Jürgen Born

Jürgen Born fordert Werders Aufsichtsrat zu Handeln auf

„Man muss bereit sein, über seinen Schatten zu springen“

Bremen - Von Arne Flügge. Die öffentliche Auseinandersetzung zwischen Werders Aufsichtsrat und der Bremer Geschäftsführung betrachtet Jürgen L. Born (70) mit großer Sorge. Er hat Angst um Werder und das Image des Vereins, das tief abzusinken droht.

Im Interview mahnt der ehemalige Vorsitzende der Geschäftsführung zu Besonnenheit, fordert aber auch den Aufsichtsrat auf, wirklich alle finanziellen Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Mannschaft zu verstärken.

Herr Born, bei Werder tobt ein Machtkampf zwischen Aufsichtsrat und sportlicher Leitung. Mit wie viel Sorge beobachten Sie das Geschehen?
Zunächst einmal wäre es schön, wenn man das Verletztengespenst erschießen könnte, dann hätten wir die Diskussionen nicht. Ich betrachte diesen Machtkampf jetzt aber wie alle anderen echten Werder-Fans mit größter Besorgnis. Die Art und Weise, wie dieser an die Öffentlichkeit gebracht wurde, gefällt mir nicht. Machtkämpfe gab es immer, und sie halten eigentlich die unternehmerische Tätigkeit in Schwung, sollten aber professioneller hinter geschlossenen Gardinen ausgetragen werden.
Droht Werder an diesem Machtkampf zu zerbrechen?

Werder Bremen hat eine lange Tradition. Das bedeutet: Werder hat einen Betonsockel, den man nicht so schnell zerlegen kann. Wohl aber leidet das Image – und das könnte beträchtliche Folgen haben, wenn man nicht schnell sichtbar gemeinsam an einem Ende des Seiles zieht. Ein gutes Bild in der Öffentlichkeit führt zu gesteigerten Sympathiewerten als Grundlage für mehr Einnahmen – und die steigern dann auch die Qualität der Mannschaft.

Der Imageschaden ist bereits jetzt riesengroß. Wie kann man Schadensbegrenzung betreiben?
Indem man sich ganz schnell an einen Tisch setzt, eine Strategie entwirft, die Werder dient, die durch den Vorsitzenden der Geschäftsführung – und nur durch den – dann plausibel und nicht in epischer Breite der Öffentlichkeit zugetragen wird. Zudem: Optimales Handeln und weniger reden – so wie es einmal war.
Jahrzehntelang wurde von der heilen Werder-Familie gesprochen. Gibt’s die überhaupt noch?
Die momentane Unsicherheit in der Clubführung sowie die überdimensionalen Auftritte des Aufsichtsrates haben etwas von Verblendung. Einstimmigkeiten sind gegenwärtig nicht zu definieren. Ich gehe mit vielen Beobachtern überein und meine, dass die Werder-Familie nach dem Ausscheiden von Manfred Müller und mir ins Bröckeln geraten ist. Und die Ziele einiger teils anstandsloser Handlungen und Äußerungen uns gegenüber sind mir bis heute nicht ganz klar geworden.
Hanseatisches Wirtschaftsdenken, wie Sie es auch in Ihrer Zeit als Vorstandsvorsitzender gepflegt haben, ist ja nicht prinzipiell schlecht. Aber muss der Aufsichtsrat angesichts der dramatischen personellen Situation nicht mal über seinen Schatten springen?
Man muss zu Beginn einer Saison grundsätzlich bereit sein, über seinen Schatten zu springen. Aber ich möchte fair bleiben und sagen, dass ich nicht weiß, inwieweit dies schon geschehen ist. Auf jeden Fall aber sollte man alles daransetzen, sämtliche Möglichkeiten des Finanzierungsinstrumentariums auszuloten.
Hätten Sie seinerzeit in einer vergleichbaren Situation für die Freigabe weiterer Gelder für Spieler plädiert?
Born: Wir sind seinerzeit stets ans Limit des Machbaren gegangen. Wie weit das jetzt geschehen ist, vermag ich nicht zu beurteilen.
Schließlich geht es ja nicht um Unsummen, oder ist Werder tatsächlich pleite?
So weit ich weiß, hat Werder bis heute keine Rechnung offen gelassen. Ein Club aber, der zum jetzigen Zeitpunkt des Jahres kein Geld hat, der hätte wirklich Schwierigkeiten, denn in dieser Zeit läuft der Dauerkartenverkauf, und es kommen die ersten TV- und Sponsoren-Gelder rein. Man muss aber auf zwölf Monate planen. Sie fragen nach dem Zustand der „Pleite“. „Pleite“ wäre ein Bundesligaverein, wenn er insolvent ist, und/oder die Lizenz nicht erhält oder entzogen bekommt. Soweit sollten wir es bei unserem Lieblingsverein aber nicht kommen lassen.
Befürchten Sie, dass Sportdirektor Klaus Allofs irgendwann die Nase voll hat und seinen 2012 auslaufenden Vertrag nicht verlängert?
So lange ich Klaus Allofs kenne, hatte er die Nase immer nur bei Erkältungen voll. Es ist aber deutlich zu erkennen, dass man ihm derzeit kein zufriedenstellendes Arbeitsklima schafft. Und natürlich muss man alles abwägen und analysieren, was mit einer Vertragsverlängerung zu tun hat. Um ein Ergebnis zu finden, ist der Zeitpunkt heute sicherlich nicht ideal.

Trainer Thomas Schaaf ist ebenfalls unzufrieden. Verlängert auch er seinen Vertrag nicht und geht 2012, wäre die Ära Allofs/Schaaf bei Werder beendet. Eine Katastrophe für den Verein?

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