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Alexander Nouri hat das Profil von Werder Bremen geschärft.

Der Taktik-Rückblick

Das ist die Trainer-Handschrift von Alexander Nouri

Bremen - Von Cedric Voigt. Alexander Nouri hat Werder Bremen als Tabellenletzten übernommen und fast bis in die Europa League geführt. Zeit für einen Rückblick aus taktischer Sicht: Was macht Nouris Handschrift aus?

Den Klassenerhalt geschafft, Europa verpasst: Eine weitere Saison ist vorbei und mal wieder findet sich Werder in dem Bereich der Tabelle wieder, der gerne als „Niemandsland“ zur Heimat der grauen Mäuse erklärt wird. Besonders in der Rückrunde gelang es Chefcoach Alexander Nouri jedoch, das Profil seines Teams zu schärfen. Ein Blick zurück: Was ist unter Nouris Regie neu bei Werder, was ist geblieben?

Grundordnung und Personal

Sie sei gar nicht so wichtig, die Bremer Grundordnung – vielmehr käme es auf „Prinzipien“ an, die jeder umzusetzen habe. Alexander Nouri ist der Frage, ob die neu eingeführte Dreierkette der Grund für den Bremer Aufschwung ist, bislang geschickt ausgewichen. Werders Cheftrainer ist kein Freund absoluter Aussagen, wenn diese sich als undifferenziert auslegen oder den Kontext in den Hintergrund treten lassen. Dass Nouri ein Freund der positionellen Strukturen ist, die die Dreierkette vorgibt, ist trotzdem kein Geheimnis.

Nach einer von Pragmatismus geprägten Zwischenphase nach der Amtsübernahme von Viktor Skripnik, in der besonders das Standardsystem 4-4-2 oder das aus der Vorsaison bekannte 4-1-4-1 auf den Platz geschickt wurde, ließ Nouri im Winter die anspruchsvollere Dreierkette einüben.

Sicher wurden dazu Paradebeispiele wie Juventus Turin studiert, womöglich fiel der Blick auch auf die erfolgreiche Spielweise der Hoffenheimer von Nouri-Freund Julian Nagelsmann – letzten Endes etablierte sich jedoch eine eigene, individuelle Art von Fußball, die sich an den Stärken und Schwächen des eigenen Kaders orientierte. Wunschspieler Skripniks wie Lennart Thy oder Sambou Yatabare wurden aussortiert – nicht aus Prinzip, sondern weil Leistungen und Fähigkeitenprofile sich nicht ideal für Nouris Werder eigneten.

Max Kruse (v.l.), Fin Bartels und Zlatko Junuzovic haben ihre Rolle im Nouri-Stil gefunden.

Dafür gelang es in der Rückrunde immer besser, individuell starke Schlüsselspieler wie Max Kruse oder Zlatko Junuzovic einzubinden. Nur ein prominenter Werderaner profitierte nicht vom 3-1-4-2: Serge Gnabry, Lichtblick der Hinrunde, hat seine Position in der Stammelf noch nicht gefunden. Im Mittelfeld war gegen viele Gegner eine defensivere Ausrichtung ohne Gnabry sinnvoll, im Sturm führte bislang kein Weg an Fin Bartels vorbei. Den klassischen Außenstürmer gibt es bei Werder nicht mehr – vielleicht gehört auch das zu den Gründen, warum die Zukunft des Bremer Rohdiamanten derzeit in der Schwebe ist.

Der Spielstil

Werder ist und bleibt eine Umschalt-Mannschaft. Vorne wird man besonders gefährlich, wenn es nach Ballgewinn schnell geht. Damit solche Ballgewinne überhaupt geschehen, wurde zunächst das Zentrum verdichtet: Effektiv sichern in der Defensive drei Sechser und drei Innenverteidiger die mittleren drei Spuren ab. So ließen sich viele Gegner auf die weiter vom Tor entfernten Außenpositionen leiten, während im Zentrum und in den Halbräumen – den strategisch wichtigsten Spielfeldzonen also – leicht Überzahlen herzustellen waren.

Die Fitness

In all dem Gerede von Zahlen, Ketten und Spielerrollen darf das Fundament nicht nur der Bremer Leistung, sondern jeder sportlichen Leistung auf höchstem Niveau nicht außer Acht gelassen werden: die Fitness. Noch zu Beginn der Hinrunde, als man sich gegen Mainz in der Schlussphase geradezu überrennen ließ, schrillten bei Werder die ersten Alarmglocken: Das neue Fitness-Konzept nach Vorbild des niederländischen Experten Raymond Verheijen schien nicht ganz aufzugehen.

Dabei ist die Idee der Trainings-Periodisierung, die auf Konditionserwerb über Spielformen und eine gezielte Belastungssteuerung setzt, vom Grundgedanken her nicht verkehrt. Im Idealfall kann sie sogar die Anfälligkeit für lästige Muskelverletzungen reduzieren, mit denen Werder sich in den letzten Jahren regelmäßig plagen musste.

Die Startelf-Einsätze von Ousman Manneh waren auch mit Werders Fitness-Krise zu erklären.

Was genau im Sommer schief lief, wird nur das Bremer Trainerteam wissen – Verheijen selbst wurde zumindest nicht konsultiert. Über die genaue Umsetzung der Ideen soll es zwischen Viktor Skripnik und den Athletiktrainern nicht immer Einigkeit gegeben haben. Dazu taten viele kleinere Verletzungen, die gerade Neuzugänge und spätere Leistungsträger wie Kruse oder Niklas Moisander betrafen, ihr Übriges.

In der Hinrunde summierten sich die konditionellen Defizite zu oft – nur selten konnte man mit den gegnerischen Kilometerwerten mithalten. In der Schlussviertelstunde war man kaum in der Lage, noch einmal Druck aufzubauen. Zahlreiche vermeidbare Gegentore waren die Folge. Auch die überraschenden Startelf-Nominierungen Ousman Mannehs sind teils mit Werders einstiger Fitness-Krise zu erklären: Der Gambier war mit seiner beeindruckenden Laufstärke dazu in der Lage, als vorderste Pressingspitze das abwartender agierende Bremer Mittelfeld zu entlasten. 

Manneh zog Sprints an, zeigte das, was die Statistiker „intensive Läufe“ nennen – und brachte so trotz individueller Defizite einen Mehrwert ins Bremer Spiel. Über den Winter konnten die Defizite schließlich ausgeglichen werden. Eine Mannschaft von Laufwundern ist Werder noch immer nicht, doch anders als zu Saisonbeginn konnte man wieder auf die eigene physische Konkurrenzfähigkeit als Basis für den angestrebten Fußball bauen.

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