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Das Weserstadion bei Nacht.

Ein Besuch im dunklen Weserstadion

Nachtspielzeit

Bremen - Die Museen in Bremen öffnen am Samstag, den 25. Mai, bei der „Langen Nacht der Museen“ ihre Pforten. Auch Werder Bremen beteiligt sich und ermöglicht Fans und Interessierten, das Weserstadion bei Nacht zu erleben. Im vergangenen Jahr hat unser Reporter Daniel Cottäus die seltene Chance genutzt und an einer Führung teilgenommen. Ein Erlebnisbericht.

Als Manfred, der Stadionführer, eine Sekunde lang nicht aufpasst, nutze ich meine Chance – und breche aus. Aus der 15-köpfigen Gruppe, mit der ich soeben zum nächtlichen Rundgang durchs Weserstadion gestartet bin. Lange Nacht der Museen in Bremen, da macht auch Werder mit. Und zeigt sein Heiligtum, wie man es sonst nicht zu sehen bekommt.

23.16 Uhr: Unter schwarzem Himmel liegt eine spezielle Atmosphäre über dem Platz, irgendwie schwer. Deswegen bin ich gekommen. Von der Nordtribüne aus möchte ich sie auf mich wirken lassen, allein. Später dann mit einer anderen Gruppe wieder raus. Es ist eine Schnapsidee, spontan. Was ich mir davon verspreche, weiß ich selbst nicht genau. Vielleicht ist es einfach der Versuch, einen mir so sehr bekannten Ort noch einmal in völlig anderem Licht zu erleben: bei Nacht.

Nachts ins Weserstadion: Werder Bremen macht‘s am 25. Mai 2019 bei der langen Nacht der Museen möglich. Hier gibt es alle Informationen.

Aus der Ferne nur diese acht Punkte, leuchtend Rot. Auf jedem Flutlichtmast zwei, damit die Flugzeuge Bescheid wissen. Von der „Erdbeerbrücke“ aus ist das Weserstadion um diese Zeit höchstens zu erahnen. Das Autoradio habe ich leiser gedreht, dann ausgeschaltet. Bevor es im Stadion um mich herum ruhig wird, möchte ich auch innerlich den Ton dämpfen.

Vier Flutlichtmasten mit 51 Strahlern - alle aus

Die Frau in der Tankstelle am Osterdeich füllt das Fach mit den Softdrinks und Bierdosen auf. Vorbereitungen für die Kundschaft der Nacht, die schon bald aus dem Schatten unter die Leuchtstoffröhren treten wird. Ich kaufe einen Kaffee. Dann rolle ich die letzten Meter die Rampe runter auf den Parkplatz vor der Ostkurve. Das Grau des Bodens scheint sich mit dem des Lichts zu vermischen.

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Mein kurzer Fußweg, direkt zu auf den schwarzen Koloss, wird musikalisch untermalt: „These Boots Are Made For Walkin’“. Leise, es klingt wie unter Wasser, weil es von drinnen kommt. Im nahegelegenen Clubhaus des Tennisvereins ist die Zeit angebrochen, in der jedes Lied zur Partyhymne taugt. Menschen sehe ich nicht. Kurz darauf habe ich die Nordtribüne erreicht und gehe ins Stadion.

Wuseum heißt das Museum von Werder Bremen

Drinnen ein Kontrast, viel schärfer, als ich ihn erwartet hatte: Es ist brechend voll. Die Besucher schieben sich durchs Wuseum, eine große Traube wartet am Ausgang darauf, dass die nächste Tour durchs Stadion beginnt. Ich habe Glück und zähle wenig später zu Manfreds 15 Auserwählten. Uns erwartet ein Feuerwerk aus Fakten und Anekdoten. Kurz bevor ich die Gruppe unbemerkt verlasse, erfahre ich noch, dass in jedem der vier Flutlichtmasten 51 Strahler mit je 2.000 Watt sitzen. Und bin froh, dass sie heute Nacht nicht eingeschaltet sind.

Das Weserstadion bei Flutlichtspielen.

Auf meiner grünen Sitzschale, Unterrang, dort aber recht weit oben, komme ich mir zunächst komisch vor. Was tue ich hier? So muss es losgehen, das Verschrobenwerden im Alter. Erst nach einigen Minuten komme ich an, nehme die Umgebung bewusst war, kann sie später sogar genießen: Ein ganzes Stadion für mich allein. Ich hatte vorher gehofft, oben auf der Tribüne noch einmal alle Spielszenen zu sehen, die sich mir während der Jahre eingebrannt haben. Als bildhafte Erinnerung, vor dem geistigen Auge. Dass Diego nur für mich noch einmal aus 63,5 Metern Maß nimmt. Sanogo gegen Real Madrid das Tor seines Lebens erzielt und Uli Borowka Gegenspieler mit dem Vorschlaghammer wegräumt. All das passiert nicht.

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Stattdessen fühle ich mich nahe der verwaisten Ostkurve wie ein Eindringling, der gar nicht hier sein dürfte. Die vier Flutlichtmasten mit ihren 204 toten Augen als stumme Zeugen. Irgendwann kommen sie dann doch, Erinnerungen. Weniger an große Spiele, mehr an große Erlebnisse. Der erste Stadionbesuch mit meinem Vater. Meine zwei Saisons als Brezelverkäufer. Das erste Spiel als Zuschauer in der Ostkurve, das erste als Reporter auf der Pressetribüne. Momentaufnahmen, flüchtige Fetzen, die sich kaum notieren lassen, so schnell sind sie schon weitergezogen.

Das Weserstadion bei Nacht - ein Gegenteil von sich selbst

Auf der Tribüne ist es frisch geworden, obwohl nicht viel Wind weht. Es fühlt sich eher an, als hätte jemand das Stadion heimlich bis unters Dach mit kalter Luft gefüllt. Ich beschließe, zu gehen. Unschlüssig, was ich von meinem nächtlichen Besuch halten soll. Spektakulär war es nicht, aber was hatte ich auch erwartet? Allein in einem leeren Stadion, nachts: Das ist nicht gerade eine Grenzerfahrung. Nichts, was aus sich selbst heraus einen Spannungsbogen bietet. Aber vielleicht gerade deswegen von Wert. Es war ein schönes Erlebnis, einen Ort des Trubels einmal in völliger Ruhe zu erleben. Als Gegenteil von sich selbst, sozusagen.

Die Starkstrom-Gussmuffe sorgte 2004 dafür, dass im Weserstadion das Licht ausging. Heute liegt sie im Wuseum.

Langsam gehe ich die Stahltreppe runter, klong, klong, klong. Denn unten ist eine neue Gruppe aufgetaucht, mit der ich durch Spielertunnel, Presseraum und Gästekabine zurück ins Wuseum gehe. Dort angekommen, bleibt Zeit für einen kurzen Rundgang, der Ansturm ist vorbei. Hinten in der Ecke ist eine Scheibe in den Boden eingelassen, darunter ein silbernes Gerät. „Starkstrom-Gussmuffe aus dem Kabel Karola“ steht auf dem Glas. Und weiter: „Ein Kurzschluss in dieser Muffe hat zu einem Stromausfall geführt und den Beginn des Auftaktspiels zur Bundesligasaison 2004/2005 um 66 Minuten verzögert.“ Ich saß damals auf der Nordtribüne, Werder gegen Schalke, als es im Weserstadion plötzlich dunkel wurde.

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