Dirk Gieselmann schreibt regelmäßig für die DeichStube über sein Leben als Werder-Fan.

„Dirk am Deich“: Gieselmann über sein Leben als Werder-Fan

Ein Pakt mit einer höheren Macht

Von Dirk Gieselmann. „Heut mach ich mir kein Abendbrot, heut mach ich mir Gedanken“, sagte einst der Humorist Wolfgang Neuss. Genauso geht es mir auch: Gegessen habe ich an Weihnachten wirklich genug. Nun will ich in mich gehen und überlegen: Was soll die Zukunft bringen?

Leider hat man als Fußballfan nur sehr wenig Einfluss auf die Zukunft. Was sie bringen soll, muss sie von selbst bringen, ganz freiwillig. Sie lässt sich zu nichts zwingen. Deshalb kann hier von Vorsätzen, die an Silvester überall gefasst werden, auch nicht die Rede sein. Sicher, ich könnte mir vornehmen, dass der SV Werder nach über zehn Jahren endlich mal wieder die Bayern schlägt. Dass er die Schale holt oder wenigstens den Pokal. Aber all das ist noch ein bisschen unwahrscheinlicher, als dass ich 2019 mit dem Rauchen aufhöre und mit dem Joggen beginne.

Vorsätze, die allzu großes Enttäuschungspotenzial bergen, sollte man lieber gar nicht erst fassen. Denn sonst wird das kommende Jahr kein erfreuliches. Ich möchte mir lieber etwas wünschen. Wenn es dann eintritt, bin ich froh. Wenn nicht, wünsche ich es mir einfach noch einmal. Ich wünsche mir für das kommende Jahr ein neues Wunder von der Weser. Die Älteren werden wissen, was ich damit meine: ein Spiel, in dem das nicht für möglich Gehaltene, ja, das Unerklärliche geschieht. In dem die Mannschaft einen Pakt eingeht mit einer höheren Macht, dem Zufall, dem Glück. Oder wie manche ihn nennen: dem Fußballgott.

Hier geht es zu den vier Wundern von der Weser.

„König Otto“ und die Stadtmusikanten

Das erste Wunder dieser Art ereignete sich am 4. November 1987: Der SV Werder hatte die Uefa-Pokalpartie bei Spartak Moskau 1:4 verloren und gewann daheim auf sagenhafte Weise mit 6:2. Ähnlich verlief das zweite am 11. Oktober 1988: 0:3 im Landesmeisterwettbewerb bei Dynamo Berlin, 5:0 im Rückspiel. Und, drei Mal ist Bremer Recht, es kam sogar noch zu einem weiteren Wunder, diesmal innerhalb von nur 90 Minuten: am 8. Dezember 1993 bog Werder einen Pausenrückstand von 0:3 in ein 5:3 gegen den RSC Anderlecht um.

Wenn seinerzeit jemand behauptet hätte, Trainer Otto Rehhagel könnte den Stadtmusikanten befehlen, sich andersherum zu stapeln, man hätte sicherheitshalber nachschauen müssen, ob der Esel nicht mit einem Mal oben steht und der Hahn unten. Es waren Jahrhundertereignisse des internationalen Fußballs, von denen die, die sie bezeugen durften, noch ihren Enkeln erzählen werden wie von der Mondlandung, dem Fall der Mauer oder dem WM-Kampf zwischen Muhammed Ali und Sonny Liston 1964. 

Großer Jubel bei Werder Bremen über den Sensations-Sieg gegen Spartak Moskau 1987.

Dass sich die Wunder von der Weser allesamt unter Flutlicht ereigneten, verleiht der Erinnerung bis heute etwas geradezu Magisches. Sie werden wohl nie an Strahlkraft verlieren, solange es Menschen gibt, die davon berichten können. Und sie waren für viele, die ich kenne, die vorher verwirrt genug waren, dem HSV anzuhängen, dem BVB oder den Bayern, eine Initiation. Nachdem sie gesehen hatten, dass dieser SV Werder Wunder vollbringen kann wie kein anderer Verein, entschieden sie sich für diesen, den einzig wahren. Eine ganze Generation von Fans wurde damals zum wahren Glauben bekehrt und für immer auf grün-weiß geeicht.

Und ich finde eben, es wäre mal wieder an der Zeit für ein solches Wunder, ziemlich genau 25 Jahre nach dem letzten. Zumindest ist es nicht zu früh, es sich zu wünschen. Nicht nur um des Wunders willen, sondern für eine bessere Zukunft.

Werder-Liebe wie eine goldene Taschenuhr weitergereicht

Denn Vereine wie der SV Werder, die nicht um die großen Titel mitspielen, keine Weltstars verpflichten können und nicht rund um die Uhr auf allen Sendern laufen, haben es ungleich schwerer, junge Anhänger für sich zu gewinnen. Anders als früher, da die Liebe von den Eltern an die Kinder weitergereicht, ja vererbt wurde wie eine goldene Taschenuhr, steht sie heute in weltweiter Konkurrenz zur gleißenderen Attraktivität der reichen Großclubs wie Real Madrid, Paris Saint Germain oder Manchester City. Die lieben Kleinen träumen davon, die Champions League zu gewinnen, nicht von einem einstelligen Tabellenplatz in der Bundesliga. Und Letzteres ist nun mal, seien wir ehrlich, die realistische Perspektive des SV Werder.

Da kann nur ein neues Wunder von der Weser helfen, ein einziges Spiel, in das alle im Fußball überhaupt nur möglichen Gefühle gepresst sind: Angst, Enttäuschung, Wut, plötzliche Hoffnung, Erlösung und Ekstase. Es ist wie der Gewinn eines Triples im Jahr des Wiederaufstiegs, komprimiert auf neunzig Minuten. Eine Explosion der Emotion, eine Epiphanie, ein Schock des Glücks, größer als alles andere: ein Wunder eben. 

Wer es einmal erlebt, wird diesen Verein für immer lieben, auch wenn der Alltag davor und danach manchmal grau anmutet. Die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern, dass der SV Werder die Wettbewerbe, in denen er die Wunder vollbrachte, keineswegs gewann. Doch das tut der Sache keinen Abbruch. Die Wunder überstrahlen alles.

Die Vorübung für ein Wunder

I shook up world, rief Muhammed Ali, nachdem er Sonny Liston ausgeknockt hatte: Ich habe die Welt erschüttert. Wer Zeuge der Wunder geworden ist, der muss den festen Glauben haben, dass es auch dem SV Werder wieder gelingen kann, einen Riesen auf die Bretter zu schicken, einen aussichtslosen Kampf doch noch zu gewinnen, das Unmögliche möglich zu machen.

Es war eine leise Erinnerung an diese sagenhafte Fähigkeit, als die Mannschaft nach einem 0:2 in Leipzig noch ausglich. Aber sie verlor dieses Spiel noch, und es fand ja auch nicht an der Weser statt. Nennen wir es also: Vorübung für ein Wunder. Ich wünsche mir, dass es sich bald tatsächlich ereignet. Im eigenen Stadion. Unter Flutlicht. Wie damals. Ich wünsche es mir nicht für mich, ich habe drei Wunder erlebt, das reicht vollkommen. Ich wünsche es mir für alle Kinder, damit sie ihr Herz dem richtigen Verein schenken können.

Dirk Gieselmann

Das ist Dirk Gieselmann: Geboren 1978, aufgewachsen in Sankt Hülfe-Heede nahe Diepholz, groß geworden beim Magazin „11 Freunde“, ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen- und dem Deutschen Reporterpreis, mittlerweile in Berlin lebend, als Freier Autor für die „Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“ und „Spiegel online“ arbeitend und jetzt auch Mitbewohner in der DeichStube. Regelmäßig wird Dirk Gieselmann in seiner Kolumne „Dirk am Deich“ über sein Leben als Werder-Fan berichten.

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