+
Gruppenbild im Tor mit Schale: Nach dem 3:0-Erfolg in Stuttgart feiert Werder Bremen am 5. Juni 1993 die dritte Deutsche Meisterschaft in der Vereinsgeschichte.

Werder wird in Stuttgart Deutscher Meister

Die Klasse von ‘93

Bremen - In dem Moment, als es um ihn herum schlagartig dunkel wurde, wusste Bernd Hobsch, dass irgendetwas nicht stimmen konnte.

Dabei war er sich doch so sicher gewesen. Erstmal auf die Hollerallee, dann durchs Steintor und auf dem Osterdeich die große Rampe runter – vier Kilometer, mehr sind es ja nicht vom Parkhotel zum Weserstadion. Eine Strecke, die die Werder-Profis vor Heimspielen früher noch in ihren Privatautos zurücklegen durften. Das Problem: Hobsch’ bordeauxroter Opel Vectra kam im Frühjahr 1993 nicht vor dem Stadion zum Stehen, sondern irgendwo in einer dunklen Tiefgarage.

„Ich hatte Andreas Herzog als Beifahrer dabei“, erinnert sich Hobsch, „aber der kannte sich leider auch nicht aus.“ Beide Männer waren noch nicht lange in Bremen, schafften es aber rechtzeitig zum Anstoß – auf dem Platz war ihre Orientierung ohnehin deutlich besser. Nicht zuletzt dank Hobsch und Herzog feierte Werder am Saisonende die Meisterschaft. Am 5. Juni 1993, Dienstag vor 25 Jahren, machten die Bremer am letzten Spieltag durch ein 3:0 in Stuttgart den Titelgewinn perfekt.

Für Thomas Wolter hätte der Tag, der zu einem der größten seiner Karriere werden sollte, gar nicht schlechter beginnen können – denn er begann mit einer schlechten Nachricht von seiner Frau. Auf Einladung des Vereins wurden die Partnerinnen der Bremer Profis früh morgens per Zug auf die Reise nach Stuttgart geschickt, damit sie beim großen Finale dabei sein konnten. Wolters Frau war nicht mit an Bord. „Sie hatte verschlafen“, erinnert sich der Ex-Profi, der davon im Hotel in Stuttgart erfuhr.

Europapokal-Sieger starten mit Problemen in die Saison

Erstmal große Aufregung, später große Erleichterung: Wolters Frau, die kurzerhand einen anderen Zug gen Süden nahm, saß pünktlich um 15.30 Uhr im Neckarstadion. Dort sollte sie bei brütender Hitze zunächst ein ziemlich zerfahrenes Spiel zu sehen bekommen. „In der ersten Halbzeit hatten wir große Schwierigkeiten“, berichtet Wolter, dessen Team einen Auftritt hinlegte, der an den schwachen Saisonstart neun Monate zuvor erinnerte.

Nach Unentschieden gegen Nürnberg (0:0) und Leverkusen (1:1) sowie einer klaren Niederlage gegen den KSC (2:5) sahen viele Kritiker die Tage von Trainer Otto Rehhagel im Herbst 1992 endgültig gezählt. Für den amtierenden Europapokalsieger Werder schien sich die ersehnte Rückkehr an die nationale Spitze früh erledigt zu haben. „Wir brauchten zu Beginn der Saison etwas Zeit“, erklärt Wolter. „Mit dem Europapokal-Sieg mussten wir erstmal umgehen.“

Zudem stand Rehhagel vor der Aufgabe, mehrere neue Spieler ins Team zu integrieren. Neben Dietmar Beiersdorfer vom Erzrivalen HSV und dem später als „Alpen-Maradona“ geadelten Herzog (Rapid Wien) stieß auch Ersatztorhüter Hans-Jürgen Gundelach dazu. Und es sollte nicht lange dauern, bis der Neue vom FC Homburg zu einem entscheidenden Mann für Werder wurde.

Das „Spiel seines Lebens“: Bernd Hobsch schoss Werder mit zwei Toren gegen den VfB Stuttgart zur Deutschen Meisterschaft 1993.

Rehhagel wollte Gundelach unbedingt als Nummer zwei hinter Stammtorhüter Oliver Reck. Beide Keeper waren befreundet, kannten sich schon seit gemeinsamen Jugendzeiten. Als Spieler von Kickers Offenbach (Reck) und Eintracht Frankfurt (Gundelach) waren sich die Torhüter in verschiedenen Auswahlmannschaften begegnet. „Otto hat Hansis professionelle Einstellung als Nummer zwei sehr geschätzt. Deswegen hat er ihm versprochen, dass er sich ein Spiel aussuchen darf, in dem er im Tor steht“, erzählt Wolter und muss noch heute mit dem Kopf schütteln. Gundelach wählte ausgerechnet das wichtige Auswärtsspiel bei den Bayern – und die Nummer zwei lieferte ab.

Werder gewann mit einem starken Gundelach zwischen den Pfosten mit 3:1 und war am elften Spieltag endlich in der Saison angekommen. Bernd Hobsch dürfte diesen Meilenstein auf dem Weg zum Titel während des Saisonfinals in Stuttgart nicht im Kopf gehabt haben, weil er in der Hinrunde noch nicht dabei gewesen war. Der damals 24-jährige Stürmer war erst zur Rückrunde aus Leipzig nach Bremen gewechselt, hatte sofort getroffen, im Endspurt um den Titel aber plötzlich Ladehemmung gezeigt. „Ich hatte schon die zwei Spiele vor Stuttgart nicht mehr von Anfang an gespielt“, erinnert sich Hobsch, der auch im Neckarstadion zunächst auf der Bank Platz nahm.

Hobsch trifft nach seiner Einwechslung

Rehhagel setzte stattdessen auf den quirligen Stefan Kohn, für den die Partie schon früh gelaufen war. „Er hat sich das Kreuzband gerissen, deswegen bin ich ins Spiel gekommen“, erklärt Hobsch, der sich in der 38. Minute schnell das froschgrüne Trikot mit den weißen Rändern an Kragen und Ärmeln überzog, mit dem Werder nur in diesem einen Spiel auflief. Vor der Pause konnte der Angreifer nicht mehr viel ausrichten. Direkt danach war er voll da – fast so, als wollte er allen zeigen, dass es ein Fehler gewesen war, ihn auf die Bank zu setzen.

Eine Woche zuvor, beim denkwürdigen 5:0-Heimsieg über den HSV, war Hobsch sogar erst in der Schlussphase für Kohn ins Spiel gekommen. Erstmals in der laufenden Saison übernahm Werder nach dem Derbyerfolg dank der um einen Treffer besseren Tordifferenz die Tabellenspitze von den Bayern, deren Manager Uli Hoeneß dem HSV norddeutsche Schützenhilfe vorwarf. „Wir mussten uns erstmal daran gewöhnen, plötzlich vom Jäger zum Gejagten geworden zu sein“, erklärt Wolter. Dem Mittelfeldspieler und seinen Teamkollegen war bewusst, dass der Platz an der Sonne am seidenen Faden hing: Showdown in Stuttgart.

Kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit schlug Bernd Hobsch im Neckarstadion das erste Mal zu. Nach Vorarbeit von Abwehr-Axt Uli Borowka brachte der Stürmer die Gäste in der 46. Minute mit 1:0 in Führung. „An die Meisterschaft habe ich in dem Moment gar nicht gedacht“, betont Hobsch. „Du spielst einfach nur Fußball und willst das Spiel gewinnen.“ Werders Aufmerksamkeit gehörte am Nachmittag des 5. Juni 1993 auch dem Spiel der Bayern auf Schalke. Auf der Bank hatte Ersatzspieler Thomas Schaaf sein Radio ausgepackt und informierte regelmäßig über die Zwischenstände aus dem Parkstadion.

Ein seltenes Bild: Defensivspieler Thomas Wolter erzielte gegen den VfB Stuttgart das 2:0 - ein wichtiger Treffer für die Meisterschaft 1993.

„Er hat von außen immer irgendwelche Zeichen gemacht, die kein Mensch verstanden hat“, lacht Wolter. Auf der rechten Außenbahn kam der damals 24-Jährige immer wieder nah an der eigenen Bank vorbei – „deswegen habe ich die Spielstände mitbekommen und konnte sie an die Kollegen auf dem Platz weitergeben.“ Und die Nachrichten waren erfreulich: Als Werder in Stuttgart dank Hobsch mit 1:0 führte, lag der Rivale in Gelsenkirchen mit 1:2 zurück. Spätestens in der 50. Minute hatte sich dann auch der große morgendliche Aufwand für Frau Wolter gelohnt: Ihr Ehemann traf zum 2:0 für Werder.

„Ich hatte nicht viel Zeit, zu überlegen, sondern habe den Ball einfach in die lange Ecke geschoben“, sagt der Torschütze – und klingt dabei, als hätte er den Treffer nicht vor 25 Jahren, sondern vor zwei Minuten erzielt. Werder war nun endgültig auf Titelkurs. Daran änderte auch ein Doppelpack der Bayern auf Schalke nichts. Kurz nachdem Hobsch mit seinem zweiten Tor des Tages auf 3:0 erhöht hatte, erzielte Schalke sogar noch den 3:3-Ausgleich. Nach dem Abpfiff begann die große grün-weiße Party.

Spieler, die vor Freude und Erschöpfung zu Boden sanken, Herzog und Manfred Bockenfeld, die mit nacktem Oberkörper Wiener Walzer auf dem Rasen tanzten und kurz danach die komplette Mannschaft, die für ein historisches Foto im Tor posierte. „Ich selbst habe die Schale leider falsch herum hochgehoben“, lacht Wolter. „Aber das war egal.“ Vom Rasen weg ging es für Werder in ein großes TV-Zelt vor dem Stadion und von dort aus direkt weiter ins „Aktuelle Sportstudio“.

Bierdusche und „We Are The Champions“ - Meisterfeier auf der Autobahn

Die gut zwei Stunden Busfahrt von Stuttgart nach Mainz beschreibt Wolter als „legendär. Es war eine geile Geschichte, dass wir auf der Autobahn unsere Meisterschaft feiern konnten.“ Im hinteren Teil des Busses klappten die Profis die Tische um und legten sich auf den Boden. „Wir haben den Moment einfach genossen“, erinnert sich Wolter, „We Are The Champions“ und Bierduschen inklusive.

Tags darauf ging es für die Spieler in Bremen auf den Rathausbalkon, um sich von den Fans feiern zu lassen. Bernd Hobsch war mit seinen Gedanken im größten Moment seiner Karriere aber ganz woanders. Schließlich bot sich seinem Heimatverein VfB Leipzig zeitgleich die Chance, in die Bundesliga aufzusteigen. „Ich bin nach der Ehrung direkt runter vom Balkon und mit meiner Frau nach Leipzig gedüst“, berichtet der Ex-Profi, der heute im bayerischen Coburg lebt und eine Fußballschule betreibt.

Leipzig gewann 2:0 gegen Mainz und stieg auf. „Ein unglaublicher Moment, ein unglaubliches Wochenende“, sagt Hobsch, der ursprünglich gar nicht zu Werder hatte wechseln wollen. „Meine Heimat zu verlassen, fiel mir sehr schwer“, sagt er. Kurze Pause. Und dann: „Aber die Jahre bei Werder waren die besten meines Lebens.“

Schon gelesen?

Aus dem Archiv: 1993 - Werder und das „kleine Wunder“

Aus dem Archiv: 1993 - Keiner machte so wenig Fehler

Alles zur Deutschen Meisterschaft 1965

Alles zum Europapokal-Sieg der Pokalsieger 1992

Fotostrecke: Das waren die Werder-Meister-Helden von 1993

Werder Bremen 1993
Otto Rehhagel war Trainer der Meistermannschaft von 1993. © imago
Werder Bremen 1993
Oliver Reck: Tor - 32 Spiele. © imago
Werder Bremen 1993
Hans-Jürgen Gundelach (l.): Tor - 2 Spiele. © imago
Werder Bremen 1993
Dietmar Beiersdorfer: Abwehr - 29 Spiele, 4 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Manfred Bockenfeld: Abwehr - 17 Spiele, 0 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Ulrich „Uli“ Borowka: Abwehr - 28 Spiele, 1 Tor. © imago
Werder Bremen 1993
Rune Bratseth: Abwehr - 29 Spiele, 2 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Thomas Schaaf: Abwehr - 5 Spiele, 0 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Thomas Wolter: Abwehr - 31 Spiele, 2 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Marco Bode: Mittelfeld - 29 Spiele, 4 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Dieter Eilts: Mittelfeld - 24 Spiele, 1 Tor. © imago
Werder Bremen 1993
Uwe Harttgen (Mitte): Mittelfeld - 12 Spiele, 2 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Günter Hermann: Mittelfeld - 5 Spiele, 0 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Andreas Herzog: Mittelfeld - 33 Spiele, 10 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Thorsten Legat: Mittelfeld - 23 Spiele, 1 Tor. © imago
Werder Bremen 1993
Miroslav „Mirko“ Votava: Mittelfeld - 33 Spiele, 3 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Klaus Allofs (l.): Sturm - 16 Spiele, 0 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Bernd Hobsch: Sturm - 17 Spiele, 7 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Stefan Kohn: Sturm - 17 Spiele, 4 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Frank Neubarth (r.): Sturm - 19 Spiele, 3 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Wyton Rufer (r.): Sturm - 32 Spiele, 17 Tore. © imago
Werder Bremen 1993
Arie van Lent: Sturm - 2 Spiele, 0 Tore. © imago

Aus der VideoStube

Saison 17/18: Die Werder-Rückrunde in Bildern

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Auch interessant

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.