Grün-weißer Jubel im Derby: Werder Bremen-Coach Ole Werner stellte sein Team gegen den HSV taktisch vor allem in der 1. Hälfte perfekt auf den Gegner ein.
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Grün-weißer Jubel im Derby: Werder Bremen-Coach Ole Werner stellte sein Team gegen den HSV taktisch vor allem in der 1. Hälfte perfekt auf den Gegner ein.

Werders 3:2-Sieg beim HSV

Ole Werners Masterplan und Tim Walters Reaktion: Werders Derbysieg gegen den HSV in der Taktik-Analyse

Hamburg - Dieses Nordderby bot Emotionen, strittige Schiedsrichterentscheidungen – und überraschend viele taktische Feinheiten. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher erklärt, warum Werder Bremens Coach Ole Werner einen starken Plan hatte – und wie HSV-Trainer Tim Walter nach der Pause konterte.

Nordderby, das steht für Rivalität und Emotion. Für fußballerische Leckerbissen stand das Derby jedoch schon lange nicht mehr. Nach dem Abstieg des Hamburger SV fiel das Derby gegen Werder Bremen mehrere Jahre aus, und auch davor kämpften häufig zwei Mittelklasse-Teams der Bundesliga mit eher überschaubaren fußballerischen Mitteln.

Die Nordderbys in der Zweiten Liga sind anders. Das Rückspiel am Sonntagnachmittag war nicht nur dramatisch, sondern auch taktisch hochklassig. Werder-Coach Ole Werner bewies in der ersten Halbzeit, wie sich das Spielsystem des HSV ausschalten lässt. Sein Gegenüber Tim Walter konterte mit einer cleveren Umstellung nach der Pause.

Werder Bremen gewinnt Derby gegen HSV: Ole Werners Erfolgssystem schlägt „Walterball“

Beide Trainer schickten ihre eingespielte Elf auf das Feld. Im Falle von Werder Bremen bedeutete dies, dass Werner sein Team in einem 5-3-2 aufstellte. Der HSV lief in einer Mischung aus 4-3-3 und 4-2-3-1 auf. Sonny Kittel pendelte zwischen zentralem und offensivem Mittelfeld.

Die Grafik zeigt eine Szene des Werder-Pressings: Wenn der Ball auf einen Außenverteidiger des HSV ging, rückten die Achter des SV Werder Bremen nach. In diesem Fall rückte Schmid nach Außen. Bewegte sich der Heyer nun ins Zentrum, folgte ihm Romano Schmid. Überall auf dem Feld stellt Bremen Mannorientierungen her. Im Falle einer Verlagerung auf Mülheim wäre Weiser oder Bittencourt herausgerückt.

Der Hamburger SV setzt unter Tim Walter auf ein unorthodoxes Spielsystem, das in Taktikkreisen unter dem Namen „Walterball“ bekannt ist. Mit viel Ballbesitz und zahlreichen Positionswechseln will der HSV den Gegner dominieren. Auffällig sind die vielen Läufe der Verteidiger: Wenn die Innen- oder Außenverteidiger einen Pass spielen, sprinten sie anschließend sofort in eine neue Position. So tauchen die Innenverteidiger häufig auf den Flügeln oder im Mittelfeld auf, auch die Außenverteidiger bewegen sich ständig. Gegen Werder Bremen versuchte der HSV, das zentrale Mittelfeld zu überladen. Die beiden Außenverteidiger boten sich zunächst auf den Außen an, zogen aber nach Pässen zu den Innenverteidigern sofort ins Zentrum. Auch Mario Vuskovic bewegte sich häufig in den Raum vor der Abwehr.

Wache Deckung beim SV Werder Bremen gegen Positionswechsel des HSV

Werders Trainer hat das Spielsystem des Hamburger SV offenbar gut ausgekundschaftet. Seine Werderaner stellten in der ersten Halbzeit den Spielaufbau der Hamburger schachmatt. Wichtige Eckpfeiler der Bremer Verteidigung waren Romano Schmid und Leonardo Bittencourt. Sie rückten aus dem Zentrum heraus auf die Hamburger Außenverteidiger und setzten diese unter Druck.

Sobald die Außen des HSV nach innen rückten, ließen Schmid und Bittencourt nicht locker. Sie hefteten sich an die Fersen ihrer Gegenspieler. Auch Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug ließen sich von den Positionswechseln nicht verwirren, sondern verfolgten ihre Gegenspieler konsequent. So konnte Werder Bremen die gegnerische Viererkette fast permanent unter Druck setzen. Auch in den hinteren Reihen standen die Bremer stets nah am Mann. Werders Verteidiger passten perfekt ab, wann sie aus der Abwehrkette herausrücken mussten. So nahm etwa Innenverteidiger Ömer Toprak Stürmer Robert Glatzel aus dem Spiel.

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HSV-Coach Tim Walter gibt Antwort auf starke erste Hälfte des SV Werder Bremen

Dank des starken Pressings dominierte Werder Bremen die gesamte erste Halbzeit. Auch nach der frühen Führung (10.) hielt Bremen den Druck hoch, der HSV spielte den eigenen Ballbesitz praktisch nur in der eigenen Hälfte aus. Werder hätte nach Kontern sogar nachlegen können, doch Bittencourt (30.) und Ducksch (33.) vergaben beste Chancen. Tim Walter nutzte die Halbzeit-Pause, um sein Team zu verändern. Er brachte mit Giorgi Chakvetadze (für Faride Alidou) einen neuen Linksaußen. Der Georgier interpretierte seine Position wesentlich freier als Alidou. So zog er häufig in die Mitte.

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Noch gewichtiger war aber, dass die Außenverteidiger des Hamburger SV nun seltener ins Zentrum rückten. Stattdessen bewegten sie sich gerade den Flügel entlang. Wenn Bittencourt und Schmid nun aus dem Zentrum nach Außen rückten, kehrten sie nicht mehr ins Zentrum zurück. Chakvetadze, aber auch Kittel und Jonas Meffert besetzten die entstehenden Lücken im Zentrum. Der HSV schaffte es nun wesentlich besser, das Pressing des SV Werder Bremen zu umspielen. So auch vor dem 1:1, das Chakvetadze mit einer Verlagerung von der linken auf die rechte Seite einleitete (46.).

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Werder Bremen im Derby gegen den HSV: Abnutzungskampf bis zum Schluss

Werder Bremen reagierte zwar schnell: Bittencourt und Schmid zogen sich ins Zentrum zurück. Bremen verteidigte nun in einem positionstreueren 5-3-2. Die drei zentralen Spieler konnten zwar die Spielfeldmitte abdecken. Die Bremer bekamen aber kaum mehr Druck auf den Spielaufbau der Hamburger. Die dominierten das Spiel jetzt vollständig. Schon vor der Pause lag der Hamburger Ballbesitz bei 60 Prozent. In der zweiten Halbzeit erreichte der HSV gar 75 Prozent.

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Werder Bremen kam nur noch selten zum Kontern – dann aber mit Wucht. Ein Handelfmeter (51.) und ein Ballgewinn des nach hinten geeilten Ducksch (76.) brachten Werder zurück auf die Siegerstraße. Beide Treffer fielen jedoch gegen den Verlauf des Spiels, da nach der Pause praktisch nur noch der HSV nach vorne drückte. Am Ende warf Walter alles nach vorne. In einem totaloffensiven 3-4-1-2-System hielt es keinen Hamburger Spieler mehr hinten. Aushilfs-Innenverteidiger Josha Vagnoman sprintete ständig in den gegnerischen Strafraum. Selbst Torhüter Daniel Heuer Fernandes rückte als Anspielstation bis an die Mittellinie.

Es half nichts aus Hamburger Sicht. Ein tiefstehendes Werder kämpfte sich zum 3:2-Sieg. In einem Spiel zweier unterschiedlicher Halbzeiten lag das Glück am Ende auf der Bremer Seite. Der HSV muss sich damit begnügen, dem Konkurrenten aus dem Norden alles abverlangt zu haben: auf kämpferischer, auf fußballerischer, aber auch auf taktischer Ebene. Nach dem Derbysieg beim HSV ist Werder Bremen ohne zwei Stammkräfte in die Trainingswoche vor dem Spiel gegen Dynamo Dresden gestartet!

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