„Er war mein Arzt, er hätte doch reagieren müssen“, sagt Ivan Klasnic über Dr. Götz Dimanski.
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„Er war mein Arzt, er hätte doch reagieren müssen“, sagt Ivan Klasnic über Dr. Götz Dimanski.

Gerichtsurteil

Ohrfeigen für die Werder-Ärzte: Klasnic-Sieg nach zähem Kampf

Bremen - Es war eine zynische Zugabe des Schicksals, dass Ivan Klasnic am Freitagvormittag just in den Minuten, in denen am Bremer Landgericht ein für ihn enorm wichtiges Urteil gesprochen wurde, in Hamburg einen seiner regelmäßigen Dialysetermine hatte.

Update (11. November 2020): Nun kommt es offenbar zum Vergleich: Vier Millionen Euro für Ivan Klasnic?

Weiter zur bisherigen Meldung: Der ehemalige Profi des SV Werder fehlte also, als er im Zivilprozess gegen die ehemaligen Werder-Ärzte Dr. Götz Dimanski und Dr. Manju Guha in allen wesentlichen Punkten Recht bekam. Klasnic wurden in dem erstinstanzlichen Urteil wegen erlittener Nierenschäden 100.000 Euro Schmerzensgeld sowie der grundsätzliche Anspruch auf Schadensersatz zugesprochen. Über die Höhe muss in einer Fortsetzung des Verfahrens jedoch weiterverhandelt werden.

„Endlich gibt es ein Resultat“, sagte Ivan Klasnic in einer ersten Reaktion auf das Urteil: „Die Entscheidung zeigt, dass ich keine Märchen erzählt habe, dass ich nichts erfunden habe und dass ich nicht umsonst geklagt habe. Die Ärzte haben schlampig gearbeitet.“ Klasnic war 2008 vor das Landgericht Bremen gezogen, nachdem ihm im Jahr zuvor eine neue Niere eingesetzt werden musste.

Richter: Dimanski und Guha für den Nierenverlust verantwortlich

Für den Totalverlust der Nierenfunktion bei dem heute 37-Jährigen tragen nach Ansicht der 3. Zivilkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richter Clemens Bolay die Ärzte Dr. Dimanski und Dr. Guha die Verantwortung. Bei beiden stellte das Gericht „grob fehlerhaftes“ Verhalten fest. Sie hätten im Zeitraum zwischen Mai 2003 und Oktober 2005 die sich stetig verschlechternden Nierenwerte bei Ivan Klasnic „nicht zur Kenntnis genommen. Das hätten sie tun müssen“, erklärte Richter Bolay – und weiter: „Dr. Dimanski hat mehrere Fehler begangen. Er ist rechtlich gesehen für den Nierenverlust verantwortlich zu machen. Dr. Guha haftet in gleichem Umfang.“

Die Internistin hatte in besagtem Zeitraum die von der Deutschen Fußball-Liga vorgeschriebenen sportärztlichen Untersuchungen bei Klasnic durchgeführt. Dabei hatte sie nach eigener Aussage die ermittelten Nierenwerte ungelesen an Dr. Dimanski weitergereicht. Der Mannschaftsarzt legte sie jedoch ebenfalls zur Seite, verließ sich auf Guhas Gesamteinschätzung, dass mit Klasnic alles in Ordnung sei, obwohl er seit 2002 von der Diagnose „leichte Niereninsuffizienz“ wusste. In diesem Vorgehen sah das Gericht zum einen Fehler, die einem „Arzt schlechterdings nicht passieren dürfen“, und zum anderen die Ursache für den dramatischen Krankheitsverlauf bei Klasnic.

Klasnic: „Er war mein Arzt, er hätte doch reagieren müssen“

Neben den beiden Ärzten gehörten auch das Rehazentrum Bremen, bei dem Dr. Guha beschäftigt ist, sowie die Werder Bremen GmbH und Co. KGaA zu den von Klasnic Beklagten. Alle zusammen wurden vom Gericht als Gesamtschuldner verurteilt. Was bedeutet: Klasnic kann sich bei Geltendmachung seiner Ansprüche eine der vier Parteien aussuchen, der Ausgleich muss dann innerhalb des Beklagtenquartetts stattfinden. Laut Urteil gilt: Klasnic kann alle bisher entstandenen sowie noch entstehenden materiellen und immateriellen Schäden einfordern. Die Beweislast für die Höhe liegt allerdings bei ihm.

Während die SV Werder Bremen GmbH & Co. KGaA als Mitverurteilte auf Nachfrage keinen Kommentar zu dem Urteil abgeben wollte, zeigte sich Dr. Götz Dimanski, der ebenfalls nicht zur Urteilsverkündung erschienen war, von der Entscheidung „extrem überrascht“. Er hatte stets die Verteidigungslinie verfolgt, dass er sich auf die Information der Internistin Guha habe verlassen können. Diese Haltung hatte er während des Prozesses vehement vertreten. Auch am Freitag sagte Dimanski: „Ich gehe davon aus, dass ich der einzige bin, der die Fakten richtig kennt.“ Dass das Gericht die Fakten gegen ihn wertete, sieht er als „Frage der Interpretation“.

Ivan Klasnic ist wiederum überrascht über die Überraschung des Arztes, dem er die Hauptschuld an seinem permanent schlechten Gesundheitszustand gibt: „Dr. Dimanski hat immer gesagt, er könne ruhig schlafen. Das war frech. Vielleicht kann er sich jetzt mal Gedanken machen. Er war mein Arzt, er hätte doch reagieren müssen.“

Was passiert jetzt?

Das Urteil nach neun Jahren Prozessdauer ist für Ivan Klasnic positiv ausgefallen. Aber er weiß: „Es ist noch nicht vorbei.“ Denn die am Freitag verkündete Entscheidung des Landgerichts Bremen ist nur ein Zwischenstand in der rechtlichen Auseinandersetzung zwischen Klasnic und den Ärzten. Es ist nun damit zu rechnen, dass die Beklagten Rechtsmittel einlegen werden. Dem sehe er jedoch „gelassen entgegen“, sagte Klasnic-Anwalt Matthias Teichner im „Spiegel“.

Erst wenn das Urteil rechtskräftig ist (was bei einem Verzicht auf Berufung vor dem Oberlandesgericht beziehungsweise auf Revision vor dem Bundesgerichtshof der Fall wäre), kann die Höhe der Entschädigungszahlung für Klasnic verhandelt werden. Und das dürfte ein weiterer langwieriger Vorgang werden.

Der Ex-Profi hatte im aktuellen Verfahren eine Million Euro als Ersatz für bislang entstandene finanzielle Schäden gefordert. Laut Anwalt Teichner könnten Dr. Dimanski und Dr. Guha „noch froh sein, dass gegen sie nur zivilgerichtlich vorgegangen wird“.

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