versuchten, uns mit anderen Mitteln aus dem Tritt zu bringen, war für uns nur ein weiteres Zeichen, dass wir die bessere Mannschaft waren.

Was eine Woche später auch zweifelsfrei bewiesen wurde. Bayern – Werder 1:3 ­- das Meisterstück. Bei der Rückkehr nach Bremen entstand das berühmte Bild von Thomas Schaaf, der aus der Dachluke des Cockpits eine Werder-Fahne schwenkte. Was hat die Mannschaft im Inneren des Flugzeugs davon eigentlich mitbekommen?

Baumann: Nichts. Das haben wir erst im Nachhinein registriert.

Die Spieler waren wahrscheinlich auch anderweitig beschäftigt...

Wir waren so fasziniert von den Menschenmassen, die sich da auf den Weg zum Flughafen gemacht hatten. Das Flugzeug hatte ja noch zwei Extrarunden gedreht, und was wir da sehen konnten, war sehr überwältigend.

Und während des Fluges?

Baumann: Da haben wir das gemacht, was man halt so macht, wenn man Deutscher Meister geworden ist: Gesungen, getrunken, Spaß gehabt.

Am nächsten Spieltag drängte sich der Verdacht auf, das wäre eine Woche so weitergegangen. Werder verlor daheim 2:6 gegen Leverkusen.

Baumann (lacht): Es war nicht ganz eine Woche. Ein, zwei Tage vor dem Spiel haben wir das Feiern dann doch unterbrochen, um uns auf das Spiel vorzubereiten. Wir sind auf jeden Fall alle nüchtern in die Partie gegangen. Das Ergebnis täuscht auch über den Spielverlauf hinweg. Es ging schon hin und her – am Ende haben wir dann doch die erste Klatsche bekommen. Aber glauben Sie mir: Das war schnell vergessen.

Frank Baumann und Fabian Ernst feiern mit Tausenden Fans das Double 2004.

Logisch, nach dem Spiel wurde schließlich die Schale überreicht, Sie haben sie in Empfang genommen. Ein gigantischer Moment?

Baumann: Für mich hätte es keinen Unterschied gemacht, ob ich die Schale als Erster oder als Fünfter in den Händen halte. Die Tatsache, Meister geworden zu sein, zählte. Es war für mich schon eine Ehre gewesen, Kapitän einer so guten Mannschaft gewesen zu sein. Wir waren eine überragende Truppe, haben uns alle super verstanden – und konnten auch entsprechend gut feiern. Nach dem Bayern-Spiel und auch nach dem Leverkusen-Spiel hatten wir die Möglichkeit dazu, danach mussten und wollten wir uns auch wieder konzentrieren, das DFB-Pokal-Finale stand noch aus.

Die Saison war auch geprägt von Ailton – wegen seiner 28 Tore in der Liga, aber auch wegen seines früh verkündeten Wechsels zum FC Schalke. Wohl jeder, der dabei war, erinnert sich an seine Tränen nach dem letzten Heimspiel.

Baumann: Man sieht ja heute noch, wie beliebt er in Bremen ist. Es ist ja auch oft so, dass es für die Popularität gut ist, wenn ein Spieler auf dem Höhepunkt den Verein wechselt. Besser hätte es für ihn wohl gar nicht werden können als in dieser Saison.

Sie meinen, Ailton als Legende würde es nicht geben, wenn er geblieben wäre?

Baumann: Doch, doch. Aber man weiß ja nie, was zwei, drei Jahre später gewesen wäre, wenn er nicht mehr dieser Quote gehbat hätte. Publikumsliebling wäre er sicher immer geblieben, vielleicht hätte er aber ein bisschen an Glanz verloren.

Dieses Jahr 2004 ist bislang einmalig in der Vereinshistorie. Glauben Sie, dass es sich irgendwann wiederholen kann?

Baumann: In 118 Jahren Werder-Vereinsgeschichte ist es einmal vorgekommen. Und wenn man davon ausgeht, dass Werder nochmal genauso lange besteht – warum nicht? Aber ich hoffe natürlich, dass wir nicht ganz so lange warten müssen. Aktuell ist es sicher eher unrealistisch ist, aber im Fußball ändern sich die Dinge manchmal sehr schnell. Wenn uns jemand 1999 (Werder entging nur knapp dem Abstieg, d. Red.) jemand gesagt hätte, dass wir 2004 das Double gewinnen, hätten wir wahrscheinlich nicht dran geglaubt. Selbst 2002 waren wir davon noch meilenweit entfernt.

Was war dann die Quelle des Entwicklungsspungs?

Baumann: Es war gar nicht der plötzliche Sprung, es war eine kontinuierliche Entwicklung. In den Jahren zuvor waren wir schon in Reichweite der Spitzenplätze, hatten aber noch Schwankungen in unseren Leistungen. Es ist dank harter Arbeit, guter Entscheidungen und auch dem nötigen Glück etwas entstanden. Es passte einfach – in der Kabine und auf dem Platz. Dazu kam, dass Trainer Thomas Schaaf mit den unterschiedlichen Charakteren und nicht immer einfachen Spielern sehr gut zurechtkam. Er hat etwas geformt, was perfekt funktioniert hat.

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