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Zum „Einjährigen“ kassierte Florian Kohfeldt eine Klatsche. Seine Gesamtbilanz ist aber bemerkenswert.

Nach 2:6 gegen Bayer Leverkusen

Ein Jahr Kohfeldt: Er kann auch eine Klatsche gut erklären

Bremen - Wäre der SV Werder eine Zirkusnummer, dann würde der Drahtseilakt ganz gut passen. Genau vor einem Jahr hat es Trainer Florian Kohfeldt tatsächlich gewagt, aus einem ängstlichen Abstiegskandidaten eine spielbestimmende Mannschaft formen zu wollen.

Es ist ihm gelungen. Die Balance war in dieser Saison sogar so gut, dass Werder in der Spitzengruppe steht. Daran konnte selbst das 2:6-Heimdebakel am Sonntag gegen Bayer Leverkusen nichts ändern. Aber es zeigte, wie gefährlich Werders Weg sein kann, wenn Kohfeldts Netz und doppelter Boden nicht Spiel für Spiel ordentlich installiert werden – sowohl vom Coach selbst als auch von den Spielern. Das ist durchaus eine Qualitätsfrage, die allerdings im DFB-Pokal am Mittwoch gegen Regionalligist Weiche Flensburg keine Rolle spielen dürfte.

Öffentliche Aufarbeitung von Spielen ist Kohfeldts Stärke

„Heute hat eine Mannschaft, die seit zehn Jahren international spielt, gegen eine Mannschaft gewonnen, die in den letzten sechs Jahren gegen den Abstieg gekämpft hat“, hob Werder-Sportchef Frank Baumann am Sonntag ausdrücklich hervor. Der Kader von Bayer Leverkusen ist schon richtig gut besetzt. Auch Werder hat sehr gutes Personal, aber im Defensivbereich gibt es durchaus Probleme, wenn ein Leistungsträger wie Niklas Moisander ausfällt. Marco Friedl und Sebastian Langkamp können ihn nicht ersetzen, Milos Veljkovic agiert ohne den Finnen an seiner Seite längst nicht so souverän wie sonst. In diesem Bereich muss Werder etwas tun, um dauerhaft oben zu bleiben.

Allerdings stellt sich auch die Frage, warum Kohfeldt ausgerechnet nach Moisanders Ausfall auf eine Dreierkette setzte und somit Friedl und Langkamp gleichzeitig neben Veljkovic spielen ließ. „Natürlich nehme ich mich da komplett mit rein“, sagte Kohfeldt zur kritischen Analyse der Partie. Die öffentliche Aufarbeitung von Spielen zählt zur ganz großen Stärke des 36-Jährigen.

Er erklärt so viel und so verständlich wie kaum ein anderer Trainer. So sei die Dreierkette speziell auf eine bessere Konterabsicherung gegen die schnellen Leverkusener ausgerichtet gewesen. „Unser Problem lag direkt im Moment der Ballverluste. Da geht es darum, die Passwege zuzustellen. Das haben wir nicht gut gemacht. Außerdem muss der ballferne Innenverteidiger reinrücken. Das ist ein klarer Ablauf, 1 000 Mal trainiert. Beides hat nicht funktioniert“, seufzte der Coach.

Kohfeldts Spielidee erfordert sehr viel Mut, aber darauf sind die Spieler vorbereitet. Die Abläufe werden immer wieder einstudiert – auf und neben dem Platz. „Es muss halt ein Rädchen ins andere greifen“, sagte Kohfeldt und entschuldigte sich sofort für die Phrase, auf die er aber einfach nicht verzichten konnte. Nur wenige Stunden nach der Klatsche ging die Detailarbeit schon weiter – mit einer Videoanalyse. Keine angenehme Geschichte für die Verlierer. Natürlich seien die Fehler klar aufgezeigt worden, berichtete Veljkovic: „Aber auch die positiven Dinge.“ Der Serbe berichtete von einem „komischen Gefühl“ in der Kabine: „Wir haben von Anfang an nicht gut gegen den Ball gespielt, aber mit dem Ball war das gar nicht so schlecht.“

Kohfeldt geht als Erster übers Drahtseil

So sah es auch Kohfeldt – und setzte einmal mehr zu einer seiner ganz besonderen Erklärungen an: „Das Schwierige, nämlich aus geordnetem Ballbesitz Chancen herauszuspielen, haben wir auch gegen Bayer gut gemacht. Das Einfache, das allein mit Aufmerksamkeit zu tun hat, das haben wir nicht gemacht.“ Letzteres lasse sich abstellen, versicherte Kohfeldt und nicht nur das: „Wir werden wieder da sein.“

Der Trainer geht also wieder als Erster über das Drahtseil, nimmt seine Spieler an die Hand und reißt sie mit. „Wir werden weiterhin mutig sein“, sagte Veljkovic kurz nach der Videoanalyse. Kohfeldt hat seine enttäuschten Spieler mental längst wieder in die Spur gebracht. Er kann sich dabei auf eine unglaubliche Erfolgsgeschichte berufen. In den 33 Bundesliga-Partien unter seiner Regie holte Werder 54 Punkte, nur Bayern und Dortmund waren in diesem Zeitraum erfolgreicher. Und die Bremer sind nach neun Spieltagen mit guten 17 Punkten immer noch Vierter.

Dazu winkt am Mittwoch im DFB-Pokal der Einzug ins Achtelfinale. Gegen Weiche Flensburg geht es sicherlich auch um die richtige Balance, die Qualitätsfrage sollte sich ganz gewiss nicht stellen. Ein Ausscheiden dort wäre weitaus schmerzhafter und folgenreicher als die 2:6-Klatsche gegen Leverkusen.

Die Kohfeldt-Tabelle

Platzierung/Verein

Spiele

Tore

Punkte

1. Bayern München

33

85:31

80

2. Borussia Dortmund

33

66:46

56

3. Werder Bremen

33

51:42

54

4. Schalke 04

33

45:38

53

5. 1899 Hoffenheim

33

67:47

52

6. Bayer Leverkusen

33

51:46

51

7. RB Leipzig

33

57:50

50

8. Eintracht Frankfurt

33

54:48

48

9. Borussia Mönchengladbach

33

51:46

47

10. Hertha BSC

33

47:44

46

11. VfB Stuttgart

33

33:46

43

12. SC Freiburg

33

39:51

40

13. FC Augsburg

33

44:50

38

14. VfL Wolfsburg

33

40:49

35

15. Mainz 05

33

32:46

34

16. Hannover 96

33

30:45

27

Anmerkung: Berücksichtigt wurden die Ergebnisse vom elften Spieltag der vergangenen Saison – Kohfeldts Einstand – bis heute. Die Ab- und Aufsteiger werden nicht aufgeführt.

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