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Großer Jubel bei Werder Bremen über den Sensations-Sieg gegen Spartak Moskau 1987.

Das erste Wunder von der Weser

6:2 gegen Spartak Moskau 1987: Die Geburt eines Mythos

Von Henning Harlacher. Die Saison 1987/88 war für den SV Werder nicht nur wegen der Meisterschaft ein riesiger Erfolg. International für Aufsehen sorgten die Bremer mit dem 6:2 gegen Spartak Moskau – dem ersten Wunder von der Weser.

30 Jahre ist das jetzt her. „So eine Partie vergisst man nicht, weil es wirklich eine ganz besondere Nummer war“, erinnerte sich einst Thomas Schaaf als einer der Mitwirkenden an einen zunächst nebligen und später auch legendären Abend im Weserstadion. Die sogenannten „Wunder von der Weser“ sind nicht nur in Deutschland bekannt, sondern in ganz Europa. Denn gerade auf internationalem Parkett wussten sich die Grün-Weißen stets spektakulär zu verkaufen. Erstmals sorgten die Werderaner in der Saison 1987/88 für ein Fußball-Wunder. Bühne am 4. November 1987 war die zweite Runde des UEFA-Cups.

Nachdem die Jungs von Trainer Otto Rehhagel gut in die Saison gestartet waren und auch in der ersten Runde des UEFA-Cups gegen Mjöndalen IF keine großen Probleme hatten, bekamen sie es in der zweiten Runde mit Spartak Moskau zu tun. Im Hinspiel in der russischen Hauptstadt wurden die Bremer regelrecht überrannt. Am Ende stand eine 1:4-Klatsche. Kaum ein Werder-Fan glaubte ernsthaft noch an das Erreichen des Achtelfinals, die Meisterschaft hatte außerdem Priorität. So fanden lediglich 20.000 Zuschauer zum Rückspiel den Weg ins Weserstadion. Doch für sie sollte sich am Ende des Tages das Eintrittsgeld mehr als bezahlt gemacht haben.

Riedle: „Du merkst: Hoppla, da geht ja doch noch was!“

Um überhaupt noch eine Möglichkeit auf das Weiterkommen zu haben, brauchte Werder ein frühes Tor. Oder wie Karl-Heinz Riedle es später formulierte: „Egal, wie das Hinspiel gelaufen ist – du musst einfach an deine eigenen Stärken glauben. Sonst funktionierst du eh nicht. Der Trainer muss dann die richtige Ansprache finden, und dann hatten wir das Glück, früh in Führung zu gehen. Dann kommt dein Gegner ins Flattern, und du merkst: Hoppla, da geht ja doch noch was!“ Für diesen Aha-Effekt sorgte vor allem Frank Neubarth: Bei einer Ecke stieg der Stürmer in der zweiten Spielminute am höchsten und köpfte zum 1:0 ein. Und nur Minuten später war er erneut zur Stelle und traf nach dickem Stellungsfehler der ganzen Moskauer Hintermannschaft.

Die Bremer hatten Oberwasser und entfachten ein wahres Offensiv-Feuerwerk gegen völlig überforderte Moskauer. Mit den Fans im Rücken kannten die Bremer kein Erbarmen. In der 25. Minute erhöhte Frank Ordenewitz auf den 3:0-Halbzeitstand. Mit diesem Ergebnis hätte Werder das Ticket fürs Achtelfinale bereits in der Tasche gehabt. Glück für Werder: Der Schiedsrichter verzichtete trotz starken Nebels darauf, das Spiel abzubrechen. „Die Inszenierung“, urteilte deshalb der damalige Manager Willi Lemke, „war nicht zu toppen.“

In der Verlängerung: Riedle und Burgsmüller sorgen für die Entscheidung

Die Spartak-Spieler wollten sich jedoch die Blöße dieser Niederlage nicht geben und kämpften sich zurück ins Spiel. In der 71. Minute war es Fedor Cherenkov, der auf 1:3 verkürzte. Bremen fehlte also wieder ein Tor, um sich zumindest in die Verlängerung zu retten. Das Stadion hatte sich in der Zwischenzeit in ein Tollhaus verwandelt. Die Zuschauer konnten nicht glauben, dass sie tatsächlich Zeugen einer Sensation werden könnten. Nachdem sich die Grün-Weißen kurz geschüttelten hatten, spielten sie wieder mutig nach vorne. Acht Minuten nach dem Gegentreffer war Gunnar Sauer zur Stelle und sorgte für das 4:1 – der Wahnsinn nahm seinen Lauf.

Bis zum Ende der regulären Spielzeit sollte kein Tor mehr fallen – die Verlängerung musste die Entscheidung bringen. Werder hatte sich allerdings in einen Rausch gespielt, für die Moskauer war es unmöglich, die Werderaner da herauszuholen. In der 100. Minute war es Bremens Karl-Heinz Riedle, der sich bei einem Kopfball unnachahmlich in die Höhe schraubte und den Ball über Torhüter Rinat Dasaev bugsierte. Und nur zehn Minuten später sorgte „Schlitzohr“ Manni Burgsmüller mit dem 6:1 für die Entscheidung. Spartak gelang noch das 2:6, aber das war nur noch Ergebniskosmetik. Das Unmögliche war möglich geworden – Werder stand in der nächsten Runde. „Es war“, so Schaaf, „sicher eines der spektakulärsten Spiele überhaupt.“ Dass die Grün-Weißen im UEFA-Cup-Halbfinale am späteren Sieger Bayer Leverkusen scheiterten, ist heute nur noch eine Randnotiz. Das erste Wunder von der Weser war geboren.

Aufstellung

Tor: Oliver Reck

Abwehr: Uli Borowka, Rune Bratseth, Gunnar Sauer, Thomas Schaaf

Mittelfeld: Günter Hermann (73. Manfred Burgsmüller), Norbert Meier, Mirko Votava

Sturm: Frank Neubarth, Frank Ordenewitz (66. Jonny Otten), Karl-Heinz Riedle

Trainer: Otto Rehhagel

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Das zweite Wunder von der Weser: 5:0 gegen Dynamo Berlin 1988

Das dritte Wunder von der Weser: 5:3 gegen RSC Anderlecht 1993

Das vierte Wunder von der Weser: 4:0 gegen Olympique Lyon 1999

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