Bremens Nils Petersen (li.) im Luftkampf mit Jeffrey Bruma. Nach der Derby-Pleite steuert Werder auf eine Krise zu – wenn selbige nicht schon längst begonnen hat. ·
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Bremens Nils Petersen (li.) im Luftkampf mit Jeffrey Bruma. Nach der Derby-Pleite steuert Werder auf eine Krise zu – wenn selbige nicht schon längst begonnen hat. ·

 Werder 2:3 beim HSV

Mogelei und Kartenchaos – ein Derby voller Tiefschläge

Hamburg - Dieses 98. Nordderby tut Werder richtig weh – und das gleich dreifach! Beim Hamburger SV gab es gestern in einem rassigen, aber keinesfalls hochklassigen Duell nicht nur eine 2:3 (1:1)-Pleite und damit einen empfindlichen Dämpfer für die internationalen Ambitionen, sondern auch noch zwei Platzverweise.

Kapitän Clemens Fritz (80.) und der eingewechselte Marko Arnautovic (90.) sahen Gelb-Rot und werden am Freitag im nächsten Nordderbby gegen Hannover 96 fehlen.

Die Bremer bleiben zwar Zwölfter, haben nun aber schon satte sieben Punkte Rückstand auf Platz sechs – das aufzuholen, ist fast schon utopisch. Von einer Krise mögen sie trotz des Fehlstarts in die Rückrunde (zuvor 0:5 gegen Dortmund) noch nicht sprechen – aber immerhin sehen die Bremer die Gefahr. Stürmer Nils Petersen mahnte: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine Abwärtsspirale kommen.“

Gestern hatte es zunächst den Anschein, als sollte die stark veränderte Bremer Mannschaft – Aleksandar Ignjovski, Assani Lukimya und Mehmet Ekici spielten, Eljero Elia, Sebastian Prödl und der mit muskulären Problemen gehandicapte Aaron Hunt nicht – ausgerechnet beim HSV die Wende zum Guten schaffen. Bei ungemütlichem Schneeregen gingen die Gäste in der mit 54 758 Zuschauern nicht ausverkauften Hamburger Arena früh in Führung. Ekici passte zu Ignjovski. Der Serbe flankte mit links in die Mitte, dort lenkte Lukimya den Ball mit dem Hinterkopf zum 1:0 ins lange Eck (9.) – wie einst HSV-Legende Uwe Seeler.

Die Hamburger waren geschockt, allerdings nur kurz. Denn nach 22 Minuten stand es bereits 1:1. Heung-Min Son wackelte auf der linken Seite (nicht zum einzigen Mal) Theodor Gebre Selassie aus, zog nach innen und dann sofort ab. Der Ball rauschte am untätigen Werder-Keeper Sebastian Mielitz vorbei in den Winkel. Auch die Bremer brauchten nach dem Gegentreffer einige Minuten, um sich zu berappeln, ließen hinten bis zur Pause aber immerhin kaum etwas zu.

Werder verliert im Nordderby 2:3

Kein Glück hatte Werder Bremen beim 98. Nordderby in Hamburg. Trotz der Tore von Lukimya und Sokratis verloren die Bremen beim HSV nicht nur mit 2:3, sondern auch Clemens Fritz und Marko Arnautovic mit Platzverweisen. © Nordphoto, DPA
Kein Glück hatte Werder Bremen beim 98. Nordderby in Hamburg. Trotz der Tore von Lukimya und Sokratis verloren die Bremen beim HSV nicht nur mit 2:3, sondern auch Clemens Fritz und Marko Arnautovic mit Platzverweisen. © Nordphoto, DPA
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Das änderte sich schlagartig mit Beginn der zweiten Hälfte. Die Grün-Weißen, die die letzten drei Nordderbys gewonnen hatten, legten einen katastrophalen Start hin und gerieten schon nach 25 Sekunden in Rückstand. Kevin De Bruyne ließ den Ex-Bremer Dennis Diekmeier flanken, im Zentrum konnten Sokratis und Lukimya nicht klären. Hamburgs Dennis Aogo schaltete viel schneller als Gebre Selassie und traf aus fünf Metern zum 2:1. Aber: Aogo hatte den rechten Arm zu Hilfe genommen. Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer (Herne) sah es nicht, Werder zürnte. „Dass es Hand war, kann man sehr deutlich sehen“, schimpfte Trainer Thomas Schaaf.

Werder reagierte aber nicht etwa mit wütenden Angriffen, sondern fing sich gleich das nächste Ding ein. Aogo ließ Gebre Selassie stehen, die Linksflanke verwertete Artjoms Rudnevs zum 3:1 (52.) – und stand dabei ganz knapp nicht im Abseits, wie Fernsehbilder belegen. Wieder hatte die chronische Bremer Abwehrschwäche zu einfachen Gegentoren geführt. „Die ersten sechs, sieben Minuten haben wir total verschlampt. Wir lernen einfach nicht aus unseren Fehlern“, grollte Mittelfeldmann Zlatko Junuzovic. Immerhin gelang der schnelle Anschluss, weil HSV-Keeper René Adler einen harmlosen Sokratis-Schuss durchschlüpfen ließ. Werder besaß in der Folge zwar noch ein paar Chancen, war im Abschluss aber viel zu harmlos.

Nach HSV-Pleite: Werder in der Einzelkritik

Sebastian Mielitz: Kassierte die Saisongegentore 35 bis 37 und sah beim ersten Hamburger Treffer schlecht aus. Der Schuss von Heung Min Son aus spitzem Winkel war haltbar, keine Frage. Mielitz zeigte nicht mal eine Reaktion Richtung Ball. Note 5 © nph
Theodor Gebre Selassie (bis 56.): Ihn als Schwachpunkt zu bezeichnen, wäre noch untertrieben. Der Tscheche wurde auf seiner rechten Abwehrseite mehrfach überlaufen oder einfach umdribbelt – wie von Son beim 1:1, wie von Vorlagengeber Aogo beim 1:3. Gegenwehr? Minimal. Und beim 1:2 kam „Theo“ auch zu spät. Er lieferte eine negative Steigerung seiner schlechten Leistung gegen den BVB ab. Note 6 © nph
Assani Lukimya: Lukimya machte es wie einst Uwe Seeler. Mit dem Hinterkopf traf er zur frühen Bremer Führung. Sein erstes Bundesliga-Tor wäre wohl von größerem Wert gewesen, wenn sich „Luki“ beim 1:1 Son in den Weg gestellt hätte, statt in der Mitte zu verharren. Außerdem unglücklich beim 1:2. Note 4 © nph
Sokratis: Klärte in der ersten Halbzeit mehrfach in der Mitte, aber nicht bei Aogos 1:2, als er am Ball vorbeisäbelte. Sein erstes Saisontor kam unter gütiger Mithilfe von HSV-Keeper Adler zustande. Note 4 © nph
Lukas Schmitz: Weil sich der HSV auf die andere Seite konzentrierte, stand er als Linksverteidiger selten im Blickpunkt. Einmal aber doch: Beim 1:3 war er an Rudnevs nicht genug dran. Note 4 © nph
Clemens Fritz: Wechselte mit Junuzovic die Positionen. Fritz agierte als Sechser lange gut, schaltete HSV-Spielmacher Rafael van der Vaart aus. Aber dann: Gelb in der 57. Minute wegen Meckerns, Gelb-Rot zehn Minuten vor Schluss, weil er Arslan umgrätschte. Der erste Platzverweis für Fritz in der Bundesliga. Nun fehlt der Kapitän am Freitag gegen Hannover. Note 4 © nph
Mehmet Ekici (bis 89.): Weil Aaron Hunt kurzfristig mit muskulären Problemen ausgefallen war, rutschte Ekici in die Startelf – zum ersten Mal in dieser Saison. Er begann gut, war mit einem Distanzschuss gefährlich (8.), tauchte dann aber sehr lange ab. Auch wenn die statistischen Daten okay sind (80 Prozent seiner Pässe kamen an, 63 Prozent gewonnene Zweikämpfe), blieb der Gesamteindruck mäßig. Ekici fehlt immer noch das Tempo. Note 4,5 © nph
Zlatko Junuzovic: Rückte auf eine Halbposition im Mittelfeld vor, setzte aber keine Akzente. Er lief wie immer viel, produzierte aber auch einige Fehlpässe im Spielaufbau. Note 5 © nph
Aleksandar Ignjovski: Rückte für Arnautovic in die Anfangself und spielte so etwas wie einen hängenden Rechtsaußen. Mit Erfolg – Ignjovski gab die Flanke zur Führung. Nach Gebre Selassies Auswechslung übernahm der Serbe die Rechtsverteidigerposition – und machte es besser. Note 3 © nph
Kevin De Bruyne: Wurde erwartungsgemäß als Flügelstürmer auf der Elia-Position aufgeboten. Aber das funktionierte nicht. Auffällig wurde De Bruyne nur, wenn er in die Mitte drängte. Hatte die große Chance zum 3:3, setzte den Flugkopfball aber weit über die Latte. Note 5 © nph
Nils Petersen: Ein Torschuss (in der Nachspielzeit), dazu nur 22 Ballkontakte – Mittelstürmer Petersen fand im Nordderby quasi nicht statt. Note 5 © nph
Marko Arnautovic (ab 56.): Wegen seiner zweitägigen Trainingspause (Magen-Darm-Infekt) blieb er zunächst auf der Bank. Endlich auf dem Platz flankte Arnautovic perfekt auf De Bruyne. Mehr kam aber nicht. Dann kassiert er binnen Sekunden für ein Allerweltsfoul und eine Beinahe-Unbeherrschtheit Gelb-Rot (90.). Note 5 © nph
Sebastian Prödl (ab 89.): Ohne Ballkontakt. Note - © nph

Auffälliger wurden die Gäste durch ihre Platzverweise. Fritz, der wegen eines Fouls an Rafael van der Vaart und anschließendem Gemecker Gelb gesehen hatte, grätschte Tolgay Arslan um und sah Gelb-Rot. „Die erste Gelbe ist ein Witz. Da hat sogar van der Vaart gesagt, dass ich den Ball spiele“, ereiferte sich Fritz.

In der Schlussminute erwischte es dann auch noch Arnautovic. Nach einem – weshalb auch immer – mit Gelb geahndeten Foul an Heiko Westermann täuschte der Österreicher im Rücken von Schiri Kinhöfer an, den Ball wegschlagen zu wollen. Er tat es aber nicht. Kinhöfer bekam das Zucken des Fußes offenbar über Funk von seinem Assistenten geschildert und schickte Ar-nautovic vom Feld. Eine überharte Ampelkarte, die bei Werder ganz unterschiedlich bewertet wurde. „Das war keine Gelb-Rote“, zischte Arnautovic und verschwand im Bus. „Die zweite Karte ist lächerlich“, ätzte Junuzovic. Es gab aber auch kritische Stimmen. Schaaf sprach von einer „unnötigen Aktion“, über die er mit Arnautovic reden werde. „Das darf nicht passieren“, meinte Petersen. Und, ohne Namen zu nennen, monierte Mielitz: „Man muss sich unter Kontrolle haben.“

Werder fehlen nun gegen Hannover 96 erneut zwei wichtige Spieler – nicht gerade optimale Voraussetzungen, um endlich in die Erfolgsspur zu kommen. · mr

Quelle: kreiszeitung.de

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