+
Izet Hajrovic brennt auf sein Bundesliga-Comeback für Werder Bremen.

Bosnier über Verletzung, Comeback und Gehälter

Izet Hajrovic im Interview: „Nicht die Brechstange rausholen“

Bremen - Es ist mal wieder an der Zeit, die Blicke auf Izet Hajrovic zu richten. Bei Werder Bremen ist der wendige Außenspieler immer noch so etwas wie ein uneingelöstes Versprechen.

Viele Erwartungen, kein Durchbruch – so lassen sich seine bislang drei Jahre bei Werder (eins davon verbrachte er auf Leihbasis bei SD Eibar in Spanien) am kürzesten zusammenfassen. Nach einer monatelangen Auszeit wegen einer schweren Knieverletzung hat sich der 26-Jährige vor einer Woche im Testspiel gegen Korona Kielce zurückgemeldet. Es ist ein Neuanfang im letzten Vertragsjahr. Hajrovic muss es jetzt schaffen bei Werder, sonst ist es für ihn in Bremen vorbei. Damit es klappt, hat er ordentlich gelitten und sich gequält, sagt er.

Trainer Alexander Nouri hat Sie als „eine Option“ für das Spiel bei Hertha BSC bezeichnet. Sind Sie tatsächlich so weit, wieder in der Bundesliga spielen zu können?

Izet Hajrovic: Fit bin ich auf jeden Fall, vielleicht sogar fitter als vorher. Aber wir müssen jetzt nicht die Brechstange rausholen, sondern können es ruhig angehen lassen.

Sie haben während der Länderspielpause gegen Korona Kielce eine Halbzeit lang gespielt. Das Knie hält?

Hajrovic: Ich fühle mich super. Ich bin physisch auf einem sehr guten Level und auch im mentalen Bereich wieder voll dabei.

Was hat Ihnen mehr abgefordert: Die körperliche Fitness zu erlangen oder die Enttäuschung über den Kreuzbandriss und die damit verbundene Zwangspause zu überwinden?

Hajrovic: Eigentlich beides im gleichen Maße. Wenn ich aber einen Unterschied machen muss, dann würde ich schon sagen, dass es eher der physische Teil war. Das Mentale war natürlich auch schwierig. Die Verletzung war ein Riesenrückschlag. Als ich am Tag danach (passiert war es am 3. Dezember 2016 im Heimspiel gegen den FC Ingolstadt, d. Red.) zur MRT-Untersuchung bin, hatte ich noch die Hoffnung, dass es nicht so schlimm ist. Als feststand, was alles kaputt gegangen war, war ich schon sehr enttäuscht. Aber ich habe danach sofort wieder umgeswitcht und gesagt, dass ich wieder zurückkomme – so schnell wie möglich.

Die Verletzung erwischte Sie damals in einer Phase, als sie regelmäßig zu Einsätzen kamen und es so schien, als würden Sie bei Werder Fuß fassen.

Hajrovic: Der Zeitpunkt war blöd, wirklich sehr schlecht. Die Fans hatten endlich mal gesehen, was ich wirklich drauf habe. Ich hoffe, dass sie deshalb jetzt eine gute Erinnerung an mich haben und hinter mir stehen.

Die ersten vier Monate Ihrer Reha haben Sie in Belgrad verbracht – wieso eigentlich?

Hajrovic: Es gibt dort einen Top-Physiotherapeuten, sein Name ist Andreja Milutinovic. Er hat schon mit sehr vielen Stars gearbeitet. Zu ihm kommen nur Fußballer, keine anderen Sportler. In Absprache mit dem Verein haben wir entschieden, dass ich zu ihm gehe.

So wie Sie in Belgrad verschwinden Fußballer während einer Reha meistens aus der Öffentlichkeit. Wie war die Zeit für Sie?

Hajrovic: Zunächst wirklich schwer. Ich musste sehr viel leiden. Man kommt frisch aus der Operation und muss so schnell wie möglich das Knie wieder beugen und strecken, so weit es geht. Da gibt es ein paar Methoden, die waren schon sehr qualvoll. Da geht es über die Schmerzgrenze hinaus. Für mich war das alles neu, und dieser physische Part war für mich schwerer als der Mentale.

Izet Hajrovic (l.) spricht im Interview mit DeichStuben-Reporter Carsten Sander.

Über welchen Zeitraum reden wir?

Hajrovic: Fünf, sechs Monate dauert es, bis man wieder schmerzfrei ist. Dafür arbeitet man aber auch sieben bis acht Stunden am Tag.

Das Ergebnis ist, dass Sie neun Monate nach der Verletzung wieder spielfähig sind. Zufrieden?

Hajrovic: Ja, sehr! Ich stand schon nach siebeneinhalb Monaten schmerzfrei auf dem Platz. Das ist eine gute Zeit bei einer solch komplexen Verletzung wie meiner. Der Kreuzbandriss allein war es ja nicht, es war noch viel mehr kaputt im Knie. Das Außenband war komplett gerissen, der Meniskus war auch beschädigt. Da musste mein Arzt in Augsburg schon sehr viel reparieren. Zum Glück war mit dem Knorpel alles in Ordnung.

Die Saison läuft schon, und nach aktueller Vertragslage ist es Ihre letzte bei Werder. Sie müssen sich in der verbleibenden Zeit also entweder für eine Vertragsverlängerung empfehlen oder für neue Clubs. Das Jahr wird für Sie sehr wichtig.

Hajrovic: Wie es für mich weitergeht, weiß im Moment nur der liebe Gott. Ich freue mich erstmal, dass ich zurück bin und wieder spielen kann. Was dann am Ende dabei herauskommt, wird man sehen. Ich bin offen für alles und kann mir sehr gut vorstellen, bei Werder zu bleiben, wenn alles klappt. Sollte der Weg aber irgendwo anders weitergehen, dann ist das eben so.

Als Trainer Alexander Nouri vor knapp einem Jahr das Team übernahm, hat er Ihnen sofort die Chance gegeben zu spielen. Sie haben damals gesagt, der „Herr Nouri“ hätte es in Ihr Herz geschafft. Setzen Sie jetzt wieder auf ihn und darauf, dass Sie erneut Ihre Chance bekommen?

Hajrovic: Ich weiß seit dem ersten Tag, dass das Vertrauen beim Trainer da ist. Das habe ich auch gespürt, während ich verletzt war und nicht spielen konnte. Wir hatten sehr oft Kontakt. Deswegen muss ich aber nicht hoffen, dass er mich spielen lässt, ohne dass ich vorher etwas geliefert hätte.

Das derzeitige 3-5-2 ist nicht auf einen Flügelspieler, wie Sie einer sind, zugeschnitten. Wo könnte Ihr Platz sein im Team?

Hajrovic: Die Saison ist lang, wir haben erst zwei Spiele absolviert. Normalerweise kann man nicht die ganze Saison durch mit einem System spielen, das geht nicht im Fußball. Man muss ab und zu variieren. Wo ich im 3-5-2 oder 3-4-3 spielen würde, muss der Trainer entscheiden.

Würden Sie, um zu Spielpraxis zu kommen, auch den Weg über die Bremer U23 nehmen?

Hajrovic: Ich bin zu allem bereit. Noch haben wir aber nicht darüber gesprochen.

Ein bisschen kurios war es, dass der bosnische Nationaltrainer Mehmed Bazdarevic Sie für die jüngsten WM-Qualifikationsspiele angefordert hatte. Er hat es offenbar eilig mit Ihnen.

Hajrovic: Ich denke, er hätte mich nicht spielen lassen. Er wollte mich dabeihaben, aber nicht, um mich von Anfang an zu bringen. Wir haben aber gemeinsam entschieden, dass ich in Bremen bleibe und das Testspiel gegen Kielce mache. Das war auch der vernünftigere Schritt und für mich das Beste.

Sehen Sie die Beinahe-Berufung auch als Vertrauensvorschuss?

Hajrovic: Ja. Ich habe mich auch sehr darüber gefreut, dass ich weiter auf seiner Liste stehe. Ich habe anscheinend einen sehr hohen Status in der Nationalmannschaft. Die bosnischen Fans mögen mich auch sehr.

Im Oktober geht es in der WM-Qualifikation um alles. Bosnien muss in Partien gegen das schon qualifizierte Belgien und gegen Estland Platz zwei gegen Verfolger Griechenland verteidigen. Sind Sie dann dabei?

Hajrovic: Das ist natürlich ein Ziel. Der Nationaltrainer hat mir auch gesagt, dass er mich dann dabei haben will.

Wie schätzen Sie die bosnischen Chancen ein, es wenigstens in die Relegation zu schaffen?

Hajrovic: Wir haben einen Punkt Vorsprung vor Griechenland und deshalb alle Möglichkeiten. Aber es wird schon schwer.

2014 haben Sie in Brasilien in zwei Vorrundenspielen schon WM-Luft geatmet.

Hajrovic: Das war eine schöne Erfahrung, sehr, sehr speziell. Nicht jedem Fußballer gelingt es, bei einer WM spielen zu dürfen. Wenn wir das wieder schaffen würden, wäre es ein Traum.

Sie haben unlängst durch ein Foto auf Instagram für Aufsehen gesorgt. Es zeigt Sie in einem Louis-Vuitton-Anzug, der wohl mit „echt krass“ gut beschrieben ist.

Hajrovic: Mode ist etwas, das ich gerne mag. Ich komme nicht jeden Tag in solcher Kleidung zum Training, ich trage auch mal einen Jogginganzug. Es muss nicht immer etwas Spezielles sein, aber ab und zu mal etwas Cooles anzuziehen, tut mir gut. Ich fühle mich wohl damit.

Woher kam der Anzug?

Hajrovic: Ein Geschenk von Louis Vuitton. Da konnte ich in den sozialen Medien ein wenig Werbung für sie machen (lacht).

Quasi als Schaufensterpuppe.

Hajrovic: Kann man so sagen.

Dass Mode Ihrer Frau und Ihnen wichtig ist, lässt sich an einigen Bildern auf Instagram oder Facebook unschwer erkennen. Was bedeuten Ihnen exquisite Kleidung und teure Accessoires?

Hajrovic: Zu viel ist nicht gut, als Fußballer sollte man nicht zu sehr auffallen. Ab und zu ist es okay, mal etwas zu zeigen. Aber eine Fashionshow sollte es nicht sein. Da muss man höllisch aufpassen, weil schnell Neid aufkommt. Das stört mich.

Ist doch aber auch normal, oder?

Hajrovic: Wir Sportler können für die Gehälter nichts. Wir haben das ganze Leben hart gearbeitet, um da zu sein, wo wir immer hin wollten. Ich finde es ein bisschen schade, dass einem das oft geneidet wird.

Würden Sie gerne noch mehr zur Schau stellen?

Hajrovic: Nein. Ich bin nicht der Typ, der das unbedingt zeigen muss. Den Anzug zum Beispiel werde ich privat tragen, aber nochmal so etwas zu posten, das werde ich nie wieder machen.

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare