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Jan de Witt hat sich den SV Werder Anfang des Jahres ganz genau angeschaut und viele Dinge entdeckt, die der Bundesligist schnell verändern muss, um zu überleben.

Tennis-Coach berät und hat klare Vorstellungen

Jan de Witt: „Werder braucht einen Kulturwandel“

Bremen - Jan de Witt steht längst wieder auf dem Tennis-Court. Deutschlands bester Tennis-Trainer ist gerade bei den French Open, aber gedanklich trotzdem immer auch beim Fußball – und zwar bei Werder Bremen.

Ausgerechnet sein Lieblingsclub hatte ihn Anfang des Jahres erneut als Berater engagiert, um die Talentförderung bis hinein in die Bundesliga-Mannschaft weiter zu optimieren. „Die nächste Saison wird zeigen, wie mutig die Verantwortlichen sind“, sagt de Witt im Gespräch mit der DeichStube. Er fordert: „Werder braucht einen Kulturwandel – und zwar jetzt. Der Verein muss aus dem Quark kommen, sonst ist es zu spät.“

„Werder ist aber mehr als Frank Baumann und Florian Kohfeldt“

Drei Monate lang hat sich der 52-Jährige Werder ganz genau angeschaut. „Wer mich holt, der weiß, dass ich unangenehm sein kann“, schickt de Witt voraus. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er über den Ist-Zustand beim Bundesligisten berichtet. Manchmal bittet er allerdings darum, diesen oder jenen Vorschlag lieber nicht zu veröffentlichen, „das würde es den Verantwortlichen nur unnötig schwer machen“.

Damit meint er vor allem Frank Baumann als Geschäftsführer Sport und Cheftrainer Florian Kohfeldt, mit dem er schon lange befreundet ist und vor zwei Jahren bereits das Toptalente-Programm bei Werder entwickelt hat. Das Duo wolle den Club verändern, zukunftsfähig machen.

„Werder ist aber mehr als Frank Baumann und Florian Kohfeldt. Da müssen noch viele andere in die gleiche Richtung laufen – und die müssen alle auch noch ein bisschen schneller laufen“, fordert de Witt und spricht damit indirekt das Grundproblem an: die Werder-Familie. Die sei schon ziemlich einmalig im Profisport und auch ein absolut hohes Gut, das es zu bewahren gelte. Aber die engen Beziehungen würden gravierende Veränderungen eben auch so schwierig machen. Keiner möchte dem anderen wehtun, Dinge würden ungern infrage gestellt. Doch es gehe nicht anders.

Video-Analyst Janos de Witt (v.l.), Werder-Athletiktrainer Leif Frach, Tennis-Coach Jan de Witt und Werder-Trainer Florian Kohfeldt im Sommer 2017 auf der Terrasse des TC Blau-Weiß Halle.

„Werder hat nur die Möglichkeit, als Ausbildungsverein zu bestehen. Der Rahmen, in dem sich der Verein bewegt, lässt gar nichts anderes zu“, urteilt de Witt und fordert: „Höchste Priorität muss ab sofort die Ausbildung der Spieler haben, um ihre Qualität irgendwann auf den eigenen Rasen zu bringen oder sie für viel Geld zu verkaufen.“

Von dieser höchsten Priorität könne aktuell aber nicht die Rede sein, kritisiert de Witt. Dabei geht es ihm um verschiedene Punkte. Zum einen um den Standort des Nachwuchsleistungszentrums (NWLZ) in der Pauliner Marsch nahe des Weserstadions. „Die Rahmenbedingungen dort sind weit davon entfernt, was im Topsport heutzutage angesagt ist, um auf Champions-League-Niveau auszubilden. Und das muss das Ziel sein“, fordert de Witt, der in Halle in Westfalen seit über 20 Jahren eine eigene Tennis-Akademie betreibt.

Den Standort des NWLZ würde er nicht verändern, der hätte einen besonderen Charme und durch die Nähe zu den Profis viel mehr Vor- als Nachteile. Aber baulich müsse sich dringend einiges verändern, um den wirklich wichtigen Ausbildungsmannschaften mehr Raum zu geben. So musste sich die U17-Bundesliga-Mannschaft in dieser Saison im Training manchmal einen Platz teilen – eigentlich ein Unding auf diesem Niveau.

Trainingsplätze seien nicht optimal

Werder hat schon reagiert und angekündigt, die Anzahl seiner Nachwuchsteams – gerade im unteren Bereich – enorm zu verringern. Reichen wird das allerdings nicht. Ein Ausbau ist unumgänglich – vor allem auch, was die Räumlichkeiten betrifft. Kein einfaches Vorhaben in dem Hochwasserschutzgebiet direkt an der Weser, wo die Anwohner ein großes Mitspracherecht besitzen.

Da helfe nur der Dialog, sagt de Witt. Und er will mit seinen Aussagen die Notwendigkeit einer besseren Infrastruktur unterstreichen. „Wir haben uns gefragt: Warum haben sich hier in der Vergangenheit so viele große Talente so früh und so schwer verletzt? Da nimmt die Karriere einen enormen Schaden.“ Eine Antwort auf die durchaus brisante Frage seien die nicht optimalen Trainingsplätze gewesen, speziell Kunstrasen als Untergrund. Sehr wahrscheinlich lasse sich auch die medizinische und physiotherapeutische Betreuung verbessern. Aber de Witt ist ein anderer Ansatz noch viel wichtiger.

„Es gibt die Theorie, dass die besonders talentierten Spieler besonders häufig eingesetzt werden, weil man natürlich den Mannschaftserfolg ganz hoch hängt.“ Genau da müsse Werders Kulturwandel einsetzen. „Der Verein muss davon wegkommen, dass die Ergebnisse das höchste Gut sind“, sagt de Witt: „Es interessiert kein Schwein, ob man in der U17 Deutscher Meister wird. Entscheidend ist, wer von diesen Jungs ein richtiger Bundesligaspieler wird – nicht mit ein, zwei Einsätzen, sondern mit 50, 60 Spielen. Das muss die Währung sein, die für den Verein zählt.“

De Witt wünscht sich eine viel individuellere Betrachtung der Spieler – wie beim Tennis. Es müsse einen klaren Plan geben, wo sich der einzelne Spieler verbessern muss. Wenn ein Talent an der Schwelle zu den Profis stehe, dürfe es nicht plötzlich heißen, ihm fehle körperlich noch etwas. „Das Problem müssen wir schon viel früher angegangen haben“, findet de Witt.

Natürlich würde dieses Mehr an Betreuung Geld kosten. Jeder Euro könne auch nur einmal ausgegeben werden. „Aber dann muss man eben sagen: Wir kaufen jetzt nicht Spieler Nummer 23 für den Kader, der dann vielleicht öfter mal auf der Tribüne sitzt, aber trotzdem zwei Millionen Euro Ablöse plus Gehalt kostet. Sondern wir investieren dieses Geld in eine bessere Ausbildung unserer jungen Spieler, holen dort noch Fachleute dazu.“

Viel Schwachsinn mit viel Geld im deutschen Fußball

Sicherlich hätten es da finanzstarke Clubs leichter wie der FC Bayern, RB Leipzig oder die Borussia aus Dortmund, die gerade 20 bis 30 Millionen Euro in ihr Nachwuchsleistungszentrum investieren will. „Man muss aber gar nicht so viel Geld ausgeben, um das richtig gut zu machen“, hält de Witt dagegen: „Es wird im deutschen Fußball mit viel Geld viel Schwachsinn gemacht. Entscheidend ist, dass die richtigen Menschen an den richtigen Stellen mit den richtigen jungen Spielern arbeiten können.“

Werder habe absolut die richtigen Menschen, müsse aber weitere Qualität dazu holen – und sich sputen. „Werder hat eine richtig gute Chance, in drei, vier Jahren wieder Richtung Champions League zu spielen. Aber ich sehe auch die Gefahr, dass es komplett gegen die Wand läuft und Werder es genauso erwischt wie schon viele andere Traditionsclubs.“

De Witt hat schon Weltklassespieler geformt

Tennis-Fachmann de Witt möchte da gerne mithelfen, aber nicht Fulltime. Der nun geschaffene Posten des Technischen Direktors sei nie ein Thema für ihn gewesen. „Ich bin doch gar kein Fußball-Experte“, sagt er. Thomas Schaaf, der ab Juli einsteigt, sei da wesentlich besser geeignet: „Das passt!“ Seine eigene Leidenschaft gehört ohnehin mehr der kleinen Filzkugel. Schließlich hat de Witt schon Weltklassespieler wie Gilles Simon, Gael Monfils und Viktor Troicki geformt.

Nach einem halben Jahr geplanter Pause – mit Ausflügen zu Werder und zur deutschen Volleyball-Nationalmannschaft – ist er in seinen ursprünglichen Job zurückgekehrt. Nach Bremen wird er trotzdem regelmäßig reisen. Schließlich ist er dort bis zur Schulzeit aufgewachsen und Werder-Fan geworden. Freunde und Tante wohnen noch dort. Mit Werder ist er in Gesprächen über eine künftige Zusammenarbeit. Florian Kohfeldt trifft er schon sehr bald: Dem Coach hat er Karten für die French Open besorgt.

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