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Für Werder Bremen bestritt Nelson Valdez (l., hier im Trikot der Seattle Sounders) 80 Bundesligaspiele, in denen er 21 Tore markierte. Danach brach der Paraguayer auf, um die Fußballwelt zu erkunden.

Aus der Serie „Wech vom Deich“

Valdez, der Weltenbummler

Elf Vereine, sieben Länder: Aus Nelson Valdez, Double-Sieger mit Werder Bremen 2004, ist ein Weltenbummler geworden. Aus unserer Serie „Wech vom Deich“.

Die lange Reise, der Aufbruch ins Abenteuer, in eine unbekannte Welt – Nelson Valdez führte sie im tiefsten Winter 2001 direkt in den Keller. Turmhotel, Osterdeich, ein kleines Zimmer, gelegen im Souterrain. Fernseher, Bett, Toilette – das Nötigste nur, mehr nicht. Hier hatte Jürgen L. Born, Boss bei Werder Bremen zu jener Zeit, den jungen Mann aus Paraguay kurzfristig einquartiert. Denn irgendwo musste er ja hin mit diesem 18-Jährigen, der ihm quasi über Nacht in den Schoß gefallen war. Ein gewitzter Berater, ein Flugzeug und vor allem eine Plastiktüte, die längst zur Werder-Folklore zählt – all das markiert den kuriosen Beginn einer Karriere, die sich in den folgenden 18 Jahren stets treu, sprich: kurios bleiben sollte. Elf Vereine, sieben Länder, sechs Titel und nun bei einem Club, der seine Eltern streiten lässt. Wie konnte das alles nur passieren, Nelson Valdez?

Es ist eine Frage, die zunächst als Arbeitstitel über dieser Geschichte steht – und eine, die Valdez, als die Leitung nach Paraguay nach mehreren Versuchen endlich steht, lachend mit einer Gegenfrage beantwortet: „Weiß ich auch nicht so genau. Wo wollen wir anfangen?“ Und noch ehe die Antwort über den Atlantik gefunkt ist, hat Valdez schon losgelegt, sitzt auf einmal wieder im Keller, Turmhotel, Osterdeich, nur wenige Meter die Weser runter sein erstes großes Abenteuer: Werder Bremen.

Nelson Valdez: Nur mit einer Plastiktüte im Flugzeug nach Bremen

Valdez’ Berater setzt ihn im Januar 2001 in Paraguay ins Flugzeug. „Mit Werder ist alles geklärt, die holen dich ab“ – diesen Satz hat der Fußballer bis heute nicht vergessen. Denn inzwischen weiß er: Mit Werder war da noch gar nichts geklärt. „Erst als ich in der Luft war, hat er bei Jürgen Born angerufen und gesagt, ich habe euch da jemanden geschickt, der ist gut.“ Born reagiert, bucht das Turmhotel, nimmt den jungen Mann, der erst wenige Tage zuvor 18 Jahre alt geworden ist und die fremde Sprache nicht spricht, unter seine Fittiche. Und staunt über dessen Gepäck. „Ich hatte nur eine Plastiktüte dabei“, berichtet Valdez. Darin: ein paar Fußballschuhe, ein paar Kleidungsstücke – und ganz viel Hoffnung. In Paraguay, bei seinem Jugendverein Atletico Tembetary, hatte Valdez zuvor in einem winzigen Zimmer unterhalb der Tribüne des Stadions gelebt. „Das Zimmer im Turmhotel war für mich deshalb ein Palast.“

Bei Werder merken sie in den folgenden Monaten schnell, dass dieser Nelson Valdez Fußball spielen kann, ziemlich gut sogar. In 51 Regionalliga-Einsätzen für die zweite Mannschaft trifft der flinke Stürmer 24 Mal und wird im Sommer 2003 endgültig in den Profikader befördert. In seinem ersten Interview nach dem persönlichen Aufstieg in die Bundesliga spricht Valdez gleich vom Titel. Jürgen L. Born, der als Dolmetscher daneben sitzt, weigert sich, diesen Satz zu übersetzen. „Er hat zu mir gesagt: Junge, das kannst du nicht einfach so raushauen. Das klingt zu arrogant.“

Rote Haare und die Schale: Nelson Valdez (2. v. r.) gewann mit Werder Bremen in der Saison 2003/2004 das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal.

Nelson Valdez: Wechsel zu Cerro Porteno lässt Eltern streiten

2004 holt Werder dann überraschend das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokalsieg, Valdez steuert als Joker insgesamt sechs Tore dazu bei. „Das war einer der größten Erfolge meiner Karriere“, sagt der Stürmer, der Bremen in sein Herz geschlossen hat, dort ein Restaurant besitzt, aber nicht nur deswegen noch immer regelmäßig in der Stadt ist. Im Dezember 2018 kommt Valdez’ jüngste Tochter Leonie im Klinikum Bremen-Nord zur Welt. Ein Wunsch seiner Ehefrau Martynka, die er einst in Bremen kennengelernt und mit der er inzwischen drei gemeinsame Kinder hat. „Meine Familie macht gerade Urlaub in unserem Haus auf Mallorca“, erzählt Valdez, und dann, lachend: „Aber einer muss ja arbeiten, und das bin ich.“

Seit 2017 spielt der Angreifer in seiner Heimat für den Erstligisten Cerro Porteno, den Lieblingsclub seines Vaters Antonio. Mutter Silvia fiebert hingegen mit dem Cerro-Erzrivalen Club Olimpia. „Da kann es hoch hergehen“, sagt Valdez, „aber seit ich für Cerro spiele, trägt meine Mutter mein Trikot.“ Valdez, das ist während des Gesprächs deutlich herauszuhören, bedeutet es viel, wieder in seinem Heimatland Fußball zu spielen. Er ist zurück, wieder zu Hause, nach Jahren, in denen seine Karriere einer Weltreise glich.

Nelson Valdez: Über Werder Bremen und den BVB nach Spanien und Russland

Der erste Schritt, im Juli 2006, ist noch verhältnismäßig klein: aus Bremen nach Dortmund, von Werder zum BVB. 113 Bundesligaspiele bestreitet Valdez bis 2010 für Schwarz-Gelb, die Fans mögen ihn, den Wühler, der vorne jedem noch so verlorenen Ball nachjagt. Sein Timing beim Abschied ist dann allerdings schlecht. „Ein Jahr, nachdem ich weg war, ist Dortmund Meister geworden. Das hat mich schon ein bisschen geärgert“, sagt Nelson Valdez, der, während die alten BVB-Kollegen feiern, schon kurz vor dem nächsten Transfer steht.

Nach einem Jahr in Spanien, bei Hercules Alicante, wo ihm gleich im zweiten Spiel ein Doppelpack gegen den FC Barcelona glückt, muss er gehen. „Der Verein konnte mich nicht mehr bezahlen.“ Und verkauft den Stürmer höchstbietend. Vier Millionen Euro Ablöse – Rubin Kazan erhält 2011 den Zuschlag. Sprachlich schwer, sportlich erfolgreich – so fasst Valdez sein Jahr in Russland zusammen, in dem er privat fast ausschließlich mit den spanischsprechenden Mitspielern verkehrt und mit Kazan Pokal- und Superpokalsieger wird.

Nelson Valdez, früher bei Werder Bremen, wurde 2016 US-amerikanischer Meister mit den Seattle Sounders in der MLS.

Nelson Valdez: Wechsel zu Valencia? „Du hast nicht mehr alle Tassen im Schrank“

Danach wieder Spanien, dieses Mal Valencia – aber gerade das ist nicht ganz unproblematisch. In der Champions League hatte Valdez 2004, damals noch im Trikot von Werder Bremen, am letzten Gruppenspieltag mit zwei Toren Valencias Ausscheiden besiegelt. Nach dem Spiel kam es zu Tumulten zwischen beiden Teams. Auch sechs Jahre später, als Profi von Hercules Alicante, wird Valdez in Valencia vom kompletten Stadion gnadenlos ausgepfiffen.

„Meine Frau hat gesagt: Und jetzt willst du für Valencia spielen? Du hast ja nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ Und tatsächlich: Liebe auf den ersten Blick wird es nicht, nur 300 Leute kommen zu Valdez’ offizieller Vorstellung ins Estadio Mestalla. Am Ende bleibt der Stürmer, den die Fans nach und nach akzeptieren, wieder nur ein Jahr, ehe er seine Odyssee fortsetzt. Über Abu Dhabi (Al-Jazira) und Griechenland (Olympiakos Piräus), wo er 2014 Meister wird, schließlich zurück in die Bundesliga: zu Eintracht Frankfurt.

Nelson Valdez träumt vom Gewinn der Copa Libertadores mit Cerro Porteno

Thomas Schaaf, Mentor und Trainer aus den Bremer Jahren, lotst Valdez im August 2015 nach Hessen. Wenig später zieht sich der Stürmer die bisher einzige schwere Verletzung seiner Laufbahn zu: Kreuzbandriss, halbes Jahr Pause. Auch deshalb bringt es Valdez, inzwischen 30 Jahre alt, in eineinhalb Saisons nur auf zehn Bundesligaspiele und einen Treffer für die Eintracht. „Danach dachte ich, ich gehe in Rente“, sagt er – und meint seinen vermeintlich letzten Wechsel in die USA, zu den Seattle Sounders. Zwei Saisons spielt Valdez in der Major League Soccer, wird auch dort Meister, ehe die Heimat, ehe Cerro, der Club seines Vaters ruft.

35 Jahre ist Nelson Valdez mittlerweile alt und er weiß, dass er viel erlebt hat, sich seine kuriose Karriere allmählich dem Ende neigt. „Noch habe ich aber Benzin im Tank“, betont er. Denn den Fußball, den liebt er noch immer genauso wie damals im tiefsten Winter 2001, als er in Paraguay ein paar Schuhe in eine Plastiktüte steckte und Richtung Bremen aufbrach. „Mein Traum ist es, mit Cerro eines Tages die Copa Libertadores zu gewinnen“, sagt Valdez. Das ist dem Verein noch nie gelungen. Ein großes Ziel also, selbstbewusst, vielleicht auch etwas arrogant formuliert. „Ich bin mir aber sicher“, sagt Valdez, „Jürgen Born würden diesen Satz heute sofort übersetzen.“

Werder Bremen: Serie „Wech vom Deich“

Teil 1 - Die unglaubliche Odyssee des Kevin Schindler

Teil 2 - Francis Banecki: Wenn ein Baum fällt

Teil 3 - Auf die harte Tour: Kevin Artmanns schmerzhafte Reise

Teil 4 - Özkan Yildirims Traum ist noch nicht vorbei

Teil 5 - Florian Trinks: Wech vom Deich - und wieder zurück?

Teil 6 - Marco Stier: Einst Deutschlands größtes Talent, heute Sportinvalide

Teil 7 -  Jerome Polenz‘ Weltreise als Fußballprofi

Teil 8 - Levent Aycicek und der besondere Wechsel

Teil 9 - Gegen alle Widerstände: Tom Trybull - von der Regionalliga in die Premier League

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Unterdessen hat sich eine grün-weiße Legende eine schwere Verletzung zugezogen. Nach einem Horror-Foul könnte Ex-Werder-Star Diego das Karriereende drohen. Außerdem rückt die neue Saison näher, die Bundesliga-Coaches haben sogar schon ihre Tipps für den Deutschen Meister abgegeben. Alle setzen auf Bayern - nur Werder-Trainer Florian Kohfeldt nicht.

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