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Seit Februar trainiert Christian Brand die U17-Bundesliga-Mannschaft von Werder Bremen.

U17-Trainer über Nachwuchsarbeit, Schaaf und die Medien

Brand im Interview: „Nur Fußball ist zu wenig“

Bremen - Kurz nach dem DFB-Pokalsieg 1999 ist er als aktiver Profi gegangen, doch seit knapp vier Monaten ist Christian Brand inzwischen zurück bei Werder Bremen – als Trainer der U17-Mannschaft.

Im Interview mit der DeichStube spricht der 46-Jährige über den harten Alltag der Toptalente, das viele Geld, das im Fußball unterwegs ist, die bevorstehende Zusammenarbeit mit Thomas Schaaf und einen beruflichen Ausflug in die Medienbranche. Als Profi hatte sich Brand stets einen wohltuend kritischen Blick auf das Fußballgeschäft bewahrt – und während des Gesprächs wird schnell deutlich, dass sich daran nichts geändert hat.

Herr Brand, 1999 haben Sie Werder als Spieler verlassen, im Februar sind Sie als U17-Trainer zurückgekehrt. Wie fühlt es sich an, wieder in Bremen zu sein.

Christian Brand: Es fühlt sich gut an. Es sind ja noch einige Mitspieler von früher da, die jetzt in anderen Funktionen arbeiten: Marco Bode, Thomas Wolter, Marco Grote und Björn Schierenbeck zum Beispiel. Mir sind die Leute hier sehr vertraut. Natürlich habe ich einige viele Jahre nicht gesehen, aber ich hatte zu Werder immer Kontakt. Mit Björn Schierenbeck und Thomas Wolter habe ich mich regelmäßig getroffen, wenn ich in Bremen war.

Haben Sie am Weserstadion noch alles wiedererkannt?

Brand: (lacht) Den Weg zum Stadion habe ich noch gefunden, und auch die Plätze sind zum Glück alle noch an Ort und Stelle. Aber klar, es hat sich einiges verändert. Bei Werder ist alles ein bisschen größer geworden.

Einen Spieltag vor Saisonende belegt Ihre Mannschaft Platz fünf in der U17-Bundesliga und kann bestenfalls noch Vierter werden. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Brand: Grundsätzlich muss man sich mal von dem Gedanken lösen, dass es nur um die Tabelle und um Resultate geht. Es geht in dieser Altersklasse vor allem um die Ausbildung und darum, die Jungs athletisch, technisch-taktisch und mental optimal auf den nächsten Schritt vorzubereiten – die U19. Das große übergeordnete Ziel ist ja, dass wir die Talentiertesten von ihnen eines Tages in die Bundesliga bringen. Mehr als die Tabelle interessiert mich also die Art und Weise, wie die Jungs Fußball spielen und wie lernwillig sie sind. Da haben sie Fortschritte gemacht. Noch fehlt ein bisschen die Konstanz, aber das ist normal in dem Alter.

Das heißt, Sie werden am Ende lieber Achter, haben aber drei Talente weiterentwickelt, als dass Sie den Titel holen, aber die individuelle Ausbildung stagniert hat?

Brand: Nicht ganz. Natürlich ist es der Anspruch von Werder und auch meiner, Titel zu holen, denn auch das ist ein ganz wichtiger Teil der Ausbildung. Mental ist es eine große Herausforderung, Spiele zu gewinnen. Das hat viel mit Motivation zu tun. Wir können noch einen Platz gut machen, wenn wir gewinnen. Das wollen wir schaffen.

Christian Brand bestritt zwischen 1996 und 1999 59 Bundesliga-Spiele für Werder Bremen.

FC Luzern, Jahn Regensburg, Hansa Rostock – Sie haben in Ihrer Trainerlaufbahn auch einige Herrenmannschaften betreut. Worin unterscheidet sich die Arbeit mit einem Nachwuchsteam?

Brand: Die alltägliche Belastung von Nachwuchsspielern ist immens. Sie haben viel weniger Regenerationsmöglichkeiten als Profis. Die Jungs trainieren sechs bis sieben Mal pro Woche. Dazu kommt noch ein Spiel und die Schule, häufig auch noch Auswahlmaßnahmen oder „Jugend trainiert für Olympia“, was natürlich auch alles seine Berechtigung hat. Die Jugendlichen haben keinen richtigen Alltagstrott mehr, in dem sie auch Zeit für sich haben. Es geht nur noch um Schule und Fußball. Das ist bei Profis völlig anders. Ein Profi kommt zum Training, hat genug Zeit, um sich vernünftig vor- und nachzubereiten. Das unsichtbare Training wie Schlaf, Ernährung und Regeneration ist bei Profis viel besser verankert. Die Jugendlichen haben dafür kaum Zeit, und das ist eine große Herausforderung.

Wie gehen Sie als Trainer damit um?

Brand: Es ist wichtig, dass man den Jungs immer genug Freiräume einräumt. Das ist bei Werder gut konzipiert, weil immer auch Zeit für die sozialen Bedürfnisse der Spieler da ist. Wir achten sehr darauf, dass wir die Jungs nicht überfrachten und überfordern. Der Spaß muss auch auf dem Feld da sein. Klar kann ich mit Taktik unglaublich viel machen, aber bei einem 16-Jährigen geht es auch darum, dass er Freude am Fußball hat und sein Talent ausleben kann. Immer im Sinne der Mannschaft natürlich.

U17-Bundesligaspielern ist aber klar, dass Sie für den Traum von der echten Bundesliga ein Stück ihrer Jugend opfern müssen, oder?

Brand: Natürlich. Wer sich für diesen Weg entscheidet, der weiß, dass der Fokus spätestens ab der U17 auf dem Bereich Profifußball liegt. So arbeiten wir ja auch. Die Strukturen sind professionell und wir versuchen, den Jungs langsam den Weg aufzuzeigen, wohin es gehen kann. Aber eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit den Spielern tut ganz gut. Bei 16-Jährigen kann man schlecht voraussehen, wer tatsächlich bei den Profis landet. Der Weg ist ja noch unglaublich weit.

Sie waren früher ein Profi, der sich kritisch mit der Vermarktung des Fußballgeschäfts auseinandergesetzt hat. Wie sehen Sie die Entwicklung heute?

Brand: Es ist unfassbar viel Geld in Umlauf durch die TV-Rechte. Das hat aber nicht unbedingt Auswirkungen auf die Qualität des Spiels und der einzelnen Spieler, und die ist für mich als Trainer immer entscheidend.

Wie bereiten Sie ihre Spieler auf die Wucht vor, die sie in der Bundesliga erwartet?

Brand: Im Vergleich zu meiner aktiven Zeit hat sich das nochmal multipliziert. Viele Spieler transportieren heute über die sozialen Medien alle möglichen Dinge aus ihrem Privatleben in die Öffentlichkeit. Das ist inzwischen Teil des Business. Ich glaube aber nicht, dass man das immer mitmachen muss. Ich wundere mich eher darüber, dass Menschen so viel von ihrem Privatleben preisgeben. Wir kommunizieren zwar auch über einen teaminternen Chat, aber da gibt es nur Informationen für die Spieler, die das ganze Team betreffen. Wie viel meine Spieler die sozialen Medien nutzen, weiß ich nicht. Sie können das alles privat machen, so lange sie den Fokus nicht aus den Augen verlieren.

Sie klingen wie ein Vater, der seinen Kindern die Technik nicht komplett verbieten kann, aber um eine vernünftige Regulierung bemüht ist.

Brand: (lacht) Ich verbiete da nichts. Die Spieler sind auch so fokussiert, weil sie um die sportliche Selektion wissen. Der Weg nach oben wird ja immer enger. Aber die soziale Abhängigkeit vom Handy hat schon eine unglaubliche Dimension erreicht. Die Spieler wissen jedoch, dass man eine Stunde vor dem Anpfiff lieber das Handy ausmacht und sich konzentriert.

Sprechen Sie mit Ihren Spielern auch über Alternativen zum Fußball?

Brand: Meine Spieler haben alle noch einen zweiten Weg, weil sie ganz normal zur Schule gehen. Sie leben in der Realität. Die Jungs wissen, dass die Schule ein wichtiger Faktor ist. Man braucht einen Plan B. Nur Fußball ist zu wenig.

Ihre aktive Karriere haben Sie in der Schweiz beendet, wo Sie mit Ihrer Familie heute noch leben. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Bremen und Luzern?

Brand: Dank Flugzeugen und Zügen ist es relativ gut möglich. Ich war jetzt über Pfingsten ein paar Tage da und habe die Zeit genossen. Ab Mitte Juni habe ich Urlaub, dann bin ich komplett zu Hause.

Von 2015 bis 2017 war Christian Brand Trainer bei Hansa Rostock.

Was schätzen Sie so an der Schweiz, dass Sie dortgeblieben sind?

Brand: Das hat sich einfach so entwickelt. Ich habe meine gesamte Trainerausbildung dort gemacht. Eigentlich war es nie mein Plan, länger in der Schweiz zu bleiben, aber dann ist es so gekommen. Vom Lebensstandard und der Natur her ist es sehr schön.

Sie haben nach Ihrer aktiven Laufbahn bei der „Neuen Luzerner Zeitung“ ein Volontariat, also eine Ausbildung zum Redakteur gemacht. Wie kam es zu diesem Seitenwechsel?

Brand: Das Schreiben hat mir schon immer Spaß gemacht. Dann hat sich bei der Zeitung nach einem Praktikum die Möglichkeit ergeben, dort ein Volontariat zu machen. Später war ich dann noch Freier Mitarbeiter, als ich schon angefangen hatte, meine Trainerscheine zu machen. Ich brauche einfach immer ein bisschen Abwechslung.

Worüber haben Sie geschrieben?

Brand: Da war alles dabei. Ich habe die klassischen Wald-und Wiesengeschichten über den Taubenzuchtverein gemacht, aber auch kulturelle Themen. Ganz kunterbunt. Manchmal musste ich auch das Fernsehprogramm für die nächste Woche schreiben. Nur im Sport war ich nicht sonderlich lange.

Hat Ihnen die Erfahrung als Journalist geholfen, ein anderes Verständnis für die Medienarbeit rund um den Profifußball zu entwickeln?

Brand: Ja, natürlich. Es ist ja immer gut, wenn man mehrere Sichtweisen reflektieren kann. Ich weiß, wie sich die Zeitungsbranche durch das Internet entwickelt hat, dass die Auflagen der gedruckten Zeitungen sinken. Die Geschwindigkeit, in denen Medien heute produziert werden, ist Wahnsinn. Es geht oft nur noch um schneller, schneller, schneller. Über manchen Artikeln im Internet steht heute die durchschnittliche Zeit, die man zum Lesen benötigt. Ob das qualitativ immer so anspruchsvoll ist, weiß ich nicht. Gerade in der Fußballberichterstattung geht es immer schneller. Es ist unglaublich viel Geld in Umlauf. Da haben die Medien großen Druck und wollen den Anschluss nicht verpassen.

Das viele Geld aus dem Fußballgeschäft landet nicht zuletzt auch in den Taschen von sehr jungen Spielern. Was passiert mit einem 18-Jährigen, wenn er plötzlich mehr verdient als sein Vater?

Brand: Im Moment ist es einfach die Realität. Auch ein 18-Jähriger, der einen guten Vertrag bekommt, weil ihn alle als Top-Talent sehen, muss sich jeden Tag wieder neu beweisen, um dranzubleiben. Auch im Jugendbereich ist schon sehr viel Geld unterwegs. Da braucht man ein sehr stabiles Umfeld und muss klar im Kopf sein. Das zu vermitteln, ist auch unsere Aufgabe in den Nachwuchsabteilungen.

Nochmal kurz zurück zum Sportlichen: Thomas Schaaf fängt bald als Technischer Direktor bei Werder an, was auch Einfluss auf Ihre Arbeit haben wird. Was versprechen Sie sich von ihm?

Brand: Ich freue mich, dass er wiederkommt. Er ist ein sehr spannender Mensch, mit dem man fantastisch über Fußball sprechen kann. Thomas Schaaf kann jeden Trainer besser machen. Auch als ich noch Spieler und er mein Trainer war, hatten wir immer ein gutes Verhältnis. Er hat einen sehr trockenen Humor, und das mag ich.

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