Bremer Freude nach dem frühen 1:0 durch Per Mertesacker (Mitte). Torsten Frings, Claudio Pizarro, Sebastian Prödl und Clemens Fritz (v.l.) bejubeln den Blitzstart.

Bremen rückt BVB und Bayer auf die Pelle, muss aber eine ungerechte Sperre für Frings verkraften

Angriff ohne Anführer

Bremen - Von Carsten Sander · Eigentlich war es ein perfekter Spieltag für Werder Bremen. Der eigene 4:2-Sieg über den 1. FC Nürnberg, die Leverkusener 0:2-Pleite gegen Schalke 04, das 0:0 von Borussia Dortmund bei Hertha BSC, das 0:1 des Hamburger SV in Mönchengladbach – Werder-Herz, was willst du mehr?

Nach oben haben die Bremer Kontakt aufgenommen und sich nach unten Luft verschafft. Die Ergebnisse nähren die Hoffnung, im Saisonendspurt doch noch Platz drei und damit die Qualifikationsrunde für die Champions League zu erreichen. Doch gleichzeitig trübt eine sehr seltsame Rote Karte eben dieses Hochgefühl.

Es erwischte ausgerechnet Torsten Frings, den Kapitän und Vorkämpfer. Ohne ihn muss Werder am Samstag das Spiel bei Tabellennachbar Borussia Dortmund bestreiten. Eine Partie, die Per Mertesacker direkt nach dem Sieg über Nürnberg in den Rang eines Endspiels erhob. „Dann wird sich zeigen, wer noch eine Chance auf die Champions League hat“, sagte er.

Werder vs. Nürnberg: Die Einzelkritik

Sebastian Mielitz: Die Nummer drei zeigte als Nummer eins kein Nervenflattern. In der ersten Halbzeit parierte der U 23-Torwart gegen Wolf, Diekmeier und Pinola. Seine beste Szene hatte der Vertreter des verletzten Tim Wiese jedoch in der 83. Minute, als er einen Distanzschuss von Wolf entschärfte und damit das 3:3 verhinderte. Note 2,5 © Nordphoto
Clemens Fritz: Die erste Halbzeit war für ihn geruhsam, die zweite umso turbulenter. Fritz verschuldete den Handelfmeter, erzielte dann aber den 4:2-Endstand, als er ins leere Tor traf. Der Treffer war Belohnung für eine engagierte Leistung. Note 2,5 © Nordphoto
Per Mertesacker: Seinen 1,98 m war Nürnberg im wahrsten Sinne des Wortes nicht gewachsen. Zweimal traf Mertesacker per Kopf nach Ecken – es war der erste Doppelpack seiner Karriere. Der Nationalverteidiger glänzte aber auch in seiner eigentlichen Aufgabe als Innenverteidiger, organisierte lautstark die Viererkette, in der sein Stammpartner Naldo gelbgesperrt fehlte. Note 1 © Nordphoto
Sebastian Prödl: Der Naldo-Ersatzmann hatte so manch klare Ansage von Mertesacker nötig. In der ersten Halbzeit mit Unsicherheiten, beim 1:3 durch Mike Frantz nicht im Bilde. In der Folge aber stabil. Note 4 © Nordphoto
Sebastian Boenisch: Dass er mit 72 Ballkontakten den Spitzenwert im Bremer Team lieferte, verwundert nicht. Als Linksverteidiger war Boenisch gut beschäftigt, Nürnberg kam meistens über seine Seite. Erst im Laufe der Partie fand er zu einer guten Abstimmung mit Nebenmann Prödl. Boenischs wenige offensive Vorstöße endeten im Nichts. Note 3,5 © Nordphoto
Tim Borowski: Einigermaßen überraschend hatte er den Vorzug vor Philipp Bargfrede bekommen. Borowski bedankte sich mit seiner wohl besten Saisonleistung und dem Tor zum 3:0. Anders als in vielen Partien zuvor war der Ex-Nationalspieler aktiv am Spiel beteiligt. Note 2,5 © Nordphoto
Torsten Frings: Nach einer guten ersten und einer mäßigen zweiten Halbzeit geriet er ungewollt und unberechtigt in den Fokus. Der Platzverweis gegen ihn (82.) war eine Fehlentscheidung. Note 3 © Nordphoto
Marko Marin (bis 70.): Ausgepumpt ging er vom Platz. Und der Kräfteverschleiß war ihm nicht erst in der Endphase seines Einsatzes anzumerken gewesen. Die letzte Spritzigkeit war nicht da, dennoch glänzte Marin als Vorbereiter. Das 2:0 hatte er per Eckball (der keiner war) eingeleitet, das 3:0 mit einem klugen Querpass aufgelegt. Note 2,5 © Nordphoto
Mesut Özil (bis 70.): Er hatte Mertesacker beim 1:0 per Eckball zugearbeitet, war mit einem Freistoß gefährlich (30.), hatte das 4:0 auf dem Fuß (45.) und spielte Almeida klasse frei (59.) – Tätigkeitsnachweise, die belegen, dass sich Özils Form mehr und mehr stabilisiert. Bei der Auswechslung wie Marin kräftemäßig am Ende. Note 3 © Nordphoto
Claudio Pizarro: Spielte wieder hängende Spitze und verlor sich irgendwo zwischen Mittelfeld und Angriff. Klar, Pizarro arbeitete viel und bekam für seinen Einsatz auch Sonderapplaus, kam er jedoch in Tornähe, ging nichts mehr bei dem Peruaner. Note 4 © Nordphoto
Hugo Almeida (bis 87.): Eine unglückliche Partie des Portugiesen, der nur selten in Erscheinung trat. Seine beste Chance hatte er nach einem Özil-Zuspiel, als er frei vor dem Tor einen Volleylupfer versuchte, der gründlich misslang. Vermurkste danach noch zwei gute Konterchancen. Note 4,5 © Nordphoto
Aaron Hunt (ab 70.): Kam für Marin und bereitete das 4:2 uneigennützig vor. Note - © Nordphoto
Philipp Bargfrede (ab 70.): Kam, um den Vorsprung zu verteidigen. Note - © Nordphoto
Petri Pasanen (ab 87.): Blieb laut Statistik ohne Ballkontakt. Note - © Nordphoto

Frings wird dieses „Finale“ verpassen. Und das nur, weil Schiedsrichter Markus Schmidt (Stuttgart) in der 82. Minute eine Tätlichkeit gesehen haben wollte, die keine war. Im Zweikampf mit Nürnbergs Thomas Broich hatte sich Frings durchgesetzt, bei einer Körperdrehung erwischte er seinen Gegenspieler mit der linken Hand im Gesicht. Nichts Dramatisches. Doch Broich fiel, schrie, machte Theater. Schmidt zückte „Rot“ und versetzte alle Bremer in Erstaunen bis Entsetzen. Ein „absoluter Witz“ sei der Platzverweis gewesen, meinte Mertesacker. „Lächerlich“ nannte Tim Borowski die Entscheidung. „Das war nicht mal Freistoß“, ereiferte sich Geschäftsführer Klaus Allofs und glaubte an eine Fata Morgana im Weserstadion: „Das muss eine falsche Wahrnehmung des Schiedsrichters gewesen sein.“

Werder - Nürnberg: Die Bilder zum Spiel

Das wäre beinah schiefgegangen. Eine beruhigende 3:0-Pausenführung gab Werder Bremen gegen den 1. FC Nürnberg fast noch aus der Hand. Erst in der Nachspielzeit packte Clemens Fritz mit dem 4:2 den Sieg in trockene Tücher. Die Treffer für die Werderaner in der ersten Hälfte erzielten Per Mertesacker mit einem Doppelpack sowie Tim Borowski. © Nordphoto
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Das wäre beinah schiefgegangen. Eine beruhigende 3:0-Pausenführung gab Werder Bremen gegen den 1. FC Nürnberg fast noch aus der Hand. Erst in der Nachspielzeit packte Clemens Fritz mit dem 4:2 den Sieg in trockene Tücher. Die Treffer für die Werderaner in der ersten Hälfte erzielten Per Mertesacker mit einem Doppelpack sowie Tim Borowski. © dpa
Das wäre beinah schiefgegangen. Eine beruhigende 3:0-Pausenführung gab Werder Bremen gegen den 1. FC Nürnberg fast noch aus der Hand. Erst in der Nachspielzeit packte Clemens Fritz mit dem 4:2 den Sieg in trockene Tücher. Die Treffer für die Werderaner in der ersten Hälfte erzielten Per Mertesacker mit einem Doppelpack sowie Tim Borowski. © dpa

Definitiv war’s eine, das bewiesen die Fernsehbilder. Frings hofft nach dem „ersten glatten Rot meiner Karriere“ (im 365. Bundesligaspiel!) auf eine „milde Strafe“. An einen Freispruch glaubt er nicht. Doch den will Allofs irgendwie durchsetzen – gegen alle Erfahrungen und gegen den Schutz der Tatsachenentscheidung. Die ist vor Fußball-Gerichten ein unumstößliches Gut, weil es die FIFA sogar per Statut so verfügt. Allofs hält mit Argumenten dagegen: „Dass der Schiedsrichter mal einen Fehler macht, kann passieren. Aber dann muss es auch einen Freispruch geben. Wir müssen uns jetzt schlaumachen, ob es eine andere Möglichkeit als eine Sperre gibt.“ Dafür müsste Schmidt allerdings im Spielbericht oder per Aussage einräumen, dass er falsch gelegen hat. Öffentlich tat er nichts dergleichen. Schmidt schwieg, lehnte eine Stellungnahme ab. Wenig wahrscheinlich also, dass er seine Entscheidung revidieren wird.

Torsten Frings wird folglich um eine Sperre von mindestens einem Spiel nicht herumkommen. So ist das im Fußball. „Bitter“ findet er das – „für mich persönlich und für die Mannschaft richtig blöd.“ Denn bei Borussia Dortmund, seinem Ex-Verein, hätte der 33-Jährige am Samstag liebend gerne mitgeholfen, die Jagd auf Platz drei und das nur noch fünf Punkte entfernte Leverkusen fortzusetzen. „Es ist nicht zu verstehen, dass wir jetzt auf ihn verzichten müssen“, kritisierte auch Thomas Schaaf die Rote Karte.

Für den Werder-Coach gab es jedoch noch mehr zu meckern. Denn wieder einmal hatte sein Team zwei Gesichter gezeigt. Erst das gute, als die Bremer nach einem Kopfball-Doppelpack von Per Mertesacker (1./20.) und einem Treffer von Tim Borowski (36.) 3:0 führten. Dann das schlechte, als Nürnberg alle Freiheiten gelassen wurden, was der „Club“ mit Toren von Mike Frantz (47.) und Eric-Maxim Choupo-Moting (63.) bestrafte. Es wurde hektisch – mit dem erfundenen „Rot“ als Höhe- sowie dem Treffer von Clemens Fritz ins leere Nürnberger Tor (90.+2) als Schlusspunkt. „Ruhige und einfache Spiele“, seufzte Schaaf mit der nach vier Spielen in zehn Tagen angemessenen Gnade, „gibt’s bei uns eben nicht.“

Schärfer bewertete Klaus Allofs die Turbulenzen, in die Werder selbstverschuldet geraten war: „Alles, was in der zweiten Halbzeit passierte, war völlig unnötig. Daran müssen wir arbeiten, weil uns dieses Verhalten limitiert. Solange wir diese Fehler machen, reicht es nicht für ganz oben.“ Wobei „ganz oben“ für ihn in dieser Saison der dritte Platz ist.

Quelle: kreiszeitung.de

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