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Johannes Eggestein stellte sich im Interview den Fragen von DeichStuben-Reporter Daniel Cottäus.

Stürmer über Entwicklung, Bodenständigkeit und Roger Federer

Johannes Eggestein im Interview: „Plötzlich schreit keiner mehr Juhu“

Bremen – Im Hinspiel gegen den VfL Wolfsburg war er plötzlich da, dieser Moment, von dem viele Werder-Fans, aber vor allem auch Johannes Eggestein lange geträumt hatten: Der Stürmer aus dem eigenen Nachwuchs schoss sein erstes Bundesligator.

Am Sonntag kommt es nun zum Rückspiel gegen Wolfsburg, und Eggestein hat vorab im Interview mit der DeichStube verraten, was sich für ihn in der Zwischenzeit alles verändert hat. Der 20-Jährige sprach über seinen neuen Status im Team, erklärte, was er sich von Tennis-Legende Roger Federer abschaut und warum er seinen bisherigen Weg keinesfalls als Bilderbuch-Karriere sieht.

Herr Eggestein, sehen Sie ihr erstes Bundesligator gegen Wolfsburg vor dem Rückspiel als gutes Omen?

(lacht) Das Tor war natürlich ein sehr schöner Moment, zumal wir das Spiel damals mit 2:0 gewonnen haben, aber als gutes Omen sehe ich es nicht. Ein Tor ist mir dafür zu wenig. Wenn ich jetzt immer gegen Wolfsburg treffen sollte, mache ich mir darüber aber gerne nochmal Gedanken.

Gefeiert haben Sie das Tor damals auf dem Platz, nicht aber durch Einträge in sozialen Netzwerken, weil Sie dort – anders als die meisten Profis in Ihrem Alter – gar nicht präsent sind. Weshalb verzichten Sie darauf?

Ich bin dort durchaus unterwegs, auf Facebook habe ich einen privaten Account. Instagram und Twitter brauche ich hingegen nicht. Das ist vielleicht auch ein bisschen Selbstschutz.

Warum?

Na ja, ich bin da etwas hin- und hergerissen. Bis zu einem gewissen Grad ist es okay. Ich möchte ja auch mit meinen Freunden auf diese Weise in Kontakt stehen, weil es heute einfach dazugehört. Das muss aber nicht öffentlich passieren.

Aber braucht ein junger Fußballprofi diese Kanäle heutzutage nicht, um als eigene Marke wahrgenommen zu werden?

Bis ich über so etwas nachdenke, muss ich erstmal noch ein bisschen Leistung auf dem Platz bringen. Roger Federer ist da ein gutes Vorbild für mich. Auf der einen Seite natürlich als Sportler, auf der anderen mag ich, wie er sich in der Öffentlichkeit präsentiert. So wie er seine sozialen Kanäle bespielt, könnte ich es mir auch irgendwann vorstellen.

Was gefällt Ihnen daran?

Seine ruhige und bescheidene Art. Er ist trotz all seiner Erfolge immer bodenständig.

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Das Mehr-Generationen-Tor: Nach Vorlage von Oldie Claudio Pizarro erzielte Johannes Eggestein gegen den VfL Wolfsburg sein erstes Bundesliga-Tor.

Eine Eigenschaft, die auch auf Sie und Ihren Bruder Maximilian zutrifft. Teilen Sie auch deshalb große Momente lieber nicht öffentlich?

Na ja, ich teile diese Momente schon in der Öffentlichkeit, nur eben am liebsten direkt mit den Fans im Stadion und nicht hinterher in sozialen Netzwerken. Ich versuche einfach, für mich einen Weg zu finden, mit dem ich gut leben kann, und das ist er. Diese bodenständige Art haben mein Bruder und ich von unseren Eltern mit auf den Weg bekommen.

Was brauchen Sie, um glücklich zu sein?

Meine Familie und meine Freunde. Mir ist es wichtig, dass ich immer guten Kontakt zu ihnen habe. Das ist ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben. Ich brauche Personen um mich herum, denen ich vertrauen und mit denen ich über gewisse Dinge in Ruhe und ehrlich reden kann.

Was sagen denn die alten Kumpels, wenn es um Ihren Weg in die Bundesliga geht?

Die sind ein Stück weit stolz auf mich und vergleichen sich mit mir. Ein, zwei von ihnen spielen in der Dritten Liga und in der Regionalliga. Sie freuen sich einfach, dass ich meinen Weg bis jetzt durchgezogen habe.

2013 vom TSV Havelse ins Werder-Internat, 2016 die ersten Einsätze bei den Profis, 2018 das erste Bundesliga-Tor. Würden Sie sagen, dann Sie bisher eine Bilderbuch-Karriere hingelegt haben?

Also das Wort Bilderbuch können wir streichen, denn so sehe ich es nicht. Da steckte schon sehr viel harte Arbeit und Durchhaltevermögen dahinter. Es gab auch schwierige Zeiten. Als ich mir 2017 das Syndesmoseband angerissen hatte, war ich drei Monate raus. Da musste ich mich zurückkämpfen. Es war nicht selbstverständlich, dass ich es dauerhaft bis in die Bundesliga schaffe. Ich Nachhinein lässt sich aber sagen, dass es eine gesunde und kontinuierliche Entwicklung war. Es ging für mich nie steil nach unten, aber auch nicht extrem steil rauf. Das war für mich gut so.

Gab es Phasen, in denen Sie daran gezweifelt haben, in der Bundesliga anzukommen?

Als ich damals zu Werder ins Internat gegangen bin, hatte ich das Ziel, eines Tages Fußballprofi zu werden. Ich habe mir nicht erlaubt, daran zu zweifeln, denn auch leise Zweifel können einen unbewusst daran hindern, seinen Weg zu gehen und es zu schaffen. Daran geglaubt habe ich also immer. Während meiner Verletzung habe ich aber darüber nachgedacht, was ich mache, wenn es nicht reichen sollte, ob es für mich auch einen Plan B gibt. Ich bin ja nicht naiv. Diese Überlegungen taten mir gut, weil sie Druck von mir genommen haben.

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Was wäre denn Ihr Plan B gewesen?

Ich hätte vermutlich ein Studium angefangen. Vielleicht Sportmanagement oder BWL.

Schon lange bevor Sie das erste Mal in der Bundesliga gespielt haben, war der Hype um Sie groß. Als der Durchbruch dann nicht sofort kam, war im Umfeld schnell Ungeduld zu spüren. Hat Sie das genervt?

Ich wusste ja, wie die Erwartungshaltung ist. Dementsprechend konnte ich mich darauf einstellen und habe mich auf die Dinge konzentriert, die mir der Trainer und die Verantwortlichen gesagt haben. Sie haben mein Talent gesehen, aber sie wussten auch, dass ich Zeit brauche, um in dieses Bundesliga-Leben hineinzuwachsen. Letztendlich waren es ja auch zwei, drei Jahre, bis es richtig losging. Jetzt sehe ich, dass sich die Geduld gelohnt hat.

Haben Sie den Status als Nachwuchstalent jetzt endgültig verlassen?

Ja, ich denke schon. Ich bin zwar noch kein Max Kruse oder Martin Harnik, die über 200 Bundesligaspiele gemacht haben, aber ein paar Einsätze habe ich auch schon gesammelt und konnte auch schon das eine oder andere Tor schießen. Aus dem Status des ganz jungen Burschen bin ich innerhalb der Mannschaft rausgewachsen. Ich komme jetzt so langsam in die Schicht darüber, wo man in der Kabine ein gewisses Standing hat.

Woran macht sich das für Sie bemerkbar?

In der Hinrunde habe ich schon gespürt, dass ich immer mehr ankomme und die Akzeptanz größer wird. Das merkt man irgendwann auch im Training, wenn man plötzlich einen Ball bekommt, den man vor einem Jahr noch nicht bekommen hätte. Das sind nur kleine Momente, die einem aber viel Selbstvertrauen geben.

Was genau macht den Übergang vom Jugendspieler zum Profi so schwer?

Es ist einfach eine riesengroße Umstellung in fast allen Bereichen. Wenn ich zum Beispiel in der Jugend zum Training kam, hat der Trainer gesagt: „Super, dass du da bist, Johannes. Wir brauchen dich!“ So nach dem Motto. Dann kommst du als 18-Jähriger hoch zu den Profis, und da schreit plötzlich keiner mehr Juhu. Da bist du der Kleine aus der Jugend, der sich seinen Status erkämpfen muss, und das dauert eine gewisse Zeit. Dazu kommt, dass man im physischen Bereich einiges aufholen muss.

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16 Einsätze in der Bundesliga, drei Tore und zwei Vorlagen: Mit dem Verlauf der aktuellen Saison kann Johannes Eggestein zufrieden sein. Als Nachwuchstalent sieht sich der 20-Jährige jedenfalls nicht mehr.

Hat Ihnen Ihre ruhige Art dabei geholfen, geduldig zu bleiben?

Auf der einen Seite schon, aber ich war auch immer ungeduldig. Genau diese Mischung macht es aus. Du musst Ungeduld haben, damit du in jedem Training Gas gibst, du musst aber auch Geduld haben, damit du dich nicht hängen lässt, wenn es nicht sofort klappt.

Nachdem Sie nun in der Bundesliga angekommen sind und Ihre ersten Erfahrungen gesammelt haben: Ist es so, wie sie es sich erträumt haben?

Ja, definitiv. Ich habe früher oft daran gedacht, wie es wohl ist, wenn wir mit dem Bus vor einem Heimspiel die Rampe am Osterdeich runterfahren und die Fans uns zujubeln. Oder wenn du in der Startformation stehst und ins Stadion einläufst. Jetzt weiß ich: Du kriegst in beiden Fällen eine unfassbare Gänsehaut. Mir ist aber auch klar, dass man als Profifußballer dieses privilegierte Leben zu schätzen wissen muss. Es gibt sehr viele Menschen, denen es deutlich schlechter geht. Auch das haben mir meine Eltern früh vermittelt.

Sie die eigentlich dauerhaft stolz, oder gibt es für die Eggestein-Brüder zu Hause auch mal Gegenwind?

Also wie in jeder Familie kriegen Maxi und ich auch schon mal einen auf den Deckel, wenn etwas nicht läuft. Das hat aber meist nichts mit Fußball zu tun (lacht). Mit meinem Papa habe ich nach den Spielen aber schon intensive Gespräche, in denen er auch Kritik anbringt. Grundsätzlich sind unsere Eltern aber sehr stolz auf uns, und ich denke, dass dürfen sie auch sein.

Bleibt zum Abschluss nur noch eine Frage, die nicht fehlen darf: Wann unterschreiben Sie einen neuen Vertrag bei Werder?

Ganz ehrlich: Ich habe für mich noch keine endgültige Entscheidung getroffen, wie es im Sommer weitergehen soll. Ich denke gerade viel und intensiv darüber nach. Was ich sagen kann, ist, dass ich schon eine Richtung im Kopf habe.

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