Björn Schierenbeck, 44, ist als Direktor des Leistungszentrums für die Ausbildung der Talente verantwortlich.
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Björn Schierenbeck, 44, ist als Direktor des Leistungszentrums für die Ausbildung der Talente verantwortlich.

Direktor von Werders Nachwuchsleistungszentrum

Schierenbeck im Interview: „Die Gesamtkonstellation ist nahezu perfekt“

Bremen - Björn Schierenbeck, der Direktor von Werders Leistungszentrum, spricht im Interview mit der DeichStube über die Arbeit mit Jugendspielern, Thomas Schaaf und eine Branche im Grenzbereich.

Am Weserstadion ist an diesem tristen Herbstmorgen nicht viel los – die Profis haben frei, Fans sind keine da –, als Björn Schierenbeck mit seinem schwarzen Dienstwagen aufs Gelände fährt. Dunkler Mantel, kariertes Hemd, dazu ein breites Lächeln im Gesicht – der 44-Jährige wirkt bestens gelaunt, als er zum verabredeten Termin mit der DeichStube erscheint.

Kein Wunder, schließlich läuft es bei Werder sportlich wieder rund, was auch Schierenbecks Verdienst ist. Im Interview erklärt der Direktor des Nachwuchsleistungszentrums, warum die Arbeit mit den Talenten endlich Früchte trägt, welche Rolle Florian Kohfeldt und Thomas Schaaf dabei spielen – und weshalb Umwege für junge Spieler manchmal genau richtig sind.

Herr Schierenbeck, können Sie sich daran erinnen, wann Ihnen die Arbeit zuletzt so viel Spaß gemacht hat wie in diesen Tagen?

Björn Schierenbeck: (lacht) Wir hatten schon mal eine Zeit, in der es ähnlich viel Spaß gemacht hat. Damals hatten wir dank des sportlichen Erfolgs eine große Ruhe im und um den Verein herum. Jetzt gerade ist auch für uns im Nachwuchsbereich wieder eine tolle Aufbruchstimmung bemerkbar. Die Euphorie, die gerade herrscht, ist für uns sehr angenehm. Zudem ist sie hilfreich beim Werben um Nachwuchstalente, da auch andere Vereine wie Wolfsburg, Leipzig oder Hoffenheim sehr attraktiv sind.

Vor allem Maximilian Eggestein ist gerade in aller Munde. Ist er der lebende Beweis dafür, dass der viel zitierte und auch kritisierte „Werder-Weg“ doch funktioniert.

Schierenbeck: Ich glaube, wir hatten über die Jahre immer einzelne Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, die ihren Beitrag geleistet haben. Wenn wir etwas weiter zurückgehen, waren es Tim Borowski und Aaron Hunt, dann kamen irgendwann Philipp Bargfrede, Davie Selke und Florian Grillitsch. Jetzt haben wir eine Phase, in der die Nachwuchsarbeit mit dem sportlichen Erfolg der Profis in Einklang ist. Maxi Eggestein liefert Woche für Woche tolle Leistungen ab, Johannes Eggestein macht das wichtige Tor gegen Wolfsburg. Es passt einfach vieles zusammen im Moment.

Sie haben Maximilian Eggesteins Weg bei Werder vom ersten Tag an verfolgt. Wie stolz macht Sie seine Entwicklung vom Nachwuchstalent zum möglichen nächsten Werder-Nationalspieler?

Schierenbeck: Gerade bei Maxi freut es mich umso mehr, weil er durch Fleiß und harte Arbeit an den Punkt gekommen ist, an dem er jetzt ist. Seitdem er bei uns ins Internat eingezogen ist, hat er sich stets weiterentwickelt. Er wusste immer auch mit Widerständen umzugehen, denn für ihn lief ja nicht immer alles nur glatt. Aus den Rückschlägen ist er aber gestärkt herausgekommen. Es ist schön, dass seine Beharrlichkeit belohnt wird.

Wie wichtig ist er als Vorbild für junge Spieler, die auch auf den Sprung in die Bundesliga bei Werder hoffen?

Schierenbeck: Sehr wichtig, denn er zeigt, dass es möglich ist. Schließlich haben wir weitere Kandidaten, denen wir eine ähnliche Entwicklung zutrauen.

Maximilian (l.) und Johannes Eggestein gelten als gute Vorbilder für junge Spieler, die auf Bundesliga bei Werder Bremen hoffen.

An wen denken Sie da?

Schierenbeck: Luca Plogmann zum Beispiel, der nach seiner Einwechslung in Frankfurt seinen Mann gestanden hat. Oder auch Johannes Eggestein, für den das Tor gegen Wolfsburg sehr wichtig war.

Ist das planbar? Haben Sie interne Zielvorgaben, wann Sie welches Talent an die Profis herangeführt haben wollen?

Schierenbeck: Wir haben ein Gremium, dem unter anderem Frank Baumann, Florian Kohfeldt, Thomas Schaaf, Thomas Wolter und Kaderplaner Tim Steidten angehören. Dieses Gremium führt einen sehr engen Austausch über jeden einzelnen Spieler ab der U 17. Es geht zentral um die Frage, wer zu welchem Zeitpunkt den Anschluss finden könnte. In der strategischen Kaderplanung schauen wir zwei, drei Jahre in die Zukunft, um abschätzen zu können, welcher Spieler für welche Position vorstellbar sein könnte. Frank Baumann und Tim Steidten berücksichtigen das dann in ihrer Kaderplanung bei den Profis.

Wie wichtig ist dieses Vertrauen der Verantwortlichen für ein Nachwuchstalent?

Schierenbeck: Ganz wichtig. Florian Kohfeldt hat sich vor der Saison klar positioniert, indem er gesagt hat, dass er fest mit Ole Käuper als Alternative zu Philipp Bargfrede plant, weil er ihm die Bundesliga zutraut. Leider ist Ole durch seine Verletzung zurückgeworfen worden.

Wie schwer ist es, den Weg mit den eigenen Talenten konsequent beizubehalten, wenn der sportliche Erfolg zurück ist? In den großen Champions-League-Zeiten haben es bei Werder kaum Nachwuchsspieler zu den Profis geschafft, weil das Geld da war, um Spieler zu verpflichten, die vermeintlich sofort weiterhelfen.

Schierenbeck: Die Sorge, dass wir unseren Weg verlassen, habe ich nicht. Frank Baumann steht dafür, dass er die Säule Nachwuchs intensiv nutzen möchte. Er hat bei uns den Slogan geprägt, dass wir auf Champions-League-Niveau ausbilden wollen. Das bedeutet nicht, dass wir zwangsläufig in der Champions League spielen müssen, aber es bedeutet, dass unsere Spieler dazu fähig sein sollen, gegen die absoluten Spitzenteams zu bestehen.

Wie sehr schmerzt es, wenn eigene Talente erst anderswo den dauerhaften Schritt in die Bundesliga schaffen?

Schierenbeck: Es gibt immer mal wieder Konstellationen, die nicht ideal sind. So war es zum Beispiel bei Niclas Füllkrug, der den endgültigen Durchbruch nicht bei uns, sondern über einen Umweg geschafft hat. Da überwiegt bei uns aber trotzdem die Freude, dass er seinen Weg gemacht hat. Auch Max Kruse hat sich nach seinem Weggang als junger Spieler knapp vier Jahre entwickeln müssen, unter anderem auch in der 2. Bundesliga, bis er auf Nationalmannschaftsniveau war. Diese Zeit hat man manchmal im eigenen Club nicht, weil vielleicht beide Seiten zu ungeduldig sind oder die Konkurrenz zu groß ist.

Wenn man so möchte, hat Florian Kohfeldt den „Werder-Weg“ für Trainer hinter sich gebracht: aus dem eigenen Nachwuchs bis in die Bundesliga. Welche Bedeutung hat speziell seine Person für das Nachwuchsleistungszentrum?

Schierenbeck: Florian kennt alle Facetten des Leistungszentrums. Er hat früher bis tief in die Nacht an der Zertifizierung mitgearbeitet, er hat Konzepte entwickelt und war in verschiedenen Funktionen als Nachwuchstrainer tätig. Er kennt die Arbeit also sehr genau, was ein großer Vorteil ist. Da ist über die Jahre sehr viel Vertrauen entstanden. Die Gesamtkonstellation für den Nachwuchs ist momentan nahezu perfekt. Denn auch Florians Co-Trainer Thomas Horsch und Tim Borowski kennen das Leistungszentrum schon sehr lange. Thomas durch seine Rolle als ehemaliger Stützpunkt-Koordinator und Tim, weil er als Spieler selbst durchs Internat gegangen ist.

Werders U23: Der Kader in der Übersicht

Tor: Luca Plogmann
Tor: Luca Plogmann © gumzmedia
Tor: Eduardo Dos Santos Haesler
Tor: Eduardo Dos Santos Haesler © gumzmedia
Tor: Tobias Duffner
Tor: Tobias Duffner © gumzmedia
Linker Verteidiger: Justin Plautz
Linker Verteidiger: Justin Plautz © imago
Linker Verteidiger: Jan-Niklas Beste
Linker Verteidiger: Jan-Niklas Beste © gumzmedia
Linker Verteidiger: Lars Bünning
Linker Verteidiger: Lars Bünning © gumzmedia
Innenverteidiger: Julian Rieckmann
Innenverteidiger: Julian Rieckmann © gumzmedia
Innenverteidiger: Jannes Vollert
Innenverteidiger: Jannes Vollert © gumzmedia
Innenverteidiger: Maro Kaffenberger
Innenverteidiger: Maro Kaffenberger © imago
Innenverteidiger: Malte Karbstein
Innenverteidiger: Malte Karbstein © imago
Rechte Abwehr: Joshua Bitter
Rechter Verteidiger: Joshua Bitter © imago
Rechte Abwehr: Frank Ronstadt
Rechter Verteidiger: Frank Ronstadt © imago
Defensives Mittelfeld: Christian Groß
Defensives Mittelfeld: Christian Groß © gumzmedia
Zentrales Mittelfeld: Fridolin Wagner
Zentrales Mittelfeld: Fridolin Wagner © gumzmedia
Zentrales Mittelfeld: Jean-Manuel Mbom
Zentrales Mittelfeld: Jean-Manuel Mbom © gumzmedia
Rechtes Mittelfeld: Boubacar Barry
Rechtes Mittelfeld: Boubacar Barry © gumzmedia
Offensives Mittelfeld: Pelle Hoppe
Offensives Mittelfeld: Pelle Hoppe © imago
Offensives Mittelfeld: Simon Straudi
Offensives Mittelfeld: Simon Straudi © gumzmedia
Offensives Mittelfeld: Leander Wasmus
Offensives Mittelfeld: Leander Wasmus © imago
Linker Stürmer: Kevin Schumacher
Linker Stürmer: Kevin Schumacher © gumzmedia
Mittelstürmer: Joshua Sargent
Mittelstürmer: Joshua Sargent © gumzmedia
Mittelstürmer: Ousman Manneh
Mittelstürmer: Ousman Manneh © gumzmedia
Mittelstürmer: Florian Dietz
Mittelstürmer: Florian Dietz © imago
Mittelstürmer: Isaiah Young
Mittelstürmer: Isaiah Young © gumzmedia
Mittelstürmer: Bennet van den Berg
Mittelstürmer: Bennet van den Berg © gumzmedia
Mittelstürmer: Jonah Osabutey
Mittelstürmer: Jonah Osabutey © imago
Trainer: Sven Hübscher
Trainer: Sven Hübscher © gumzmedia
Co-Trainer: Mirko Votava
Co-Trainer: Mirko Votava © gumzmedia
Co-Trainer: Tobias Hellwig
Co-Trainer: Tobias Hellwig © imago
Torwart-Trainer: Manuel Klon
Torwart-Trainer: Manuel Klon © gumzmedia

Seit Sommer ist Thomas Schaaf zurück bei Werder, der als Technischer Direktor unter anderem dafür sorgen soll, dass Werder eine einheitliche Spielphilosophie von der U13 bis zu den Profis entwickelt. Wie ist die Zusammenarbeit angelaufen?

Schierenbeck: Sehr gut. Thomas ist eine große Bereicherung mit seiner Erfahrung. Wir hatten zwar seit jeher gewisse Prinzipien in der Ausbildung, wollen diese jetzt aber noch konkreter auf den Platz bringen. Wir besprechen Auffälligkeiten in den Teams, diskutieren, wie wir unsere Möglichkeiten noch besser ausschöpfen können. Da ist Thomas Schaaf ein großer Treiber. Er bringt gute Ideen ein, was uns gut tut.

Es war hin und wieder zu hören, dass die Harmonie in Werders Nachwuchsbereich in der Vergangenheit vielleicht etwas zu hoch war. Brauchte es jemanden, der mal auf den Tisch haut?

Schierenbeck: Erstmal finde ich Harmonie nicht verkehrt (lacht). Wir sind aber auch schon vor Thomas’ Rückkehr kritisch mit uns umgegangen und haben uns immer wieder selbst überprüft. Es tut uns sehr gut, jemanden wie Thomas Schaaf dabei zu haben. Aber wir haben ihn nicht zurückgeholt, um auf den Tisch zu hauen, sondern durch seine Expertise, unter anderem im europäischen Spitzenfußball, weiter voranzukommen.

Was hat sich denn konkret verändert, seit Thomas Schaaf wieder da ist?

Schierenbeck: Da sind wir noch in einem Prozess, der nach und nach immer deutlicher wird. Wir haben ein paar Dinge schon umgestellt. Das Medium Video nutzen wir in den Sitzungen noch intensiver, um über Fußball zu reden. Immer montags stellt ein Nachwuchstrainer sein Spiel vom Wochenende vor. Anhand dieses Spiels diskutieren wir dann unsere Ausbildungsphilosophie. Sehen wir das Gleiche? Haben wir andere Ansätze? Diese Diskussion eint das Bild.

Werder plant schon länger den Neubau des Leistungszentrums, um mit der kräftig aufrüstenden Konkurrenz mithalten zu können. Einen Luxustempel wie andernorts soll und kann es auf „Platz 11“ aber nicht geben. Wird der sportliche Höhenflug der Profis als Argument beim Buhlen um die Talente deswegen noch wichtiger?

Schierenbeck: Tolle Gebäude und gute Räumlichkeiten sind sicher hilfreich, aber noch wichtiger sind für mich die handelnden Personen, die Trainer, die Verantwortlichen. Da steht Werder Bremen für eine hohe Verlässlichkeit. Das sieht man daran, dass wir trotz der aktuell eher durchschnittlichen infrastrukturellen Rahmenbedingungen immer noch für Talente sehr interessant sind. Wir merken schon, dass der eine oder andere Spieler bei anderen Vereinen schon ganz andere Ausstattungen gezeigt bekommen hat, aber ich glaube, dass auch unsere Anlage einen gewissen Charme hat. Man merkt, dass der gesamte Fußball bei Werder an diesem Standort sehr eng miteinander verbunden ist – von den Profis über den Frauen- und Mädchenfußball bis zur 3. F-Jugend.

Björn Schierenbeck (r.) im Gespräch mit Werders Sportchef Frank Baumann.

Zinedine Kroeten und Emmanuel Iwe werden noch nicht in den Genuss der neuen Anlage kommen, wenn Sie im November bei Werder vorspielen. Die beiden Talente des Jahrgangs 2000 reisen extra aus den USA an, um ihre Qualitäten zu zeigen. Ein ganz normaler Vorgang, oder doch ein Zeichen, dass sich die Jagd nach Talenten in eine ungesunde Richtung entwickelt?

Schierenbeck: Die beiden Spieler sind ja schon etwas älter, aber wenn man die gesamte Entwicklung sieht, muss man sagen, dass sich die Branche schon in einem Grenzbereich bewegt. Dieses Hauen und Stechen um Elf-, Zwölf-, 13-Jährige, die durch ganz Deutschland reisen, wenn nicht sogar ins europäische Ausland, ist schwierig. In diesem Altersbereich ist ein stabiles soziales Umfeld wichtig.

Werder würde so einen Spieler also nicht verpflichten?

Schierenbeck: Wir nehmen frühestens Spieler ab der U15 ins Internat auf. Wir müssen aber natürlich vorbereitet sein. Es geht ja um die Frage, wann wir einen Spieler holen. Dass wir uns vorher schon darstellen und jemanden einladen, ist normal. Wir haben ein Talentteam. Alle vier Wochen kommen Talente von Vereinen aus dem Umland bei uns zum Training und machen auch mal ein Testspiel mit. Somit können wir verschiedene Eindrücke sammeln und müssen nicht nach nur einem Probetraining sagen: Daumen hoch oder runter. Man muss da vorsichtig sein. Ich traue mir nicht zu, einem Zwölfjährigen zu 100 Prozent eine Bundesligakarriere vorauszusagen. Wir wollen geduldig sein und die Spieler nicht zu früh aus ihrem sozialen Umfeld rausreißen. Den einen oder anderen bekommen wir dadurch zwar nicht, müssen ihn aber auch nicht zwei Jahre später wieder wegschicken.

Wie geht der Verein mit einem Spieler um, für den der Traum von der Bundesliga in Bremen platzt?

Schierenbeck: Es gibt mit jedem Spieler drei Feedback-Gespräche im Jahr, in denen der Leistungsstand aus Sicht der Trainer und Sportlichen Leiter besprochen wird. Es sollte also nicht so sein, dass ein Spieler überrascht ist, wenn er nicht übernommen wird. Wir sind da sehr ehrlich. Wenn klar ist, dass es zur Trennung kommt, versuchen wir, Kontakte zu anderen Vereinen herzustellen und Alternativen aufzuzeigen. Das kann der JFV Nordwest sein, der VfL Osnabrück oder auch Holstein Kiel. Am besten ein Club aus der Region, aus der der Spieler kommt. Wir lassen niemanden fallen.

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