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Nach einer Bewährungsphase von sieben Spielen ist Florian Kohfeldt als Cheftrainer von Werder Bremen bestätigt worden. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer besonderen Laufbahn.

Selbstentdeckt und für gut befunden

Kohfeldts Weg: Vom Trainer-Flüsterer zum Chefcoach

Bremen - Florian Kohfeldts Weg auf die Trainerbank bei Werder Bremen: Drei Begleiter blicken zurück.

Der Vater des Bräutigams hatte Bedenken. Nein, nicht die Hochzeit an sich betreffend. Es ging ihm um die berufliche Zukunft des Filius‘. Bei dem handelt es sich um Florian Kohfeldt, und er hatte es sich zum Ziel gesetzt, Fußballtrainer zu werden. Die richtige Fährte? Der Herr Papa fragte lieber mal beim Chef nach. Das war damals noch Thomas Wolter, Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums des SV Werder.

„Wir haben uns ein bisschen unterhalten“, erinnert sich Wolter gerne an das Gespräch mit Kohfeldt senior, „und ich habe ihm gesagt, er solle sich keine Sorgen machen, sein Sohn würde seinen Weg schon machen“. Was sich als vollkommen richtige Einschätzung erwiesen hat, denn mittlerweile ist Florian Kohfeldt nicht nur glücklich verheiratet, sondern auch glücklicher Cheftrainer von Werder Bremen. Nach einer Bewährungsphase von sieben Spielen ist er auf dem Posten bestätigt worden. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Karriere, die mit „bemerkenswert“ und „ungewöhnlich“ nur unzureichend beschrieben ist.

Reinhard Schumacher, Kohfeldts langjähriger Jugendtrainer, sagt: „Ich war mehr als überrascht, als er mir als Zwölfjähriger seine Gedanken zum Fußball aufgezeichnet hat. Im Nachhinein kann ich sagen: Das waren die ersten Anzeichen.“

Die DeichStube hat sich mit drei Männern getroffen, von denen Florian Kohfeldt selbst sagt, dass sie für ihn wichtig gewesen sind auf seinem Weg, der ein bisschen an den amerikanischen Traum erinnert: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Na gut, das mit dem Millionär stimmt noch nicht. Ganz so hoch wird Kohfeldts neues Gehalt nicht sein. Und Tellerwäscher war er auch nie. Aber von unten nach oben hat er es dennoch geschafft. Und zwar so:

Es ist das Jahr 1994, und in der D-Jugend des TV Jahn Delmenhorst läuft alles wie gewohnt. Siege, Siege, Siege – ab und an setzt es aber auch eine Niederlage. Einmal sogar eine saftige, ein 0:5. Dem Torwart reicht’s, er ist sauer auf sich und das Team. Und er glaubt, dass er weiß, wie es besser geht. Also schreibt und zeichnet er, entwickelt Ideen, wie das Team erfolgreicher sein kann. Dann legt er alles seinem Trainer vor. Neun Seiten Fußball-Expertise. Dass Florian Kohfeldt dieser Torwart war, wird jeder ahnen. Dass er seinen Trainer verblüffte, ist ebenfalls nicht schwer zu erraten.

Florian Kohfeldt hat sich irgendwie selbst entdeckt

„Ich war mehr als überrascht, dass sich ein Zwölfjähriger schon solche Gedanken macht“, sagt Reinhard Schumacher (65), der Kohfeldt als Trainer durch alle Jugendmannschaften begleitet hat – von der F- bis zur A-Jugend. Eine lange Zeit, und auch eine prägende, meint der Werder-Coach: „Reinhard Schumacher habe ich viel zu verdanken. Er hat das toll gemacht mit mir, denn er hat mich immer ernst genommen.“ Allerdings nicht so sehr, dass er alle Kohfeldt-Vorschläge sofort umgesetzt hätte. „Aber wir sind gewisse Sachen gemeinsam durchgegangen“, sagt der Hobby-Coach: „Es ist doch sagenhaft, wenn ein Junge in seinem Alter farblich einzeichnet, wer sich auf dem Platz wohin bewegen soll. Da wusste ich, dass Florian etwas anders ist als die anderen.“

Nun ließe sich leicht von früh erkennbarem Talent und dem Entdecker des Ganzen berichten. Aber Reinhard Schumacher ist ehrlich genug, einzuräumen, dass er erstens „in dem Moment nicht daran gedacht hat, dass aus Florian mal ein Bundesliga-Trainer wird“. Und dass er zweitens „nie behaupten“ würde, dass er es war, der Kohfeldt entdeckt hat. Denn das hat der Werder-Coach irgendwie ganz allein gemacht.

Studienkollege und Uni-Freund Henning Struck sagt: „Gut in seinem Job zu sein, ist Florian extrem wichtig. Auf medialen Trubel und auch auf Ruhm könnte er gut verzichten, auf Anerkennung für gute Arbeit aber nicht.“

Kohfeldt, der Selbstentdecker – diese Geschichte beginnt tatsächlich erst im Alter von 19 Jahren. Nach der Jugend beim TV Jahn Delmenhorst wechselte der Keeper zum SV Werder. In die dritte Mannschaft, Verbandsliga Bremen. Kohfeldt fand es reizvoll, für den Club mit dem großen Namen zu spielen. Dass ihm aber keine Profi-Karriere mehr bevorstehen würde, habe er „schon nach zwei, drei Trainingseinheiten gemerkt“, sagt er. „Ich auch“ , lacht Thomas Wolter, zu der Zeit noch Coach der U23 und damit Nachwuchs-Cheftrainer.

Trotz einer nicht so optimalen Torwart-Ausbildung mischte Kohfeldt aber immer wieder bei Wolter mit. Weil die U 23 quasi ständig einen Torwart im Profi-Training hatte, fehlte im eigenen Trainingskader ein Keeper. Kohfeldt rückte deshalb auf. „Florian war gut, und er hatte die Zeit. Ein paar Euro gab es auch dafür, so hat er sich sein Studium finanziert“, sagt Wolter und nennt Kohfeldt mit einem Schmunzeln „meinen Testspiel-Torwart. Ich glaube, keiner hat so viele Testspiele gemacht wie er.“ Ein Pflichtspiel durfte Kohfeldt als Nicht-Mitglied des Leistungszentrums aber nie bestreiten.

Wolter: „In Mathe ist Florian besonders gut“

Was ihn aber nicht entmutigte oder gar davon abhielt, für den Fußball zu brennen. Wolter: „Wir wussten, dass wir da einen jungen, wissbegierigen Mann hatten, der Lust hatte, im Jugendbereich zu arbeiten. Man hat schnell gemerkt, dass er auf diese Schiene wollte.“ Also wurde Kohfeldt als Co-Trainer eingebunden und erwarb sich als Assistent von Viktor Skripnik in der U 17 ersten Respekt. Nicht nur mit Fußball-Verstand, sondern auch mit einer hohen Sozialkompetenz. „Wenn ein Spieler Probleme in der Schule hatte, hat er geholfen. In Mathe ist Florian besonders gut“, so Wolter.

Die beste Seite an Florian Kohfeldt ist offenbar aber diese: Er hält sich nicht für den Größten, Besten, Stärksten. Das sei damals schon so gewesen, als er als junger Torwart bei Werder anfing, und ist heute noch immer so, meint Thomas Wolter: „Es gibt viele in diesem Metier, die sind beratungsresistent. Das ist Florian mit Sicherheit nicht, im Gegenteil. Er ist sehr selbstreflektiert und sucht sich seine Leute, mit denen er sich besprechen kann. Er ist ein unheimlich guter Teamplayer.“

Thomas Wolter, Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, über Kohfeldts Werde(r)-Gang: „Florian ist mittlerweile zum zweiten Mal von seinem Karriereplan überholt worden. Wenn alles so gekommen wäre wie geplant, wären wir heute noch nicht ganz so weit.“

Viele nette Worte also für Florian Kohfeldt – und damit hört es auch nicht auf, wenn Henning Struck ins Spiel kommt. Mit ihm hat Florian Kohfeldt während der Zeit an der Bremer Universität (Studiengang Public Health und Sport-Wissenschaften) die B-Lizenz-Lehrgänge des DFB mit Ideen zur Persönlichkeitsentwicklung bei Fußball-Talenten bereichert. „Ein spannender Ansatz“ sei das, sagt Kohfeldt noch heute. Aus der Zusammenarbeit und dem Projekt ist ein Buch mit dem sperrigen Titel „Ambitionierte und nachhaltige Talentförderung – Zur Nachwuchsarbeit im deutschen Fußball“ entstanden. Hauptautor Professor Dietrich Milles, Co-Autoren Kohfeldt und Struck, Erstauflage 500 Stück. In den Regalen vieler Verantwortungsträger in deutschen Nachwuchsleistungszentren stehen die Bücher, auch Wolter hat natürlich sein Exemplar.

„In unzähligen Veranstaltungen“, so Struck, hätten Kohfeldt und er die Erkenntnisse ihrer studentischen Arbeit unter Professor Dietrich Milles (Struck: „Unser gemeinsamer Förderer“) in den Lehrgängen des DFB verbreitet – vor Ex-Profis wie Torsten Frings, Hans-Jörg Butt, Hans Sarpei und vielen, vielen anderen. Als Lehrender ohne Profi-Hintergrund vor solche Promis zu treten, erfordert Mut. „Aber mutig war Florian schon immer. Weil er auch von dem überzeugt war, was er vermitteln wollte“, erzählt Struck, der in dem Duett den theoretischen Part übernahm, Kohfeldt war der Mann für den Trainingsplatz: „Seine Stärke war es, das theoretische Fundament in die Praxis zu übertragen, damit hinterher ein konkreter Lerneffekt übrig blieb.“

Kohfeldts Veranlagung, Leute zu führen, früh erkennbar

Ob da schon der Bundesliga-Trainer in ihm zu erkennen war? Ein bisschen, meint Struck, der heute als Studienrat an einer Berufsschule in Blumenthal arbeitet: „Florians Arbeitsweise ist ambitioniert und nachhaltig. Dass er die Veranlagung hat, Leute zu führen, war schnell erkennbar. Er weiß auch, wie Beziehungen aufzubauen sind, damit ein Team funktioniert. Er hat zudem ganz akribisch daran gearbeitet, den Weg als Trainer zu gehen. Dass es aber bis in die Bundesliga führt, konnte niemand ahnen.“

Auch Kohfeldt senior nicht. Heute sind alle schlauer, und Florian Kohfeldt ist der Mann für die Werder-Zukunft. Dass für ihn alles blitzschnell ging, zeigt der Blick auf den Zeitstrahl: 2013 der Uni-Abschluss, 2015 die Prüfung als Fußball-Lehrer, 2017 die Beförderung zum Werder-Cheftrainer. Was soll da eigentlich noch kommen? „Schön wäre es, wenn ich auch 2019 noch Cheftrainer bei Werder wäre“, hatte Kohfeldt neulich gesagt. Den Vertrag dafür hat er seit Kurzem in der Tasche. Bei Jahn Delmenhorst ist man deshalb „mächtig stolz“ auf Kohfeldt, sagt Reinhard Schumacher. „Beeindruckend“ findet Henning Struck die Entwicklung des Freundes. Und Thomas Wolter ist froh, dass er Kohfeldts Vater einst keine falschen Hoffnungen machte.

Kohfeldts Werder-Stationen im Überblick:

2006: U14 (Co-Trainer)

2007 - 2010: U16 (Co-Trainer)

2010 - 2013: U17 (Co-Trainer)

06/2013 - 12/2013: U16-Cheftrainer

01/2014 - 06/2014: U23 (Co-Trainer)

06/2014 - 10/2014: U15-Cheftrainer

10/2014 - 09/2016: Bundesliga (Co-Trainer)

09/2016 - 11/2017: U23-Cheftrainer

seit 30.11.2017: Bundesliga-Cheftrainer

Florian Kohfeldt: Seine Karriere in Bildern

Viktor Skripnik und Florian Kohfeldt
Florian Kohfeldt spielte von 2001 bis 2009 in Werders dritter Mannschaft, wechselte dann ins Trainerfach. Als Co-Trainer von Viktor Skripnik war er vier Jahre lang bei der U17 tätig, in der Saison 2013/14 dann auch bei Werders U23. © nordphoto
Viktor Skripnik, Florian Kohfeldt und Torsten Frings
Im Oktober 2014 wurde Skripnik nach der Entlassung Robin Dutts Cheftrainer bei den Profis. Seine Co-Trainer bei der U23, Kohfeldt und Torsten Frings, folgten ihm in die Bundesliga. © Gumz
Florian Kohfeldt und Viktor Skripnik
In 70 Pflichtspielen der Profis saß Kohfeldt auf der Werder-Bank. © nordphoto
Florian Kohfeldt
Nachdem Skripnik im September 2016 gehen musste und U23-Trainer Alexander Nouri seinen Posten übernahm, kehrte Kohfeldt zu Werders U23 zurück.  © nordphoto
Florian Kohfeldt
Seit Oktober 2016 ist er dort als Trainer tätig und schaffte in der Saison 2016/17 den Klassenerhalt. © Gumz
Alexander Nouri und Florian Kohfeldt
Nach der Entlassung von Alexander Nouri (l.) am 30. Oktober 2017 übernimmt Fußballlehrer Kohfeldt die Bundesliga-Mannschaft erneut - diese Mal interimsweise als Cheftrainer. Sein Assistent wurde Tim Borowski. © nordphoto
Florian Kohfeldt
Kohfeldt genießt bei Werder eine sehr hohe Wertschätzung. „Er kann Spieler weiterentwickeln. Er hat eine klare Ansprache. Er ist ein intelligenter, junger, innovativer Trainer“, lobte Sportchef Frank Baumann nach Kohfeldts Beförderung. © Gumz
Florian Kohfeldt
Zwar setzte Kohfeldt in seinem ersten Erstliga-Spiel als Cheftrainer mit Werder neue Impulse, das Spiel gegen Eintracht Frankfurt ging durch ein spätes Gegentor trotzdem mit 1:2 verloren. © Gumz
Florian Kohfeldt
Am 10. November meldete Werder Vollzug: Kohfeldt bleibt Cheftrainer - zumindest bis zur Winterpause. © nordphoto

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