+
Clemens Fritz stellte sich im Interview den Fragen der DeichStuben-Reporter Carsten Sander (l.) und Daniel Cottäus.

Ehrenspielführer über seine USA-Reise und mögliche neue Aufgaben

Clemens Fritz im Interview: „Es ist die perfekte Konstellation“

Bremen – Nur noch ein paar Tage, dann geht es für Clemens Fritz auf große Reise. Im Auftrag von Werder wird der 38-Jährige in den USA verschiedene Unternehmen, Vereine und Verbände besuchen, um deren Strukturen und Arbeitsweisen kennenzulernen – mit dem Ziel, neue Ansätze für die eigenen Abläufe in Bremen zu gewinnen.

Im Interview mit der DeichStube hat Fritz erklärt, was genau er während seiner Zeit in Amerika plant, warum er nichts gegen den Spitznamen „Werder-Außenminister“ hat und wie es für ihn nach Ablauf des Trainee-Programms im Verein weitergehen könnte.

Herr Fritz, Anfang April geht es für Sie auf große Management-Reise in die USA. Was steht dort für Sie auf dem Programm?

Ich habe viele Termine und versuche gerade, alles gut zu planen und unter einen Hut zu bekommen. Das ist gar nicht so einfach. Ich werde mir einige Unternehmen ansehen, Adidas und Nike zum Beispiel. Auch bei großen Sportverbänden werde ich zu Besuch sein, bei der MLS, der NBA und beim amerikanischen Fußballverband. Außerdem plane ich, mir einige Vereine anzuschauen. Vermutlich Los Angeles Galaxy, New York Red Bull und die Portland Timbers. Es wird also ein abwechslungsreiches Programm.

War die Reise Ihre Idee?

Ich habe mich vor einiger Zeit mit den Geschäftsführern Frank Baumann und Klaus Filbry zusammengesetzt und ihnen gesagt, dass ich offen dafür wäre, noch einmal ins Ausland zu gehen. Die USA sind da ein sehr interessanter Markt. Frank und Klaus haben mir im Vorfeld die nötigen Kontakte besorgt und einige Türen geöffnet. Das weiß ich sehr zu schätzen. Es ist einfach spannend, einen Einblick in andere Strukturen zu bekommen. Es geht dabei gar nicht darum, zu sehen, was andere vielleicht besser machen, sondern darum, was sie anders machen. Ich lerne auch bei Werder viel, klar. Aber ein Blick über den Tellerrand kann nicht schaden. Ich sehe das als absoluten Mehrwert. Schön ist auch, dass meine Familie mitkommt.

USA-Reise: Treffen mit Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann geplant 

Während Sie quer durchs Land reisen, bleiben Ihre Frau und Ihre Tochter in Los Angeles. . .

Ja, meine Damen bleiben an einem Ort. Meine Frau hat früher mal in L.A. gewohnt und hat dort noch Freunde. Für sie und meine Tochter ist die Stadt also am besten. Und für mich ist es auch ein gutes Gefühl, wenn ich weiß, dass sie gut aufgehoben sind. Klar ist aber, dass wir nicht in die USA reisen, um dort Urlaub zu machen, sondern weil ich dort Termine habe.

Bei den Stichwörtern USA und Fußball ist es nicht weit bis zum Namen Jürgen Klinsmann. Wird er auch eine Anlaufstation für Sie sein?

Ja, wir wollen uns treffen, wenn ich dort bin. Ich freue mich sehr über das Angebot von ihm. Er war total offen. Es wird bestimmt ein spannender Austausch. Klinsmann hat auch nach seiner Karriere als Fußballer einen tollen Weg eingeschlagen.

Schon gelesen? Moisanders Fahrplan: Erst Finnland, dann Europa

Sie waren als Werder-Botschafter in Ruanda, jetzt geht’s in die USA, zudem haben Sie sich in Deutschland die Arbeit anderer Clubs vor Ort angeschaut. Werden Sie zu Werders Außenminister?

(lacht) Ich war ja auch schon mal Werders Innenminister. Zumindest kann ich mich an so eine Schlagzeile erinnern. Da wäre das doch jetzt ein Aufstieg, oder? Aber im Ernst: Ich bin gerne unterwegs. Und für den Verein ist es auch nur gut, wenn wir uns beispielsweise mit Arsenal London austauschen. Es gibt viele Themen, die dabei interessant sind.

Dafür, dass Sie „nur“ ein Trainee-Programm absolvieren, klingt das alles schon ziemlich weit. Steht schon fest, wie es für Sie danach weitergeht?

Nein, wir haben uns ja auch gar nicht festgelegt, wie lange das Programm laufen soll. Ich habe mir im vergangenen Jahr viele Abteilungen angesehen – vom Callcenter über das Vertrags- und Rechnungswesen bis hin zum Bereich Medien und Kommunikation. Es ging darum, dass ich einen Überblick gewinne und ein Gefühl für die Arbeit bekomme. In den nächsten Wochen setzen wir uns dann zusammen und schauen, wie es weiterläuft.

Welcher Bereich hat Ihnen denn am besten gefallen?

Ganz klar der sportliche Bereich. Für einen wie mich, der sein Leben lang immer mit Sport zu tun hatte, ist das besonders reizvoll. Am Anfang bin ich immer nur mitgelaufen, aber jetzt geht es langsam in die Richtung, dass ich die eine oder andere feste Aufgabe bekomme.

Was denn zum Beispiel?

Das wird sich demnächst erst herauskristallisieren. Die Betreuung der ausgeliehenen Spieler ist aber ein Thema. Wir wollen sie in der Zukunft noch besser im Blick behalten. Es gibt beispielsweise in England Vereine, die haben sieben Mitarbeiter, die sich nur um die Leihspieler kümmern. Ich verfolge die Entwicklung unserer Jungs und habe auch schon den einen oder anderen besucht.

Schon gelesen? Borowski und Fritz drücken die Schulbank

Clemens Fritz hat derzeit viel um die Ohren: Für Werder reist er demnächst in die USA und nebenbei lernt er für seine A-Lizenz.

Und ganz nebenbei lernen Sie derzeit noch für die Prüfungen zur Trainer-A-Lizenz. Nur um einen besseren Background zu haben, oder können Sie sich eine Laufbahn als Trainer vorstellen?

Den Trainerjob will ich grundsätzlich nicht ausschließen. Im Moment ist es aber eher das Management, das mich reizt. Da habe ich bei Weitem noch nicht das Gefühl, ausgereift zu sein. Ich möchte mich weiterentwickeln, damit ich irgendwann das Gefühl habe, den Bereich überblicken zu können. Vielleicht kommt dann eines Tages der Moment, an dem ich sage: Jetzt schlage ich doch die Trainerrichtung ein.

Wie läuft der A-Lizenz-Lehrgang? Für einen Ex-Profi alles ganz einfach?

(lacht) Ich hatte zwar auf dem Platz schon immer ein gutes Gefühl für gewisse Räume und Positionen, aber wenn man an der Seitenlinie steht, ist das nochmal etwas ganz anderes. Eine komplett neue Perspektive.

Kurz vor dem Abflug in die USA stehen die Prüfungen an. Müssen Sie dafür richtig büffeln?

Das sollte ich. Es gibt einen praktischen und einen theoretischen Teil, eine schriftliche und eine mündliche Prüfung. Das ist nichts, was ich mal eben nebenher mache, aber ich gehe davon aus, dass ich es schaffen werde.

Fritz: „Bei mir ist jeder Tag anders - und das macht großen Spaß“

Sie haben 2017, kurz nach Ihrem Karriereende, gesagt, dass Sie gar nicht wissen, ob Arbeit am Schreibtisch überhaupt Ihr Ding ist. Wie fällt jetzt das Fazit nach einem Jahr im Trainee-Programm aus?

Erstmal war es nach dem Karriereende wirklich schön, dass ich Zeit mit meiner Frau und meiner Tochter genießen konnte, bevor ich eingestiegen bin. Ich hatte ja auch mit meinem Sprunggelenk noch lange zu tun und habe meine Reha gemacht, was wirklich gut war. Das Schöne am Trainee-Programm ist diese Vielseitigkeit. Ich sitze ja nicht jeden Tag am Schreibtisch. Davon bekomme ich Rückenschmerzen (lacht). Bei mir ist jeder Tag anders, und das macht großen Spaß. Ich habe noch nie auf die Uhr geschaut, um zu sehen, wann endlich Feierabend ist.

Als Profi war Ihr Tagesablauf stark durch andere strukturiert. Ist Ihnen die Umstellung in ein selbstbestimmteres Leben schwergefallen?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe das Leben als Fußballspieler sehr genossen, das war eine tolle Zeit. Die strukturierten Abläufe war ich natürlich gewohnt. Ich habe mich vor meinem Karriereende aber schon damit beschäftigt, wie es wohl ohne sie sein wird. Es gibt ja Spieler, die mit der Umstellung Probleme haben. Bei mir war es dann so, dass ich mich gefreut habe, meinen Tag selber planen zu können.

Schon gelesen? Clemens Fritz als eine Art Außenminister

Würden Sie sagen, dass die Konstellation mit Sportchef Baumann und Trainer Kohfeldt für einen Trainee ideal ist?

Für mich ist es sogar die perfekte Konstellation. Zum einen mit Florian, weil wir uns gut kennen, zum anderen auch mit Frank, weil ich unheimlich viel von ihm lerne. Ich kann immer zu ihm kommen und Fragen stellen. Zu sehen, wie er arbeitet, ist für mich sehr wertvoll. Ich wäre ja auch schön blöd, wenn ich mir von ihm nicht möglichst viel abschauen würde.

Werden Sie schon als sein Nachfolger aufgebaut?

Nein, das ist völliger Quatsch, weil es kein Thema ist. Werder ist ein großes Unternehmen. Wir machen 120 Millionen Umsatz. Da springe ich ja nicht einfach rein und sage: Ich mache das hier jetzt mal.

Sind Sie denn von Haus aus ein guter Netzwerker, oder müssen Sie das erst noch lernen?

Das weiß ich gar nicht. Ich freue mich jedenfalls immer, wenn ich mit Leuten zusammenkomme, mit denen ich mich gut unterhalten kann. Ich bin ja kein introvertierter Typ, sondern gehe gerne auf Menschen zu.

Spüren Sie bei den Mitarbeitern des Vereins einen Sonderstatus, weil Sie einen großen Namen haben, sogar Ehrenspielführer sind?

Nein, und mir ist es auch wichtig, dass ich nicht hier bin, weil ich elf Jahre für Werder gespielt habe. Das darf kein Grund sein zu sagen: ,Wir müssen für Clemens jetzt aber irgendeinen Job finden.’ Das eine war die Zeit als Profi. Jetzt bin ich in einer Rolle, in der ich dazulernen will. Einfach machen will ich es mir nicht.

Ist eigentlich eine Pause denkbar, bevor Sie im Fußball eine feste Funktion bekleiden?

Nein, momentan plane ich das nicht. Mir macht es bei Werder großen Spaß. Deswegen gibt es keine Pläne in eine andere Richtung.

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare