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Seit 2016 spielt Diego bei Flamengo Rio de Janeiro.

Ex-Werder-Profi im Interview

Diego: „Werder war meine beste Zeit“

Rio de Janeiro - Liebend gerne wäre er jetzt ein Teil der „Selecao“ und in Russland dabei. Doch für Diego, den ehemaligen Mittelfeldstar des SV Werder Bremen, hat sich der Traum von einer WM-Teilnahme erneut nicht erfüllt.

Bei der finalen Nominierung des brasilianischen WM-Kaders fiel der Profi von Flamengo Rio de Janeiro durch das Raster – wie schon 2006, 2010 und 2014. Mittlerweile ist Diego 33 Jahre alt, es war deshalb wohl seine letzte Chance auf eine WM. 

Im Interview mit der DeichStube blickt er auf diese Enttäuschung und auf seine Zeit bei Werder. Die drei Jahre in Bremen von 2006 bis 2009 seien die besten Jahre seiner Karriere gewesen, sagt er: „Bei Werder habe ich mein Spiel vervollkommnet.“

Diego, wie schwer ist es Ihnen gefallen, als Sie erfahren hatten, nicht zum WM-Aufgebot Brasiliens zu zählen?

Diego: Ich war schon tief enttäuscht. Doch das Wichtigste für mich ist, dass ich um meinen Platz wahrlich gekämpft habe, alles getan habe, um mich aufzudrängen. Am Ende hat Nationaltrainer Tite entschieden. Ich habe es zu respektieren.

Für Sie ist ein Traum geplatzt?

Diego: Sicherlich, eine WM-Teilnahme war mein großer Traum, seit ich Profi bin.

Sie haben bis 2008 regelmäßig in der Seleccao gespielt, dann nicht mehr, erst im letzten Jahr ein Comeback gefeiert. Bei der Europa-Tournee mit Tests in Russland und Deutschland fehlten Sie. Mussten Sie nicht damit rechnen, unberücksichtigt zu bleiben?

Diego: Nicht unbedingt, ich spielte in den Plänen von Tite eine Rolle. Ich habe verfolgt, was er in den Medien sagte. In jedem Interview erwähnte er meinen Namen. Natürlich ist mir bewusst, dass es harte Konkurrenz gibt – gerade auf meiner Position im Mittelfeld. Der Coach hat sich für Renato Augusto, den früheren Bundesliga-Profi, und für Fred aus Donezk entschieden.

Ist die Selecao im Augenblick stärker als bei der enttäuschenden Heim-WM vor vier Jahren?

Diego: Ich denke schon. Diesmal haben wir ein besseres Team zusammen, ein funktionierendes Gefüge. Schon immer besaß Brasilien überragende Individualisten, technisch herausragende Fußballer, auch 2014 war dies der Fall. Doch immer stellt sich die Herausforderung, diese Einzelkönner zu einer schlagkräftigen Mannschaft zu formen. Dies ist Tite gelungen, besser als seinen Vorgängern.

Also ist die Selecao nicht nur Neymar?

Diego: Neymar ist gewiss einer der besten Spieler auf der Welt, doch er ist ein Teil der Elf. Wir müssen als Team bestehen. Wenn dies geligt, kann die individuelle Klasse Neymars den Unterschied machen.

Hat die Fußballnation das 1:7 von Belo Horizonte, diese Blamage gegen Deutschland, dieses Trauma, inzwischen überwunden? Wie haben Sie diese happige Niederlage erlebt?

Diego: Ich konnte es nicht fassen, eine faustdicke Überraschung in einem Halbfinale der WM. Es war kein normales Resultat auf diesem Niveau, bei einem Vergleich von zwei Fußball-Großmächten, die sich gemeinhin auf Augenhöhe messen. Wir haben daraus unsere Lehren gezogen. Es war heilsam für den brasilianischen Fußball. Es setzte eine Weiterentwicklung und Umkehr ein. Und dies mache ich nicht nur am 1:0-Sieg vor einigen Wochen in Berlin fest.

Hat dieser Erfolg über Deutschland die angeknackste Seele der Fans wieder kuriert?

Diego: Sicherlich, es war wichtig für die Fans, aber auch für die Spieler, die sich bewiesen haben. Auch wenn der Sieg in diesem Test das 1:7 nicht ausradiert hat.

Die Selecao hat sich mit einer imposanten Qualifikation eindrucksvoll zurückgemeldet. Zählt Sie in Russland zum Favoritenkreis?

Diego: Wie immer dürfen sich einige Nationen reelle Chancen ausrechnen. Brasilien zählt zweifellos zu dieser Gruppe.

Wer noch?

Diego: Deutschland natürlich, Spanien und Argentinien ebenso, möglicherweise Frankreich. Auch Belgien traue ich einiges zu. Es ist aber schwer zu sagen, wer Topfavorit ist. Entscheidend ist, bei dem Turnier in bester Verfassung, in guter Form und mit perfekter Mentalität zu sein.

Sie verfolgen die Bundesliga und haben mitbekommen, welch fantastische Saison ein Landsmann gespielt hat. Naldo, ein früherer Mannschaftskollege, reüssiert auf Schalke und wurde zum „Mister Germany“ ernannt. Sie haben Deutschland zweimal verlassen und ihr Glück im Ausland gesucht. Bereuen Sie diesen Schritt, wenn Sie Naldos Werdegang betrachten?

Diego: Überhaupt nicht, es war der richtige Moment. Es war richtig, Bremen zu verlassen. Ich hatte bei Werder drei fantastische Jahre. Wenn ich nun zurückblicke, es waren die besten Jahre als Profifußballer.

Warum sind Sie 2009 dann gegangen?

Diego: Es boten sich so lukrative und vielversprechende Alternativen in Europa, dass ich wechseln musste. Mein Ziel war es immer, in einer anderen Liga zu spielen. Das unterscheidet mich von Naldo, der in Deutschland sein Glück gefunden hat und dort auch nach dem Karriereende leben möchte. Ich respektierte dies. Naldo hat eine wunderbare Karriere hingelegt.

Ihnen bot sich damals die Möglichkeit, zu Real Madrid zu wechseln. Wieso scheiterte es?

Diego: Es gab mehrere Optionen. Real wollte nicht so viel zahlen an Bremen. Daher ist es nicht zu dem Deal gekommen. Ich habe mich also für Juventus Turin entschieden, übrigens nicht nur gegen Real, sondern auch gegen die Münchner Bayern. Italien war für mich immer ein verlockendes Ziel. Und ich war überzeugt von dem Projekt, das Juve starten wollte.

Später ging es dann nach Spanien, doch noch nach Madrid, indes zu Atletico. Wie bewerten Sie diese Station?

Diego: Ich war dort auch sehr glücklich, fast so wie in Bremen. Wir waren vor allem sehr erfolgreich, holten Titel. Und mir gefiel der Fußball, den wir spielten.

Diego-Fußball?

Diego: So kann man es sagen. Ich habe mich dort wohlgefühlt – und in einer Hinsicht noch mehr als in Bremen. Der Winter in Madrid ist nicht so hart.

2009 gewinnt Diego mit Werder den DFB-Pokal. 

Sie schwärmen regelrecht von der Werder-Epoche. Was macht Werder für Sie aus?

Diego: In Porto, meiner ersten Station in Europa, lief es nicht so gut für mich. Ich war Klaus Allofs dankbar, als er mich zu Werder holte. Alles klappte, alles war gut. Schauen Sie sich die Statistiken meiner Laufbahn an. Die besten Werte hatte ich in Bremen: viele Einsätze, eine Menge Assists, genug Tore – alles bestens. Zudem habe ich viel gelernt in der Bundesliga, bin ich zu einem Freund des Bundesliga-Fußballs geworden. Bei Werder habe ich mein Spiel vervollkommnet.

Haben Sie noch Kontakt nach Bremen?

Diego: Aktuell kaum, zuletzt haben wir uns vor Jahren in der Türkei getroffen. Als ich bei Fenerbahce spielte, war Werder in Belek im Trainingslager, da ergab sich die Gelegenheit.

In der abgelaufenen Spielzeit hatte sich Werder relativ früh aus dem erbitterten Abstiegskampf verabschiedet…

Diego: … zum Glück. Im Jahr davor als es unter Trainer Nouri zunächst nicht so gut lief, habe ich mitgezittert. Werder, ich wiederhole mich gern, wird immer in meinem Herzen bleiben.

Klassenerhalt geschafft, doch mehr geht anscheinend nicht an der Weser. Warum ist Ihr Lieblingsclub aus der Spitze der Liga verschwunden?

Diego: Es ist schade und es ist auch nicht normal, dass so ein ruhmreicher Verein nicht zur Spitzengruppe der Liga zählt. Werder müsste zu den Top 5 oder gar 3 gehören. Ich kann nicht genau angeben, wann die Fehler gemacht worden sind, die zur jetzigen Lage beigetragen haben. Dass Fehler gemacht worden sind, steht außer Frage.

Mit Frank Baumann haben Sie zwei Jahre lang gespielt. Wie beurteilen Sie seine Arbeit als Geschäftsführer?

Diego: Frank war einer der intelligentesten Spieler, mit denen ich gespielt habe. Eine herausragende Persönlichkeit, sehr still und überlegt in seinem Auftreten, aber sehr bestimmt in seinen Handlungen. Ein großartiger Kapitän auf dem Spielfeld...

... der nun diesen Weg außerhalb des Rasens als Manager fortsetzt?

Diego: So sieht es aus. Frank Baumann versteht sehr viel von Fußball und bringt nun seine Fähigkeiten für den Club ein. Ein absoluter Gewinn für Werder.

Diego und Frank Baumann im Februar 2009.

Ähnlich macht es in Brasilien der aus der Bundesliga bekannte Ze Roberto, der nun als Manager bei Corinthians fungiert. Ein Modell für Sie nach Ihrer aktiven Zeit?

Diego: Was genau ich machen werde, ist noch nicht klar. Doch eins ist sicher: Ich werde im Soccer bleiben.

In Wolfsburg, Ihrer zweiten Station in Deutschland, lief es für Sie nicht so gut. Was sagen Sie über diesen Ex-Club?

Diego: Anfangs war ich zufrieden in Wolfsburg. Doch als Team waren wir nicht erfolgreich, wir haben unsere Ziele nicht erreicht. Mir ist dies heute noch ein Rätsel, weil wir gute Leute hatten. Doch als Team haben wir einfach nicht funktioniert.

In Erinnerung geblieben ist aus dieser Zeit der Konflikt mit Felix Magath. Als dieser Sie nicht nominierte, verließen Sie das Trainingscamp vor einem Spiel in Hoffenheim. Wie denken Sie heute über diese Aktion?

Diego: Lange haben Magath und ich gut zusammengearbeitet, ohne Probleme. Dann kam es zu diesem Vorfall.

War es ein Fehler von Ihnen?

Diego: Es hatte sich in den Tagen zuvor angedeutet, der Zwist zwischen dem Trainer und mir. Niemand weiß, was zwischen uns vorgefallen ist. Es ist Vergangenheit, ich möchte nicht mehr darüber reden. Nur so viel: Es war kompliziert für mich, enorm schwierig, in jener Phase ruhig zu bleiben. Daher kam es zu dieser Reaktion.

In der Öffentlichkeit standen Sie als Sündenbock dar, der die Mannschaft im Stich gelassen hat. Hatte der im Umgang nicht immer ganz einfache Felix Magath auch seinen Anteil an diesem Streit?

Diego: Ich habe Andeutungen gemacht. Jeder sollte dies für sich beurteilen. Die Sache ist vorbei. Ich wünsche Felix Magath weiterhin alles.

Der VfL hat sich in den vergangenen zwei Spielzeiten jeweils nur über die Relegation vor dem Abstieg retten können. Woran krankt es?

Diego: Ich ziehe Parallelen zu damals, als ich für den VfL spielte. Viele gute Fußballer, doch keine Mannschaft. Fußball ist ein schwieriges Geschäft, eine große Herausforderung für die handelnden Personen, die professionell arbeiten müssen. Kurzum: Geld ist im Fußball wichtig, aber es ist nicht alles.

Sie spielen aktuell für Flamengo, den populärsten Club in Brasilien. Wie sind Sie mit der gerade angelaufenen Spielzeit zufrieden?

Diego: Wir sind auf einem guten Weg, müssen und können uns aber noch steigern. Ich bin zuversichtlich.

Wie ist das Profi-Leben in Brasilien im Vergleich zu Europa?

Diego: Sehr hart. Der Druck in Rio ist enorm. Viele Spiele, die Hitze, die weiten Reisen in dem großen Land. Wir kommen nicht zur Ruhe. Jedes Jahr wird darüber diskutiert, wie es zu ändern ist, doch noch hat niemand eine Lösung gefunden.

Wie schätzen Sie das Niveau der Liga ein?

Diego: Die Spielklasse entwickelt sich. Sicherlich sind wir noch nicht auf dem Level der europäischen Topligen.

In einem Interview mit dem „kicker“ hat der in Vitoria spielende ehemalige Bundesliga-Profi Alexander Baumjohann von einem „wilden Fußball“ gesprochen, der in Brasilien praktiziert werde. Liegt er richtig?

Diego: Nicht ganz. Früher mag dies so gewesen sein, doch nun spielen viele Teams sehr strukturiert, disziplinierter und taktischer – nicht mehr zu vergleichen mit dem Stil von vor zehn Jahren.

(Das Interview führte Hans-Günter Klemm)

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