+
Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic war vom Trainerwechsel bei Werder Bremen nicht überrascht gewesen.

SGE-Sportvorstand im Interview

Bobic: „Wir haben die gleichen Kopfschmerzen“

Frankfurt - Anruf bei Fredi Bobic, dem Sportvorstand von Eintracht Frankfurt. „Das ist doch ein Klassiker, das wird ein schöner Kampf“, sagt der Ex-Profi mit Blick auf das Heimspiel seiner Eintracht am Freitag gegen den SV Werder Bremen (20.30 Uhr/Eurosport Player).

„Abendspiel, Flutlicht, das macht doch Spaß“, schwärmt der 46-Jährige, als würde er am liebsten selbst die Fußballstiefel schnüren. Das macht er aber nur noch zum Spaß – und dabei gerne gemeinsam mit ehemaligen Werder-Profis. Bobic mag Bremen, er mag auch Traditionsclubs. Sie seien aber „Fluch und Segen“ zugleich. Warum, das erklärt der Europameister von 1996 im Interview mit der DeichStube.

Herr Bobic, wie gut kennen Sie eigentlich Florian Kohfeldt?

Fredi Bobic: Natürlich ist er uns bekannt, vielleicht nicht so in der Tiefe. Aber wir wissen, dass er bei der U23 gute Arbeit leistet. Und jetzt ist er bei den Profis.

Hat Sie der Trainerwechsel überrascht?

Bobic: Ich habe das Spiel am Sonntag gegen Augsburg gesehen. Nach dem 0:3 war die Stimmung natürlich entsprechend. Da war sehr viel Druck auf der Pipeline. Deswegen hat mich die Entscheidung nicht mehr überrascht.

Sie sprechen von der schlechten Stimmung, das kennt man aus dem Weserstadion eigentlich anders, oder?

Bobic: Ja, absolut. Das Publikum ist sehr treu. Aber nach dem 0:3 ging es schon in Richtung Belustigung. Das hat man sogar am Fernseher mitbekommen, das war nicht schön.

Werder galt immer als dieser etwas andere Verein, der lange an seinem Trainer festhält. Ist das nach dem vierten Trainerwechsel in vier Jahren nur noch eine nette Geschichte von früher?

Bobic: Klar, diese Konstanz war immer ein Markenzeichen von Werder. Für jeden Verantwortlichen eines Vereins ist es allerdings ein Horrorszenario, wenn du irgendwann handeln musst. Ein ruhiger sportlicher Aufbau ist dann nicht gegeben, weil jeder neue Trainer wieder seine eigenen Gedanken mitbringt. Dann musst du wieder investieren. Aber letztlich können nur die Verantwortlichen vor Ort sagen, ob es mit dem Trainer noch passt oder nicht.

Ist es heutzutage schwieriger geworden, an einem Coach festzuhalten?

Bobic: Für Vereine wie Werder Bremen oder auch Eintracht Frankfurt ist es tatsächlich nicht so leicht. Der Konkurrenzdruck in der Bundesliga ist extrem hoch. Und wenn du einen richtig guten Trainer hast, wird er dir wahrscheinlich irgendwann weggekauft.

Welche Auswirkungen hat der Trainerwechsel auf das Spiel am Freitag?

Bobic: Das ist schwer zu sagen. Ich habe in meiner Spielerkarriere so viel Trainerwechsel erlebt, manchmal lief es plötzlich wie von selbst, und manchmal wurde es sogar noch schlimmer. Du hast keine Garantie. Deswegen fokussieren wir uns am besten auf uns.

Zehn Spiele, 15 Punkte, Platz zehn - wie zufrieden sind Sie mit dem Saisonstart der Eintracht?

Bobic: Es herrscht ein unfassbarer Verdrängungskampf in dieser Liga. So dicht beieinander war es noch nie, es gibt ja nicht mal zwei echte Aufsteiger. Hannover und Stuttgart sind etablierte Bundesligisten. Alle Spiele sind unglaublich eng. Das macht es für uns, die in der Verantwortung stehen, auch so schwierig zu planen. Aber aktuell sind wir mit dem Punktestand im Soll und zufrieden.

Nur im eigenen Stadion klappt es noch nicht so gut. Es gab erst einen Sieg in vier Spielen?

Bobic: Aber zuletzt einen Sieg gegen Stuttgart und ein tolles 2:2 gegen Dortmund. Und bei den beiden Heimniederlagen waren wir auch nicht schlecht – wir hatten sogar Übergewicht und mehr Chancen, haben aber trotzdem verloren.

Damit liegen Sie doch im Trend: In der Bundesliga gewinnt immer seltener die auffälligere Mannschaft.

Bobic: Richtig, manchmal ist wirklich wenig Ballbesitz und eine destruktive Spielweise von Erfolg gekrönt. Aber das liegt auch daran, dass sich viele Mannschaften auf dem gleichen Level bewegen. Dazu gehört auch Werder Bremen. Da entscheidet oft das Momentum.

In Bremen wurde Alexander Nouri für seine sehr defensive Spielweise kritisiert, weil Werder offensiv und attraktiv auftreten will. Wofür steht die Eintracht?

Bobic: Auch für uns ist es erstmal wichtig, dass wir defensiv gut stehen. Das tun wir. Nach vorne haben wir aber auch Potenzial. Unsere große Stärke ist es, dass wir in verschiedenen taktischen Varianten spielen können. Wir sind sehr flexibel. Die Jungs verstehen sich darauf sehr gut.

Spielen viele Mannschaften in der Bundesliga nicht zu mutlos, und leidet darunter nicht die Qualität?

Bobic: Bayern, Dortmund und vielleicht noch Leipzig können ihre Gegner an die Wand spielen, die anderen nicht. Da fehlt uns in der Bundesliga einfach die Qualität, da müssen wir uns nichts vormachen. Aber dafür ist die Liga extrem spannend, diesen Abnutzungskampf lieben die Fans. Die Jungs geben immer alles. Natürlich gibt es auch vermeintlich langweilige Spiele, aber die gibt es in anderen Ligen auch. Das wird mir alles zu sehr dramatisiert. Wir setzen so viel auf junge Spieler wie keine andere große Liga. Das ist ein guter Weg.

Werder hat in zehn Spielen erst drei Tore gemacht, was denken Sie da als ehemaliger Stürmer?

Bobic: Werder fehlt gerade die Effizienz. Sie schaffen es einfach nicht, ein Tor zu schießen. Gucken wir mal zurück: In der Rückrunde hat Werder Tor um Tor gemacht. Da war derselbe Trainer da, der gerade entlassen worden ist. Er hat also auch einiges richtig gemacht. Fußball hat einfach sehr viel mit Selbstvertrauen zu tun, das weiß ich noch sehr gut. Irgendwann dreht es sich wieder.

Haben Sie früher gerne gegen Werder gespielt?

Bobic: Natürlich, ich habe bestimmt eine gute Quote gegen Werder (lacht). Der Rasen im Weserstadion war immer feucht, das hat mir gefallen. Ich habe ja noch in dem alten Stadion gespielt, wo der Wind reingefegt ist. Die Stimmung war super – und Werder hatte immer tolle Fußballer.

Einige davon sind auch in anderen Funktionen am Freitag in Frankfurt dabei: Co-Trainer Tim Borowski, Sportchef Frank Baumann und Aufsichtsratschef Marco Bode.

Bobic: Die können alle noch gut kicken. Wir spielen ja hin und wieder mal zusammen. Dieter Burdenski (Ehrenspielführer von Werder, Anm. d. Red.) organisiert das mit der Traditionsmannschaft. Da habe ich dann viele Werderaner um mich herum, das sind sehr angenehme Kollegen. Unser Verhältnis zu Werder ist ohnehin sehr gut. Ein gutes Miteinander ist mir sehr wichtig bei all der Konkurrenz.

Fühlen sich Traditionsvereine da besonders verbunden, weil sie sich um ihre Existenz sorgen müssen?

Bobic: Durchaus. Wir haben die gleichen Kopfschmerzen, was die Zukunft betrifft. Wir müssen schauen, wie wir noch mehr Kapital generieren können, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Zeiten, in denen die Traditionsclubs sicher zwischen Platz fünf und zehn gelandet sind, sind vorbei. Der Fußball hat sich komplett verändert. Es sind neue Vereine im Markt, die eine unheimliche wirtschaftliche Macht und kluge sportliche Ideen haben. Sie können auch ganz anders arbeiten als Traditionsvereine.

Warum?

Bobic: Dort gibt es nicht so viele Meinungsmacher im Umfeld. Es ist Fluch und Segen zugleich, ein Traditions-club zu sein. Ich liebe die Tradition, es ist toll für so einen Verein zu arbeiten, aber es ist auch anspruchsvoller. Du wirst immer wieder mit der Vergangenheit konfrontiert, den großen Zeiten, den großen Erfolgen. Jeder Verein muss seinen Weg finden, um sich daraus zu befreien und die Realität zu sehen. Und dann kommt eine Bundesligasaison wie diese, wo du einfach weißt: Es wird wohl einige etablierte Clubs treffen. Da leidet man schon mit denen, die man gut kennt, muss aber auch selbst höllisch aufpassen.

Schon gelesen?

Bode gibt Baumann Rückendeckung

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare