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Claudio Pizarro 1999 als Jungspund und 2017 als Fußball-Oldie beim SV Werder Bremen.

Vertrag der Legende ausgelaufen

Pizarro - „Der größte Spieler, den Werder je hatte“

Bremen - Manche halten ihn für den größten Werder-Spieler aller Zeiten, jetzt ist er ohne Vertrag: Claudio Pizarro. Ex-Clubboss Jürgen L. Born blickt auf seine Super-Entdeckung zurück.

Vermutlich ist auch am Samstagmorgen bei den meisten von uns alles so wie immer. Der Kaffee gut, der Toast angebrannt, die Kinder plärrig. Oder anders gesagt: Auch am Samstag dreht sich die Welt noch genauso wie am Freitag. Nur eines ist anders: Claudio Pizarro ist jetzt kein Spieler mehr von Werder Bremen. Der Vertrag der Club-Legende ist ausgelaufen, einfach so. Nicht heimlich, aber still und leise. Jürgen L. Born, der als Entdecker des Torjägers gilt, glaubt, dass es ein endgültiger Abschied ist. „Ich hätte nichts dagegen, wenn Claudio nochmal einen Vertrag bei Werder bekommen sollte. Ich wüsste im Augenblick aber nicht, wie das abzuwickeln ist“, sagt der ehemalige Bremer Clubchef.

Es war der August im Jahr 1999, als ein beruflicher Auftrag den Banker Jürgen L. Born nach Lima führte. Aus Interesse schaute er beim Training des peruanischen Erstligisten Alianza Lima vorbei und sah einen 19-Jährigen, der Born sofort fesselte: „Wenn im Training 20 Tore fielen, hat Claudio davon zwölf gemacht.“ Also setzte Born, kurz zuvor erst zum Vorsitzenden des Werder-Vorstandes berufen, alle Hebel in Bewegung, den jungen Stürmer nach Bremen zu holen. Es gelang. Auch weil Born und der damalige Manager Klaus Allofs es schafften, den Mitbewerber Betis Sevilla auszustechen. Während dessen Vertreter in einem Hamburger Hotel auf einen Rückruf der Pizarro-Fraktion warteten, machte Werder in Bremen alles klar.

Claudio Pizarro: Seine Anfänge beim SV Werder

Jürgen L. Born lacht innerlich, wenn er daran zurückdenkt. „Wir haben sie ein bisschen ausgetrickst“, sagt er. Er lacht auch noch, wenn er sich in Erinnerung ruft, was Werder Bremen seinem Südamerika-Fund alles zu verdanken hat. Er lacht aber nicht unbedingt, wenn er über Pizarros Abschied, so wie er sich derzeit vollzieht, nachdenkt. Der 76-Jährige möchte deshalb zwar nicht zu sehr in die Kritik gehen, meint aber: „Das Abschiedsspiel für Claudio wird sicher irgendwann kommen. Und dann sollte sich Werder entsprechend ins Zeug legen.“ Born fordert also gewissermaßen eine Wiedergutmachung für die aktuelle Hängepartie, die so gar nicht zu der speziellen Geschichte passt, die Claudio Pizarro und Werder Bremen verbindet.

Seit er 1999 statt nach Spanien an die Weser wechselte, hat er Werder zweimal Richtung Bayern München verlassen, er ist aber auch zweimal zurückgekommen. Zuletzt im September 2015. Wie ein Popstar wurde er auf dem Bremer Flughafen empfangen, die Begeisterung war riesig. „Die Fans lassen mein Herz zittern“, sagte Pizarro damals, und während eine dermaßen dicke Portion Pathos oft genug gespielt vorkommt, bestand damals überhaupt kein Zweifel, dass es genauso war. Pizarro, Werder, ein Herz, eine Seele.

Mit den Pizarro-Millionen baute Werder die Double-Elf

Dass er in seiner ersten Saison nach seiner zweiten Rückkehr zwölf Rückrundentore erzielte und damit das Fundament für den Klassenerhalt goss, ist für Jürgen L. Born eine großartige Leistung gewesen. Eine von vielen allerdings. Borns erneuter Blick zurück ins Jahr 1999: „Claudio Pizarro hat uns damals aus der totalen Misere geholt. Um den Verein sah es nicht gut aus. Aber er hat uns mit seinen Toren sehr geholfen.“

Außerdem: „Er hat Ailton, der damals nur auf der Tribüne saß, dazu gebracht, wieder Spaß am Fußball zu haben.“ Die beiden entwickelten sich in Windeseile zum besten Stürmerduo der Liga. Bis Pizarro an den FC Bayern verkauft wurde – für damals 16 Millionen Mark. „Das war das Geld“, so Born, „mit dem wir die Mannschaft aufgebaut haben, mit der wir 2004 Topf und Platte gewonnen haben“ – gemeint sind Pokal und Meisterschale. Ohne Pizarro wäre das Double, auch wenn er schon längst nicht mehr da war, nicht möglich gewesen.

Baumann klärt Personalien - die von Pizarro als letztes

2008 war Claudio Pizarro wieder da und gewann mit Werder 2009 den DFB-Pokal. Es ist (und bleibt wohl auch) sein einziger Titel in Grün und Weiß. Doch weil seine Bedeutung für die Entwicklung des Clubs so enorm war und weil er mit 104 Bundesliga-Toren der erfolgreichste Schütze der Vereinshistorie ist, erhebt Born Pizarro zum „größten Spieler, den Werder je gehabt hat“.

Jetzt wird dieser Claudio Pizarro von Werder Bremen im Unklaren gelassen, ob er noch gebraucht wird. Von Trainer Alexander Nouri meint man zu wissen, dass er auf die Dienste des Stürmers verzichten möchte. Sportchef Frank Baumann spielt dagegen auf Zeit und erklärt stets, dass er erst die personellen Entwicklungen im Sturm abwarten will. Wer geholt wird, wer geht – wenn all das geklärt ist, kommt Pizarro, der bald 39-Jährige, an die Reihe. Offenbar als Letzter.

Born sagt, dass er die Enttäuschung der Leute über diese Entwicklung wahrnimmt. Ihm selbst gehe es nicht viel anders. „Man kann schon von einer unglücklichen Situation sprechen“, meint der Ex-Funktionär, der seit 1999 ein Pizarro-Vertrauter ist. Aber weil er ihn so gut kennt, hält Born es auch für möglich, dass Pizarro dem Leben in der Warteschleife zugestimmt hat – Hauptsache, am Ende steht das richtige Ergebnis. „Ich weiß, dass er gerne in Bremen geblieben wäre, er hat das immer gesagt“, so Born. Wenn es nicht hinhaut mit der Verlängerung für ein weiteres, ein letztes Jahr bei Werder, dann wünscht der Entdecker dem Entdeckten, dass er woanders „nochmal zwölf spaßige Fußball-Monate vor sich hat“.

Pizarros Karriere in Bildern

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