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Marius Winkelmann und Carsten Sander (von links) aus dem DeichStuben-Team im Gespräch mit Niklas Moisander.

Abwehrchef über Defensiv-Schwächen und das Freiburg-Spiel

Moisander im Interview: „Ich habe das Feuer für Europa“

Bremen - Seit knapp einem Jahr sind Länderspielpausen für Niklas Moisander tatsächlich auch Pausen. Aus dem finnischen Nationalteam hat sich der Innenverteidiger zurückgezogen – was seinem Körper guttut, sagt er: „Ich brauche die Erholung.“

Der Kopf kommt in der aktuellen Länderspielperiode dennoch nicht zur Ruhe. Denn die Situation, in der Werder Bremen nach zuletzt drei Niederlagen steckt, gibt dem 33-Jährigen zu denken. Woher kommt die plötzliche Gegentorflut? Wie ist die sich anbahnende Krise abzuwenden? Ist das Ziel Europa doch nur ein Hirngespinst? Was ist los mit Max Kruse? Für die DeichStube hat sich der Bremer Vize-Kapitän mit den aktuellen Themen auseinandergesetzt.

Herr Moisander, Sie sind der Abwehrchef – wie erklären Sie sich, dass Werder in den vergangenen drei Spielen elf Gegentore kassiert hat, nachdem es in den acht Partien davor nur acht gewesen waren?

Niklas Moisander: Der wichtigste Faktor ist die Konterabsicherung – das haben wir als Mannschaft einfach nicht gut gemacht. Wir stürmen, greifen an, und dann sind wir nicht gut genug abgesichert.

Das war das Hauptproblem beim 2:6 gegen Leverkusen. Gegen Mainz war es dann ein Fehler von Ihnen, der die 1:2-Niederlage einläutete. Und gegen Gladbach waren Standardsituationen der Ausgangspunkt der ersten zwei Gegentore. Nur mit Konterabsicherung ist das Problem also nicht zu erklären.

Moisander: Es ist ja keine Frage, dass wir die Gegentore zuletzt viel zu einfach bekommen haben. Und mein Fehler in Mainz war für mich persönlich am enttäuschendsten. Aber jeder macht mal Fehler, das kann passieren.

Ist das Team im Defensivverhalten zu nachlässig geworden?

Moisander: Ich denke nicht. Richtig ist aber, dass uns das Leverkusen-Spiel ein bisschen das Selbstvertrauen, die Sicherheit und das Gefühl für die Konterabsicherung genommen hat. All das müssen wir uns zurückholen.

Gegen Borussia Mönchengladbach kassierte Werder Bremen um Niklas Moisander die dritte Niederlage in Folge.

Erst der Traumstart, nun die drei Pleiten – wie erschrocken sind Sie über den plötzlichen Richtungswechsel?

Moisander: Wir wussten von Anfang an, dass im Verlauf der Saison auch schwierige Momente kommen würden. Jetzt stecken wir in so einer Phase, in der es nicht so gut läuft. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass wir da wieder rauskommen. Ich glaube, dass diese Länderspielpause gut für uns ist, um gründlich nachzudenken, was wir zuletzt falsch gemacht haben, um es dann wieder besser zu machen.

Sie sprechen von einer Phase, andere schon von einer Krise.

Moisander: Wir erleben hier gerade keine Krise. Als der Verein in den letzten Jahren im Abstiegskampf steckte und unter dem roten Strich stand, das waren Krisen! Jetzt wollen wir nach Europa und haben auch alle Chancen, das zu schaffen. Ich sehe deshalb keine Krise bei uns.

Aber drei Niederlagen in Folge haben durchaus das Potenzial, sich zur Krise auszuwachsen.

Moisander: Natürlich. Wenn wir jetzt noch zwei, drei Spiele in Folge verlieren, dann wird es eine Krise. Deshalb wird das Spiel beim SC Freiburg (Sonntag, 25. November, 15.30 Uhr, Anm. d. Red.) auch sehr wichtig für uns. Wir müssen dafür sorgen, dass wir aus dem Ergebnistief wieder rauskommen. Das ist sehr wichtig – auch für die Entwicklung der Mannschaft. Nach den nächsten zwei, drei Spielen (es folgen Partien gegen Bayern München und Fortuna Düsseldorf, d. Red.) werden wir wissen, wo wir stehen und ob wir uns noch in der Zone der Tabelle befinden, die auf Europa hoffen lässt.

Vor der Saison wäre Platz sieben nach elf Spieltagen als Erfolg gewertet worden. Wie kommt es bei Ihnen an, dass sich jetzt schon leichte Enttäuschung breit macht, dass es nach dem furiosen Start „nur“ Platz sieben ist?

Moisander: Wer so gut startet, wünscht sich natürlich immer mehr. Das ist verständlich. Aber ich bin nicht enttäuscht über unsere aktuelle Platzierung. Enttäuscht war ich nur über die Leistung in Mainz – das war unser einziges wirklich schlechtes Spiel.

War die Euphorie nach dem Vorstoß in die Champions-League-Region zu groß?

Moisander: Vielleicht. Aber nach fünf, sechs Jahren Abstiegskampf war es doch klar, dass sich die Stadt und Fans von so einem Gefühl mitreißen lassen. Wir hoffen, dass wir allen dieses Gefühl in dieser Saison noch einmal zurückbringen können.

Erst der Traumstart, dann die Ernüchterung – welches Werder Bremen ist denn das wahre Werder Bremen?

Moisander: Wir haben eine gute Mannschaft mit viel individueller Qualität. Wir sind gut gestartet, hatten allerdings in Spielen wie gegen Frankfurt mit dem späten Freistoßtor und gegen Augsburg mit dem Torwartfehler auch Glück. Es gab aber auch Spiele, in denen wir Pech hatten, nicht gewonnen zu haben. Ich finde, dass wir immer noch auf dem richtigen Weg unterwegs sind. Ich glaube, dass wir die Qualität für Europa haben. Die Champions League ist allerdings zu weit gedacht. In der Mannschaft wird und wurde davon auch nicht geträumt.

Niklas Moisander: Seine Karriere in Bildern

Niklas Moisander
Niklas Moisanders Karriere begann beim finnischen Klub Turun Palloseura, bevor ihn Ajax Amsterdam 2004 für die zweite Mannschaft verpflichtete. Von dort wechselte er 2006 zum FC Zwolle, zwei Jahre später nahm ihn der AZ Alkmaar unter Vertrag. © imago
Niklas Moisander
Dort war er direkt Stammspieler und holte in seiner ersten Saison 2008/09 die niederländische Meisterschaft. © imago
Niklas Moisander
Moisander absolvierte insgesamt über 150 Spiele für AZ Alkmaar, spielte in der Saison 2009/10 in der Champions League und in den beiden folgenden Jahren in der Europa League. 2012 rückte Alkmaar bis ins Viertelfinale vor, in den letzten Spielen mit Moisander als Kapitän. © imago
Niklas Moisander
Nach seinem Wechsel zurück zu Ajax Amsterdam in der Saison 2012/13 erzielte der Innenverteidiger im ersten Spiel für den neuen Verein sein erstes von insgesamt sieben Toren für die Niederländer. © imago
Niklas Moisander
In dieser Saison und in der folgenden konnte er zwei weitere Meisterschaften feiern. Seine letzte Spielzeit (2014/15) bei Ajax bestritt Moisander als Mannschaftskapitän. © imago
Niklas Moisander
Im internationalen Geschäft war er mit Ajax in allen drei Jahren vertreten, da die Niederländer als Meister für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert waren. © imago
Niklas Moisander
Es folgte eine Saison in der italienischen Liga bei Sampdoria Genua 2015/16. © imago
Im Sommer 2016 verpflichtete Werder Bremen den Innenverteidiger.
Im Sommer 2016 verpflichtete Werder Bremen den Innenverteidiger. © gumzmedia
Niklas Moisander
Auch hier war er ganz schnell Stammspieler. 2016/17 absolvierte er 30 von 34 Ligaspielen. © Gumz
Niklas Moisander
In einigen Spielen, wie hier im September 2017 gegen Freiburg, führte Moisander die Mannschaft sogar als Kapitän auf den Platz. © Gumz
Niklas Moisander
Für seine Heimat Finnland debütierte er 2008 in der Nationalmannschaft. Dort spielt er zeitweise auch als Außenverteidiger oder im defensiven Mittelfeld. © imago
Niklas Moisander
Im November 2017 beendete Moisander, der seit der Saison 2011/12 Kapitän war, seine Nationalmannschaftskarriere. Für eine Europa- oder Weltmeisterschaft konnten die Finnen sich in dieser Zeit nicht qualifizieren. © imago
In der Saison 2017/18 wurde Moisander zum Abwehrchef und einem unangefochtenen Stammspieler.
In der Saison 2017/18 wurde Moisander zum Abwehrchef und einem unangefochtenen Stammspieler. © gumzmedia
In der Saison 2018/19 sind die Ziele von Niklas Moisander klar formuliert. Er will mit Werder um die europäischen Plätze spielen.
In der Saison 2018/19 sind die Ziele von Niklas Moisander klar formuliert. Er will mit Werder um die europäischen Plätze spielen. © gumzmedia

Bis zum Ende der Hinrunde trifft Werder noch auf vier Teams aus den momentanen Top 5 der Liga. Das Team könnte also auch noch nach unten durchgereicht werden. Fühlen Sie sich alarmiert?

Moisander: Zugegeben: Die Teams von oben sind schwer zu schlagen. Wir haben aber keine Angst vor den Großen der Liga. Denn wir haben in der jüngeren Vergangenheit auch gezeigt, dass wir gegen Top-Mannschaften oft gut ausgesehen haben.

Wieso eigentlich?

Moisander: Vielleicht ist es eine mentale Sache. In die Spiele gegen die Großen gehst du mit dem Gefühl, nicht viel zu verlieren zu haben. Du bist der Underdog. Gegen die anderen Teams gibt es den Druck, gewinnen zu müssen. Das ist ein Unterschied.

Sie sagen, keine Angst zu haben. Dabei sollte man meinen, dass eine Mannschaft, die dreimal in Folge verloren hat, vor so ziemlich jedem Gegner Angst hat.

Moisander: (lacht) Haben wir aber wirklich nicht. Wir haben unser Selbstvertrauen ja nicht total verloren.

Aktuell steht Werder bei 17 Punkten – wie viele müssen bis Hinrundenende noch dazukommen, damit Sie zufrieden sind?

Moisander: Sorry, ich weiß ja, dass solche Rechnereien unter Fans und Journalisten beliebt sind, aber ich mache da nicht mit. Wer anfängt zu rechnen, macht sich nur unnötig Druck.

Dann so rum: 20 Punkte wären die halbe Miete zum Klassenerhalt. Würde Sie das als Halbzeitbilanz zufriedenstellen?

Moisander: Guter Versuch! Und nein, 20 Punkte wären zu wenig. Unser Ziel ist ja nicht nur der Klassenerhalt, sondern Europa.

Das internationale Geschäft zum Saisonziel zu machen, war mutig. Dahinter steckte die Absicht, einen positiven Druck auf die Spieler zu erzeugen. Ist eine Erkenntnis aus der aktuellen Niederlagenserie nun nicht der, dass der forsch formulierte Anspruch eine falsche Erwartungshaltung im Umfeld erzeugt hat und dass jede Niederlage aus dem positiven einen negativen Druck macht?

Moisander: Die Gefahr war da, das haben wir alle gewusst. Trotzdem war es richtig vom Verein, das Ziel so hoch zu setzen und so zu kommunizieren. Nur vom Klassenerhalt zu reden. wäre einfach zu wenig gewesen.

Florian Kohfeldt erlebt nach einem Jahr als Cheftrainer seine erste schlechte Phase. Wie arbeitet er jetzt?

Moisander: Wirklich wie immer. Man sieht keine Veränderungen bei ihm. Ich finde es überragend, wie er es macht. Er ist ein Fußball-Fanatiker, und manchmal habe ich den Eindruck, dass er im Stadion wohnt, weil er eigentlich immer hier ist.

Niklas Moisander stellt sich trotz einer schweren Phase bei Werder dem Interview mit der DeichStube.

Was wäre jetzt der größte Fehler, den er machen könnte?

Moisander: Etwas zu verändern, nur um etwas zu verändern. Oder zu sehr von unserer bisherigen Spielphilosophie abzuweichen. Aber ich glaube nicht, dass das passiert. Am Personal auf dem Platz kann man immer etwas verändern, aber die Art und Weise, wie wir Fußball spielen wollen, sollte so bleiben. Weil es der richtige Weg ist, wie wir es bisher gemacht haben.

Was machen Sie als Führungsspieler, um das Team wieder auf Kurs zu bringen?

Moisander: Da gibt es nichts Spezielles, nichts, was ich anders mache als sonst. Aber was ich sagen kann, ist dies: Ich habe das Feuer für Europa – und das möchte ich an alle weitergeben.

Es gibt Spieler, die meiden in schlechten Phasen Medientermine, Sie nicht. Wieso?

Moisander: Öffentlichkeitsarbeit gehört dazu – egal, ob es gerade gut läuft oder schlecht. Es ist besser, sich zu öffnen, als sich zu verschließen. Schon gar nicht wollen wir uns verstecken, wenn es nicht gut läuft. Jetzt heißt es: Brust raus und gegen Freiburg gewinnen – dann haben wir schöne Spiele gegen die Top-Mannschaften.

Kapitän Max Kruse ist wegen einer bisher sehr mittelmäßigen Bilanz von nur zwei Toren und zwei Assists in die Kritik geraten. Ist er noch der Unterschiedspieler, der er sein soll?

Moisander: Er ist unser Anführer, unser wichtigster Angriffsspieler. Es ist richtig, dass er noch nicht so viele Scorerpunkte gesammelt hat. Aber das kommt schon noch.

Das sagt Max Kruse selbst auch. Aber ist das nicht ein bisschen zu einfach und zu sorglos? Die Saison ist immerhin schon zu einem Drittel rum.

Moisander: So meine ich das auch nicht. Ich glaube einfach, dass Max selbstbewusst und selbstkritisch genug ist, um zu wissen, dass er es besser kann. Natürlich hilft es, wenn bei ihm jeder Schuss ein Treffer ist. Im Moment ist es aber nicht so. Dann müssen halt wir ihm helfen. Klar ist aber auch: Max hat die spezielle Qualität, um einen Gegner zu überraschen, und diese Qualität geht auch nicht verloren. Spieler wie er helfen einer Mannschaft immer.

Der Unterschied zwischen Werder und Gladbach hieß am vergangenen Samstag Alassane Plea, der dreifache Torschütze. Braucht Werder auch einen echten Torjäger, um ganz vorne mithalten zu können?

Moisander: Was hat Plea gekostet? 25 Millionen Euro? Fragen Sie doch mal Frank Baumann, ob dieses Geld bei Werder Bremen vorhanden ist.

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