+
Uli Borowka gehört zu Werders Europapokal-Helden von 1992.

25 Jahre nach dem Sieg im Europapokal

Uli Borowka im Interview: „Wir waren hinten schon eine geile Truppe“

Bremen - 25 Jahre nach dem Sieg mit Werder Bremen im Europapokal der Pokalsieger 1992 spricht Werder-Verteidiger Uli Borowka im Interview über den Weg zum Titel.

Er war der beinharte Verteidiger des SV Werder Bremen Uli Borowka, seine Spitznamen lauteten "Eisenfuß" und "die Axt" – was alles über seinen Spielstil aussagt. Uli Borowka war ausgesprochen erfolgreich damit. Zwischen 1987 und 1996 absolvierte er 239 Bundesliga-Spiele für Werder, wurde 1988 und 1993 Meister, gewann 1991 und 1994 den DFB-Pokal und 1992 den Europapokal der Pokalsieger. Letzteres war sein größter sportlicher Erfolg - und über den gibt es einiges zu erzählen.

Herr Borowka, dieser Triumph im Europapokal 1992 war von vielen Geschichten flankiert. Vom Schneematsch in Istanbul, von fliegenden Steinen in Brügge, vom taktischen Kniff mit Klaus Allofs im furiosen Finale von Lissabon - wo würden Sie die Reise in die Vergangenheit gerne starten?

Uli Borowka: Im Schnee.

Also Istanbul, das Viertelfinale gegen Galatasaray. Das Hinspiel hatte Werder 2:1 gewonnen, dann...

Borowka: ...sind wir in Istanbul ins totale Schneegestöber geraten, ungewöhnlich für Anfang März am Bosporus. Wir sind dort gelandet und waren total überrascht. Als wir nach der Ankunft noch ein bisschen im Stadion trainieren wollten, ging das nicht, das hatte überhaupt nichts gebracht. Der Platz war tief, das Wasser stand drauf, zugedeckt noch von Schneematsch – es war unglaublich. Wir sind dann zurück ins Hotel. Als wir abends beim Kartenspielen ein bisschen aus dem Fenster geguckt haben und es immer noch schneite und regnete, waren wir alle überzeugt, dass das Spiel abgesagt wird.

Aber es wurde gespielt.

Borowka: Unfassbar eigentlich. Wir sind rausgegangen auf den Platz, es war brutal kalt und wir haben einfach mal einen Ball hochgeschossen. Der blieb mit einem Platschen einfach liegen, sprang überhaupt nicht hoch. Der Platz war wie ein Schwamm, wie ein Moor. Man betrat den Platz, und der ganze Fuß versank im Matsch. Mir war klar, dass ich trotz der Kälte nur das Nötigste anziehen würde – keine langen Hosen, nix. Wenn du einmal in dem Matsch liegst, ist alles nass, du frierst umso mehr und hast gleich zwei Kilo mehr zu schleppen.

Der Legende nach mussten noch extra lange Stollen eingeflogen werden, weil niemand mit diesen Verhältnissen gerechnet hatte.

Borowka: Das weiß ich nicht. Mein Werkzeug, sprich: meine Schuhe, war immer präpariert. Ich hatte immer Ersatzstollen dabei, konnte selbst Hand anlegen.

Europapokal der Pokalsieger 1992: Bilder einer magischen Nacht

1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger.
1992 gewinnt Werder Bremen den Europapokal der Pokalsieger. © imago

Zur Geschichte des Spiels in Istanbul gehört auch die Nacht davor. Es ist überliefert, dass im Hotel einiges los gewesen war.

Borowka: Stimmt. Erst ging eine Glastür, die den Trakt, in dem wir wohnten, abschloss, mit einem fürchterlichen Knall zu Bruch, dann mussten wir alle wegen eines Fehlalarms die Zimmer verlassen, schließlich kurvten Autos hupend ums Hotel – das Übliche eben.

Und nach dem per 0:0 eingetüten Halbfinaleinzug gab's noch Steinwürfe gegen den Bus als Zugabe.

Borowka: Ja, ja, das gehörte damals dazu.

Aber das alles war – glaubt man der Überlieferung – nichts gegen das, was sich rund um das Halbfinale in Brügge abgespielt hatte.

Borowka: Das war Hass pur auf den Tribünen, wir wurden als Nazis beschimpft. Ich erinnere mich, dass ein abgebrochener Kantstein, der vorne scharf war wie eine Axt, nur ein paar Zentimeter am Kopf von Oliver Reck vorbeiflog und im Rasen stecken blieb. Das war mit das Brutalste, was ich je erlebt habe. Das Spiel war insgesamt der blanke Hass, wir haben phasenweise mit dem Schlimmsten gerechnet.

Werder verlor in Brügge 0:1, gewann im Weserstadion aber mit 2:0, erreichte so das Finale. Der Spielort: Lissabon. Der Gegner: AS Monaco. Ihre Stimmung?

Borowka: Brutalst angespannt. Wir waren, das darf man so sagen, der klare Außenseiter. Aber wir wussten auch, dass wir einiges bewegen können. Wenn wir als Mannschaft aufgetreten waren, waren wir kaum zu schlagen, das hatten wir schon oft bewiesen. Mit dieser Mentalität, mit diesem Glauben an uns hatten wir uns schon etwas ausgerechnet. Wir fanden es auch gar nicht so schlecht, dass Monaco als Favorit galt.

Im Rückblick auf dieses Finale, das Werder durch Tore von Klaus Allofs und Wynton Rufer 2:0 gewann, wird immer wieder die Personalie Allofs als genialer Schachzug gefeiert. Mit der Maßnahme den damals 35-Jährigen in die Startelf zu stellen, fühlte sich Monaco-Coach Arsene Wenger von Otto Rehhagel übertölpelt. War es auch für Sie eine Überraschung?

Borowka: Nö. Wir wussten ja, dass Klaus es noch draufhat, dass er es noch kann. Er konnte zwar wegen seiner Knieprobleme nicht so oft trainieren, aber wenn er spielte, war er total abgezockt. In dem Moment war das keine Überraschung – zumal wir ja wussten, dass Rehhagel sehr oft kreuzquere Entscheidungen traf. Wir waren das schon gewohnt.

Als Matchwinner werden immer noch die Torschützen gefeiert. Aber wie haben Sie es geschafft, gegen Spieler wie Rui Barros und den späteren Weltfußballer George Weah die Null zu halten?

Borowka: Wir waren hinten schon eine geile Truppe. Wir hatten ja leider Gottes unseren Stammtorhüter Oliver Reck (fehlte mit Gelbsperre, d. Red.) nicht im Kasten, deshalb haben wir uns noch drei-, viermal mehr konzentriert als sonst. Denn Ersatzmann Jürgen Rollmann haben wir nicht ganz getraut.

Das war ja nicht nett. Wusste er davon?

Borowka: Ich denke, er hat es gespürt.

Uli Borowka ließ sich nach dem Triumph den Schädel von Dieter Eilts kahl rasieren.

Nach 55 Minuten führte Werder 2:0 – haben Sie sich da vor Ihrem inneren Auge schon mit dem Pokal in der Hand gesehen?

Borowka: Ich hatte gar keine Zeit, daran zu denken. Ich war auf meine Sache fokussiert und hatte genug mit dem George Weah zu tun. Gegen den konnte man treten und grätschen, der hat sich überhaupt nichts anmerken lassen und hat auch nie etwas gesagt, obwohl ich ihn mehrfach gefällt hatte. Der ist einfach aufgestanden und hat weitergemacht. Ich dachte: Mein lieber Herr Gesangsverein, kann das denn wahr sein? Weah war echt eine harte Nuss.

In der Nacht nach dem Spiel wurde dann vollendet, was zwischen Achtel- und Viertelfinale im Delmenhorster Restaurant Santorini begonnen hatte. Es ging um Ihre Haare.

Borowka (lacht): Wir waren damals mit ein paar Spielern - ich meine, es waren Manfred Bockenfeld, Günter Hermann, Klaus Allofs - und unseren Frauen essen. Plötzlich fragte einer: ,Was machen wir eigentlich, wenn wir den Pokal gewinnen?'. Irgendwer kam auf die Idee, dass wir uns dann alle eine Glatze schneiden lassen. Rumms, da war es schon abgemacht.

Wer hat denn in dem Moment wirklich daran geglaubt?

Borowka: Keiner, nehme ich an. Alle haben leichtsinnigerweise die Hand auf den Tisch gelegt und gesagt: Klar, die Wette gilt.

Sie haben die Wette gleich in Lissabon eingelöst, ließen sich von Dieter Eilts den Schädel kahl rasieren und kamen mit Glatze zurück nach Bremen. Die anderen haben sich erst später getraut.

Borowka (lacht): Alles Memmen eben. Wir haben in Lissabon aber auch gut gefeiert, viel gefeiert. Bis plötzlich jemand die Frage stellte: ,Meine Herren, was haben wir eigentlich als Prämie verdient?' Die Aussage war: Es ist nichts vereinbart. Der Mannschaftsrat hatte im Vorfeld vergessen, die Prämie auszuhandeln. Da können Sie mal sehen, was für uns das Wichtigste war. Nämlich den Pokal zu gewinnen, das Geld hat uns gar nicht interessiert. Frühmorgens sprach Dieter Eilts Manager Willi Lemke auf das Thema an. Und ich muss sagen: Der Verein hat sich letztlich nicht lumpen lassen.

Wenn Ihnen der Pokal so wichtig war, trifft es Sie, dass der Wettbewerb der Pokalsieger 1999 abgeschafft und damit nachträglich quasi abgewertet wurde?

Borowka: Nein, wieso? Zu unserer Zeit hatte der Europapokal der Pokalsieger einen ganz hohen Stellenwert. Und ob die Uefa-Funktionäre den irgendwann abgeschafft haben, interessiert mich relativ wenig.

Was bedeutet Ihnen der Erfolg heute?

Borowka: Es war eine schöne, eine tolle Zeit. Wenn man alte Kumpels trifft, redet man auch gerne drüber. Aber Sie kennen auch meine persönliche Geschichte als Alkoholiker. Ich bin seit 17 Jahren trocken, und das waren nicht immer einfache Tage. Jeder einzelne Tag, den ich trocken bin, ist für mich mehr wert als jeder Titel, den ich in meiner Karriere gewonnen habe.

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Auch interessant

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare