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Werder-Kapitän Frank Baumann reckt die Meisterschale 2004 in die Höhe.

Der Weg zu den Titeln

Ein Double für die Ewigkeit

Von Henning Harlacher. Fünf Jahre mussten die Fans auf einen Titel warten. Doch 2004 wurden sie fürstlich entlohnt. Das einmalige Double aus Meisterschaft und DFB-Pokalsieg ist der große Höhepunkt in der Vereinsgeschichte des SV Werder Bremen.

Die fetten Jahre in der Hansestadt Bremen schienen vorbei. Der letzte Titel stammte aus dem Jahr 1999, auch die Jahre danach zeigten, dass Werder nur noch die fünfte, sechste oder gar siebte Geige im Konzert der Großen spielte. Und auch zu Beginn der Saison 2003/2004 bekleckerte sich der SV Werder nicht gerade mit Ruhm: Nach 0:4 und 1:1 schied die Mannschaft von Trainer Thomas Schaaf im UI-Cup, der Qualifikation für den Uefa-Cup, sang- und klanglos gegen den österreichischen Mittelklasse-Verein FC Pasching aus.

Für die neue Spielzeit hatte Werder-Manager Klaus Allofs nur sehr wenig Geld in den neuen Kader investiert. Thomas Schaaf setzte nicht mehr auf Torhüter Pascal Borel, Allofs holte er den alten Recken Andreas Reinke vom spanischen Verein Real Murcia ablösefrei nach Bremen. Der Schlussmann war da bereits 34 Jahre alt und hatte eigentlich bereits 2000 mit seinem Wechsel vom 1. FC Kaiserslautern nach Iraklis den Herbst seiner Karriere eingeläutet. Doch dieser Transfer sollte Gold wert sein. Sein Näschen für geschickte Transfers bewies Klaus Allofs auch bei Verteidiger Valerien Ismael, den er bei Racing Straßburg aufgestöbert hatte und für 300.000 Euro auslieh.

Johan Micoud drückt der Saison seinen Stempel auf

Trotz verbocktem Auftakt im UI-Cup lief der Start in die Bundesliga verheißungsvoll. Vor allem die Offensive aus Ailton, Ivan Klasnic und Angelos Charisteas wusste die Massen mit Toren zu begeistern. Aber auch die Mittelfeld-Raute aus Frank Baumann, Fabian Ernst, Krisztian Lisztes und vor allem Leitwolf Johan Micoud fand von Spiel zu Spiel immer besser zusammen. Der Franzose, den man in Bremen „Le Chef“ nannte, war es, der neben Torjäger Ailton der Saison seinen Stempel aufdrücken sollte. Kaum einer spielte in dieser Zeit so elegant und vorausschauend wie der Spielmacher, der ein Jahr vorher vom AC Parma gekommen war. Seine feine Technik erinnerte immer wieder an Landsmann und Weltstar Zinedine Zidane.

Nach neun Spielen hatte die Elf von Thomas Schaaf zwar bereits zwei Niederlagen auf dem Konto, doch gegen Borussia Dortmund und den VfB Stuttgart durfte man damals verlieren, ohne große Prügel von Fans und Medien einstecken zu müssen. Außerdem stand Werder in der Tabelle in aussichtsreicher Position, nur vier Punkte hinter Tabellenführer Bayer 04 Leverkusen, und sogar einen Punkt vor Rekordmeister Bayern München, der so seine Probleme hatte, in die Spur zu finden.

28 Saisontore: Ailton lässt die Abwehrreihen verzweifeln

In Bremen spürte man, dass die Zeit des Leidens ein Ende haben könnte. Kein anderes Team spielte einen so erfrischenden Offensiv-Fußball wie die Elf aus dem Weserstadion und sorgte damit für La-Ola-Wellen und Standing Ovations auch weit nach dem Abpfiff der Spiele. Schaaf hatte die perfekten Spieler für sein 4-4-2-System im Kader, Allofs schien bei den Planungen in den vorangegangenen Jahren alles richtig gemacht zu haben.

Und vielleicht hatte das Europa-Aus gegen Pasching auch etwas Gutes: Werder hatte keine Doppelbelastung, kaum ein Spieler fiel verletzungsbedingt über einen längeren Zeitraum aus. Stattdessen spielte sich die Elf perfekt ein, jeder kannte seine Aufgabe und wusste den Laufweg seiner Mitspieler im Schlaf. Vor allem auf „Kugelblitz“ Ailton war das Spiel abgestimmt, der mit seiner Schnelligkeit und seinem unnachahmlichen Torriecher die gegnerischen Abwehrreihen zur Verzweiflung brachte. Mit insgesamt 28 Toren sollte er sich am Ende der Saison die Torjäger-Kanone.

Riesen-Patzer Kahn, Traum-Heber Micoud, Kunst-Schuss Ailton

So war es dann doch kein Wunder, dass die Bremer nach dem 17. Spieltag die Herbstmeisterschaft feierte – mit vier Zählern Vorsprung auf die punktgleichen Verfolger Bayern München, Bayer Leverkusen und VfB Stuttgart. Aber auch in der Rückrunde schwamm Werder weiter auf einer Erfolgswelle. Das Bundesliga-Jahr 2004 läutete die Schaaf-Mannschaft mit einem 4:0 über Hertha BSC ein. Spätestens dann wussten alle Fans der Bundesliga, dass der Meistertitel in diesem Jahr nur über Werder Bremen gehen würde. Denn Werder traf nicht nur vorne nach Belieben, sondern hielt auch hinten dicht, dank der sattelfesten Innenverteidigung aus Mladen Kristajic und Valerien Ismael. Einzig beim irren 4:4 am 26. Spieltag gegen Stuttgart, bei dem VfB-Verteidiger Marcelo Bordon gleich dreimal gegen Reinke einnetzte, wackelte die Bremer Hintermannschaft.

Doch nichts sollte Schaaf und seine Mannen mehr beirren, ihren Traum von der Meisterschaft in Realität umzuwandeln. Das entscheidende Match stieg am am 32. Spieltag im Münchner Olympiastadion gegen den FC Bayern. Mit einer Niederlage der Grün-Weißen wäre das Rennen nochmal spannend geworden. Doch jeder Werder-Fan weiß, es sollte anders kommen: Riesen-Patzer Olli Kahn, 1:0 Ivan Klasnic. Traum-Heber Micoud, Kunst-Schuss Ailton – 2:0 und 3:0. Die Bremer überrannten den Rekordmeister, schon zur Pause war das Spiel gegessen. Für den FC Bayern war es die ultimative Demütigung im eigenen Stadion, für den Rest der Liga der letzte Beweis: Der SV Werder war 2003/2004 die dominierende Kraft der Bundesliga. Am Ende stand es 3:1. Der SV Werder gewann nach 1965, 1988 und 1993 zum vierten Mal die Deutsche Meisterschaft – und ganz Bremen stürzte in einen Freudentaumel.

Flughafen, Meisterschale und Autokorso: Bilder für die Ewigkeit

Die Bilder der folgenden Stunden sollten sich den Werder-Fans ins Gedächtnis brennen: Thomas Schaaf, wie er in stoischer Ruhe über den leeren Platz des Olympiastadions wanderte, der in Tränen ausbrechende Ailton, später die Ankunft am Bremer Flughafen vor Tausenden von Fans in Grün-Weiß, als Thomas Schaaf eine Werder-Fahne aus dem Cockpit reckte. Bilder für die Ewigkeit gab es auch zwei Wochen später: Frank Baumann, der die Meisterschale im Weserstadion in die Höhe stieß, der Autokorso durch ein grün-weißes Meer aus Werder-Fans, die Feierstunde am Rathaus.

Und es sollte noch besser kommen. Mit Siegen gegen Greuther Fürth und den VfB Lübeck hatte sich der SV Werder den Weg ins Finale des DFB-Pokals gebahnt. In Berlin war es dann ein zwar anderes Olympiastadion, wieder aber stiegen die Bremer in den Fußball-Olymp auf. Zwei Tore von Tim Borowski – der im Saisonendspurt den verletzten Lisztes ersetzte – und eines von Ivan Klasnic knipsten Zweitligist Alemannia Aachen die Lichter aus. 3:2 stand es am Ende – das erste und bisher einzige Double der Vereinsgeschichte war perfekt. Für diesen Doppel-Erfolg und die vielen Stunden der Glückseligkeit vergöttern die Fans bis heute Elf von 2004 als eine der besten Werder-Mannschaften aller Zeiten.

Der Werder-Kader 2003/2004:

Tor: Andreas Reinke (34/-); Pascal Borel (1/-)

Abwehr: Ümit Davala (22/-); Valérien Ismaël (32/4); Mladen Krstajić (30/3); Ludovic Magnin (4/-); Christian Schulz (17/-); Viktor Skripnik (6/1); Paul Stalteri (33/2)

Mittelfeld: Ivica Banović (3/-); Frank Baumann (32/2); Tim Borowski (25/1); Fabian Ernst (33/2); Pekka Lagerblom (7/-); Krisztián Lisztes (30/3); Johan Micoud (32/10); Holger Wehlage (4/-)

Angriff: Aílton (33/28); Angelos Charisteas (24/4); Markus Daun (6/-); Ivan Klasnić (29/13); Marco Reich (2/-); Nelson Valdez (21/5)

Trainer: Thomas Schaaf

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