Clemens Fritz (li.) und Sportchef Frank Baumann stehen am Rande eines Testspiels vor dem maroden Gebäude des SV Werder Bremen auf Platz 11.
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Clemens Fritz (li.) und Sportchef Frank Baumann stehen am Rande eines Testspiels vor dem maroden Gebäude des SV Werder Bremen auf Platz 11.

Stillstand bei Werders Nachwuchsleistungszentrum

Wegen Frank Baumanns Konzept: Marode Gebäude, kein Geld - Werder Bremen braucht dringend eine NLZ-Lösung!

Bremen – Mit einem Drei-Säulen-Konzept hat Frank Baumann den Aufsichtsrat des SV Werder Bremen überzeugt, seinen im Sommer auslaufenden Vertrag bis 2024 zu verlängern. Gleich zwei Mal punktete der Sportchef dabei mit dem Thema Nachwuchsarbeit, doch die ist am Osterdeich alles andere als einfach. Das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) in der Pauliner Marsch direkt neben dem Wohninvest Weserstadion muss dringend modernisiert werden. Aber Werder kommt da einfach nicht voran. Es gibt Probleme mit den Anwohnern und dem Hochwasserschutz, gleichzeitig machen die finanziellen Folgen der Corona-Pandemie den Grün-Weißen schwer zu schaffen.

„Das Thema Infrastruktur, insbesondere das Nachwuchsleistungszentrum, wird in den nächsten Jahren ganz sicher auf der Agenda stehen“, kündigte Frank Baumann zwar am Sonntag bei der Pressekonferenz zu seiner Vertragsverlängerung an, aber nach einer schnellen Lösung klang das nicht. Und Hubertus Hess-Grunewald, zuständiger Geschäftsführer beim SV Werder Bremen für das Thema Modernisierung des NLZ, will sich aktuell gar nicht äußern. Dabei hatte er in der Vergangenheit durchaus deutliche Worte gefunden und indirekt mit einem Umzug nach Niedersachsen gedroht.

„Ohne ein neues Nachwuchsleistungszentrum sind wir auf Dauer nicht konkurrenzfähig, damit wäre der Bundesliga-Standort Bremen nicht mehr haltbar“, prophezeite Hess-Grunewald am 13. November 2018 auf einer Sitzung des Beirats Östliche Vorstadt in Bremen und brachte die niedersächsische Nachbargemeinde Weyhe als neue Heimat für das NLZ ins Spiel. Dem Beirat stellte Werder Bremen damals erstmals seine Pläne für den geplanten Umbau inklusive eines neuen Stadions für 5500 Besucher vor. Auf mindestens 30 Millionen Euro werden die Kosten geschätzt. Baumann war bei der Sitzung selbst vor Ort, warb als Sportchef für die Modernisierung.

Werder Bremen: Modernisierung oder Umbau? Passiert ist beim NLZ lange nicht wirklich viel

Passiert ist seitdem nicht wirklich viel. Es gibt weiterhin kritische Anwohner, von denen einige sogar ein besonderes Recht besitzen. Ihren Vorfahren wurde Mitte des 18. Jahrhunderts per Grundbucheintrag ein freier Blick auf die Weser zugesichert. Seitdem ist das Veto dieser Anwohner bei fast jedem Bauvorhaben in der Pauliner Marsch bindend. Werder Bremen hat einen Mediator eingeschaltet, um die verhärteten Fronten aufzuweichen. Dessen Arbeit gestaltet sich aber in Zeiten der Corona-Pandemie schwierig. 

Und dann müsste der ganze Bau auch noch von der Stadt und der Wasserbehörde genehmigt werden, was in diesem hochsensiblen Bereich alles andere als sicher ist. Bei der Pauliner Marsch handelt es sich nämlich um ein Hochwasserschutzgebiet. Sollte die Weser über die Ufer treten, ist es eine wichtige Ausgleichsfläche und schützt die Stadt vor einer Überflutung. Wie schnell das Wasser kommen kann, zeigte das Jahr 2013, als das Weserstadion beinahe abgesoffen wäre. Deshalb wurden Spundwände rund um die Arena gebaut. Das bislang geplante NLZ inklusive des kleinen Stadions würde dagegen nicht direkt geschützt. Das Wasser muss sogar aufs Spielfeld gelangen können, um weiterhin eine Ausgleichsfläche zu sein. Die Baukörper sollen allerdings so gestaltet werden, dass bis zu einer bestimmten Höhe kein Wasser eindringen kann. Trotzdem würde ein Hochwasser wohl zu großen Schäden führen.

Werder Bremen: Bau des Nachwuchsleistungszentrums gestaltet sich unverändert schwierig

Macht so ein Bau dann überhaupt Sinn? Eine Frage, die auch bei Werder Bremen heiß diskutiert wird. Grundsätzlich sind sich zwar alle einig, mit dem NLZ am liebsten an der Weser bleiben zu wollen, doch die Ungeduld wächst. Die Zustände im NLZ sind kaum noch tragbar, der Bau aus den 1960er-Jahren an Platz 11, der Heimspielstätte der Frauen-Bundesliga-Mannschaft und der U23, ist mehr als nur in die Jahre gekommen. Wegen der ungewissen Zukunft wird auch nur noch das Nötigste gemacht, um kein Geld zu verbrennen.

Finanziell gibt es bei Werder Bremen durch die Einnahmeverluste in der Corona-Pandemie und den Abstieg ohnehin schon große Probleme. Deswegen wurde das Projekt NLZ erst mal zurückgestellt. Doch das passt so gar nicht zu Baumanns Konzept. Er will die Nachwuchsarbeit weiter verbessern und dadurch Talente nach Bremen locken. Der Wettbewerb um die besten Nachwuchskicker des Landes ist hart, ein Großteil der Konkurrenz bietet längst bessere Bedingungen. Auch die Ausbildung leidet natürlich unter den schwierigen Gegebenheiten in Bremen, wenngleich die Mitarbeiter durch persönlichen Einsatz bislang viel auffangen. 

Werder Bremen: Frank Baumanns Konzept zwingt alle Beteiligten, sich dringend dem NLZ zu widmen

Eine weitere Säule von Frank Baumanns Konzept ist die Weiterentwicklung einer für alle Teams einheitlichen Spielidee – also von der Jugend bis hin zu den Profis. Eigentlich ein alter Hut, um den sich Vereinslegende Thomas Schaaf als Technischer Direktor kümmern sollte. Doch dessen Posten wurde nach dem Abstieg aus Kostengründen gestrichen, was weiterhin verwundert. Denn eine Neubesetzung genießt für die Zukunft eine „hohe Priorität“, betonte Baumann am Sonntag. Das Thema „einheitliche Spielidee“ ist ihm wichtig, weil es die Durchlässigkeit vom Nachwuchs zu den Profis erleichtert. Die Talente kennen dann schon die geforderten Abläufe auf dem Platz, können sich also leichter zurechtfinden.

Die räumliche Nähe zwischen Nachwuchs und Profi-Abteilung bietet weitere Vorteile – vor allem beim Top-Talente-Programm. So können die begabtesten Kicker die in den vergangenen Jahren stark verbesserte Infrastruktur im Weserstadion mitnutzen. Dort wurde zum Beispiel die medizinische Betreuung professionalisiert, es gibt inzwischen sogar eine Praxis in der Arena. Dieser ganze – vor allem von Frank Baumann – initiierte Fortschritt hat aber auch einen Nachteil: Dass die Profis ebenfalls umziehen und dann – wie bei anderen Clubs – gemeinsam mit dem Nachwuchs einen großen Campus beziehen, macht eigentlich keinen Sinn mehr. 
Die Sache ist also ziemlich kompliziert. Doch eine Lösung muss her, entweder in der Pauliner Marsch oder anderswo. Als Ersatzgrundstück soll Werder Bremen mal das Gelände an der Galopprennbahn angeboten worden sein. Doch konkret wurde das nicht. Baumanns Konzept zwingt nun alle Beteiligten dazu, sich dringend dem Thema NLZ widmen und zeitnah eine Entscheidung herbeizuführen. (kni)

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