+
Zweiter von vier Akten in den Nordderby-Wochen 2009: Werder fängt sich im Uefa-Pokal-Hinspiel das 0:1 von Piotr Trochowski.

Schaaf & Frings erinnern sich - Teil zwei

Nordderby-Wochen 2009: Allofs jagt die Verlierer aus der Kabine

Bremen – Acht Tage dauerte es, bis der Nordderby-Wahnsinn 2009 nach dem Auftakt mit dem DFB-Pokal-Halbfinale in die zweite Runde ging. Diesmal hieß der Wettbewerb Uefa-Pokal und gespielt wurde im Weserstadion. Die Partie wurde zu einer Ausnahme in den vier Duellen binnen 19 Tagen: Der Hamburger SV gewann – und feierte das offenbar etwas zu heftig. Der damalige Werder-Coach Thomas Schaaf und sein Spieler Torsten Frings erinnern sich für die DeichStube an den zweiten von vier Teilen im Nordderby-Marathon.

„Wir waren nicht besonders gut“, gesteht Frings. Und es ist ihm immer noch etwas unangenehm. Denn es handelte sich ja nicht nur um das Hinspiel in einem Uefa-Pokal-Halbfinale, das man als Profi nicht alle Tage erlebt, sondern es war auch noch der Geburtstag des Trainers. Schaaf wurde an diesem Tag 48 Jahre alt. „Das weiß ich gar nicht mehr“, sagt Schaaf: „Ich habe nur ans Weiterkommen gedacht. Für mich spielte mein Geburtstag damals überhaupt keine Rolle.“ 

Schon gelesen? Nordderby-Wahnsinn Teil 1: Wiese isst sich zum Elfer-Killer

Kein Geburtstagsgeschenk für Trainer Schaaf

Für die Mannschaft schon. „Natürlich wussten wir das“, behauptet Frings. Eine Torte hatten die Profis nicht vorbereitet, aber Geschenke in Form von Siegen kommen in dieser Branche ohnehin besser an. Doch daraus wurde nichts, es kam sogar ziemlich schlimm für den SV Werder. In der 28. Minute brachte der nur 1,69 Meter große Piotr Trochowski die Gäste per Kopf nach einer Flanke von Guy Demel in Führung.

Das Nordderby: Kuriose Fakten und spektakuläre Ereignisse

Symbolbild
Beim Nordderby im Jahr 1967 fand die erste Auswechslung der Bundesliga-Geschichte statt. Hamburgs Torhüter Arkoc Özcan hatte sich in der 18. Minute den kleinen Finger gebrochen – für ihn kam Ersatzkeeper Erhard Schwerin in den Kasten. Die Regel, die Auswechslungen ermöglichte, war erst kurz zuvor eingeführt worden. © imago sportfotodienst (Symbolbild)
Nordderby
Ende einer Serie: 36 Bundesligaspiele in Folge war der HSV zwischen den Jahren 1982 und 1983 ungeschlagen. Ausgerechnet Werder stoppte den Lauf des Rivalen. Die Grün-Weißen siegten 3:2. © imago sportfotodienst
Nordderby
Das Nordderby im Jahr 1972 wurde vor gerade einmal 8000 Zuschauern ausgetragen – Negativrekord. Weniger kamen davor und danach nie zum Duell der Nordrivalen. Ein Grund für das geringe Interesse: Kurz zuvor war der legendäre Bundesliga-Skandal aufgeflogen. © imago sportfotodienst
Nordderby
Ehrenrunde über dem Weserstadion: Nach Hamburgs Meisterschaft in der Saison 1982/1983 hatte Horst Hrubesch eine ganz besondere Idee. Auf dem Rückflug vom letzten Spieltag überredete der HSV-Profi den Piloten der Fokker-Maschine, eine Ehrenrunde über dem Weserstadion in Bremen zu drehen. © imago sportfotodienst
Nordderby
An diesen Tag erinnern sich die Bremer nur ungern. Am 27. November 1971 lässt Schiedsrichter-Legende Walter Eschweiler die Werder-Profis in der zweiten Halbzeit beim Auswärtsspiel in Hamburg mit HSV-Trikots auflaufen. Der Grund: Für Eschweiler waren sich Werder- und HSV-Trikots zu ähnlich – Verwechslungsgefahr! Weil Werder aber keine Ersatztrikots dabei hatte, mussten die Grün-Weißen die ungeliebte HSV-Raute auf der Brust tragen. © im ago/Future Image
Nordderby
Ailton ist eben doch ein Bremer! 2006 nagelte der Brasilianer im Trikot der Hamburger den Ball im Derby völlig freistehend aus acht Metern über das leere Tor. Der HSV unterlag 1:2. Durch die Pleite zog nicht Hamburg, sondern Bremen in die Königsklasse ein. Wenig später war Ailtons Zeit beim HSV beendet – er wurde verkauft. © imago images / Thorge Huter
Nordderby
Beim Derby 2008 versuchten die Hamburger im Kampf um die Champions-League-Plätze mit einem Psychotrick zu punkten: Beim Duell in Hamburg wurde die Gästekabine mit HSV-Flaggen ausstaffiert. Der erhoffte Erfolg blieb aus. Die Bremer ließen sich nicht beeindrucken, gewannen und wurden am Ende Zweiter in der Tabelle – der HSV musste sich mit Rang vier begnügen. © imago images / HochZwei/Christians
Nordderby
Werders höchster Auswärtssieg in Hamburg gelang am 22. September 2001 mit einem 4:0. Bremens gefeierter Held: Marco Bode. Der Stürmer erzielte einen Treffer selbst und bereitete zwei weitere vor. Der höchste Heimsieg war in der Meistersaison 2004 sogar ein 6:0. © imago images / Kolvenbach
Nordderby
Das wohl berühmteste Tor der Nordderby-Geschichte: Frank Baumanns Kopfballtreffer bedeutet für Werder den Einzug ins UEFA-Cup-Finale 2009. Es sorgte auch für einen der drei Werder-Siege gegen den HSV in drei Wettbewerben binnen 19 Tagen. Kurios war aber auch die Entstehung der Ecke vor Baumanns Tor: Der Ball hoppelte über eine Papierkugel, die ein HSV-Fan auf den Rasen geworfen hatte. HSV-Abwehrmann Michael Graavgaard traf den Ball nicht richtig - es gab Ecke für Werder. © imago
Nordderby
Ausgerechnet ein Wahl-Hamburger ersteigerte die legendäre Papierkugel. Matthias Seidel, Gründer von „transfermarkt.de“, erwarb die Kugel, um sie später im Werder-Museum ausstellen zu lassen. © imago images / Philipp Szyza
Nordderby
Adrian Maleika. Der Name steht synonym für die größte Tragödie der Derby-Geschichte. Der Werder-Fan wurde vor dem Spiel am 16. Oktober 1982 auf dem Weg ins Volksparkstadion von Hamburger Hooligans brutal angegriffen. Bei einem Steinwurf erlitt der 16-jährige Lehrling einen Schädelbasisbruch und Gehirnblutungen. Einen Tag später starb er. Er gilt als erstes Todesopfer bei Hooligan-Übergriffen in Deutschland. © imago
Nordderby
Noch eine der ganz bitteren Geschichten des Nordderbys: Am 20. September 1989 spielte Ditmar Jakobs sein letztes Bundesliga-Spiel. Im Weserstadion rutschte der HSV-Verteidiger bei einer Rettungsaktion ins Tor. Dort bohrte sich ein defekter Karabinerhaken der Toraufhängung in seinem Rücken. Jakobs kam nicht mehr los, der Haken musste mit einem Skalpell herausgeschnitten werden. Dabei wurden seine Nerven so stark verletzt, dass an Profisport danach nicht mehr zu denken war. © imago
Nordderby
Niederlagen sind nie schön, die am 14. Mai 1988 gegen den HSV gilt aber als eine der schönsten Werder-Pleiten. Die Mannschaft von Trainer Otto Rehhagel ging zwar zu Hause mit 1:4 gegen die Hamburger baden. Aber das juckte keinen: Die Bremer hatten die zweite Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte schon perfekt gemacht - und durften nach dem Spiel die Schale vor den Augen des Rivalen in die Höhe recken. © imago
Nordderby
So unschön die Szene, so schnell wurde sie auch legendär: Werder-Keeper Tim Wiese verwechselte im Mai 2008 Fußball mit Kung Fu und senste beim Herauslaufen HSV-Stürmer Ivica Olic derart um, als wolle er ihm den Kopf abtreten. Ob Wiese da schon den Gedanken an eine Karriere im Wrestling entwickelt hat? Franz Beckenbauer sprach danach von Mordversuch, ein Unbekannter stellte sogar Strafanzeige wegen versuchten Totschlags. Der Schiedsrichter zeigte im Spiel jedenfalls nur Gelb. © imago
Nordderby
Klar ist: Werder Bremen gegen den Hamburger SV - es ist das ewige Duell der Bundesliga. Kein Spiel gab es häufiger. Zum 100. Nordderby präsentierten die Werder-Fans im Weserstadion eine beeindruckende Choreografie. „100 Spiele wie im Märchen“, schrieben die Fans und klappten das Geschichtsbuch auf. Am Ende stand: „Und die Moral von der Geschicht‘, Bremen ist geil, Hamburg nicht.“ © imago images / osnapix

Der HSV hatte die bittere Pleite im DFB-Pokal-Halbfinale nach Elfmeterschießen überraschend gut weggesteckt, spielte selbstbewusst auf. Irgendwann wachte aber auch Werder auf. Doch Claudio Pizarro und Co. brachten den Ball einfach nicht über die Linie. „Es war zum Verzweifeln“, seufzt Schaaf noch heute. Eine 0:1-Heimpleite im Halbfinale eines Europapokals, das roch schon gewaltig nach einer Vorentscheidung gegen Werder. „Es sah wirklich nicht gut aus“, so Schaaf.

Schon gelesen? Fans fordern: Nordderby soll das Pokal-Finale toppen

Der HSV feierte im Weserstadion - Frings: „Wir waren total wütend“

Die HSV-Profis wähnten sich offenbar tatsächlich schon auf der sicheren Seite und feierten auf dem Rasen ausgelassen ihren Coup. Da platzte Werder-Sportchef Klaus Allofs der Kragen. „Klaus kam wütend in unsere Kabine gerannt“, erinnert sich Frings: „Er hat uns alle rausgejagt und dabei geschrien: ,Guckt euch das da draußen an!‘“ Frings und Co. gehorchten natürlich und sahen, was sie für das Rückspiel zusätzlich anstachelte. „Es war unglaublich, die haben unsere Fans provoziert“, erzählt der heute 42-Jährige: „So etwas macht man nicht. Wir waren total wütend. Das mussten wir doch bestrafen.“ Frings lacht. Schließlich weiß er ja, wie die Geschichte weiterging. Sieben Tage später trafen sich alle wieder zum Rückspiel in Hamburg – und es gab ein Bremer Happy End mit einer Papierkugel in der Hauptrolle.

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Kommentare