Dirk Gieselmann schreibt ab sofort regelmäßig für die DeichStube über sein Leben als Werder-Fan.

„Dirk am Deich“: Gieselmann über sein Leben als Werder-Fan

Traum-Karriere eines Fantasie-Brasilianers

Von Dirk Gieselmann. Wenn man älter wird, lässt so einiges nach, über das hier geschrieben werden könnte oder auch nicht. Ich möchte mich heute nur einem widmen, dem schmerzlichsten Verlust von allen: der Fantasie.

Sie weicht im Laufe der Jahre dem Realismus, wie die Zahnpasta im Badezimmerschrank der Haftcreme weicht, das Rennrad in der Garage dem Rollator und das Haar auf dem Kopf der immer länger werdenden Stirn. Mein Gott, wie ich meine Fantasie vermisse! Als Kind konnte ich mir, wenn ich auf der Wiese vor meinem Elternhaus in Heede bei Diepholz Fußball spielte, ohne Anstrengung vorstellen, dass ich nicht Dirk Gieselmann war, sondern der Brasilianer Morris, den der SV Werder gerade als Nachfolger von Kalle Riedle verpflichtet hatte.

Morris, der neue Weltstar bei Werder

Wie ich auf den Namen Morris gekommen war, weiß ich nicht mehr, aber das ist ja das Wundervolle an der Fantasie: dass sie sich dem absichtsvollen Denken entzieht. So hatte ich mir auch nicht vorgenommen, dass mir die Rhododendren ringsum wie die vollbesetzten Tribünen des Weserstadions erschienen, es war einfach so. Ich hörte sie sogar meinen Namen skandieren, wenn ich die Wäschestangen aussteigen ließ, die natürlich keine Wäschestangen waren, sondern Klaus Augenthaler und Hansi Pflügler vom FC Bayern, und dann den Ball ins Tor drosch, vorbei an Raimond Aumann, den nur ich sah. Er hatte keine Chance gehabt, selbst wenn er physisch anwesend gewesen wäre.

Denn ich war der unbesiegbare Morris, ein neuer Weltstar, der dennoch niemals dem Ruf der Top-Klubs folgen würde, AC Milan, FC Barcelona, pah! Ich würde meinem geliebten SV Werder treu bleiben, ein Leben lang, und ihn zu großen Titeln führen. Die Menschen in und um Bremen würden Straßen nach mir benennen, in Osterholz-Scharmbeck, in Syke, in Achim, Turnhallen, Grundschulen, ja sogar Kinder. Bis weit in meine Jugend hinein habe ich gehofft, dass Otto Rehhagel und Kalli Kamp an einem dieser Nachmittage, an denen ich, das immer gleiche Solo vollführend, über die Wiese preschte, zufällig durch den Landkreis kutschieren, auf der Suche nach Rohdiamanten wie mir. Dass sie mich, Morris, den Heeder Brasilianer, vom Fleck weg verpflichten.

Die letzten Funken Fantasie für Werder geopfert

Doch immer rief meine Mutter nur vom Haus herüber: „Dirki, Abendbrot!“ Und mit der grimmigen Entschlossenheit des unersättlichen Mittelstürmers verdrückte ich den strammen Max, den sie mir hingestellt hatte, im festen Glauben, dass morgen der Tag anbrechen würde, an dem Otto und Kalli endlich in der Dorfstraße vorfahren und mir einen unbefristeten Vertrag unter die Nase halten. Dieser Tag ist zu meiner tiefen Enttäuschung bis heute nicht gekommen, auch Thomas Schaaf hat sich nie in Heede blicken lassen. Ich habe das Training ziemlich schleifen lassen in letzter Zeit und würde wohl an Augenthaler, der Wäschestange, die noch immer dort im Garten steht, das eine oder andere Mal hängenbleiben.

Schlimmer jedoch als der körperliche Verfall ist der Verlust meiner Fantasie. Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, dass ich als Routinier, wie einst Manni Burgsmüller, noch ein paar Bälle reinschlenze. Ich mache mir nichts mehr vor: Florian Kohfeldt sucht nicht nach mir, Werder kommt ohne mich aus. Mein letzter Wunsch als Fußballer ist es, dass auf der Werder-Seite im Bundesliga-Sonderheft in der Rubrik Abgänge steht: „Morris (Invalide)“. Ich habe meine Fantasie für diesen Verein geopfert, bis auf das letzte Fünkchen.

Dirk Gieselmann

Das ist Dirk Gieselmann: Geboren 1978, aufgewachsen in Sankt Hülfe-Heede nahe Diepholz, groß geworden beim Magazin „11 Freunde“, ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen- und dem Deutschen Reporterpreis, mittlerweile in Berlin lebend, als Freier Autor für die „Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“ und „Spiegel online“ arbeitend und jetzt auch Mitbewohner in der DeichStube. Regelmäßig wird Dirk Gieselmann in seiner Kolumne „Dirk am Deich“ über sein Leben als Werder-Fan berichten.

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