Oliver Hüsing
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Oliver Hüsing verbringt die trainingsfreie Zeit zu Hause in Bühren.

Ex-Werder-Profi zwischen Abenteuer und Heimat

Oliver Hüsing: „Bühren, Bremen, Budapest“

Bühren - Ex-Werder-Profi Oliver Hüsing spricht im Interview auf dem heimischen Bauernhof in Bühren über sein Ungarn-Abenteuer bei Ferencvaros Budapast - und warum er so gerne grubbert.

Halbzeit im Interview, es gibt Erdbeerkuchen, den Oliver Hüsing selbst serviert. Die Reporter sollen sich genauso wohl fühlen, wie er selbst auf dem idyllischen Bauernhof seiner Eltern. Der ehemalige Werder-Profi hat Urlaub. Direkt nach dem Pokalsieg mit Ferencvaros Budapest ist der 24-Jährige in die Heimat nach Bühren im Landkreis Cloppenburg gereist.

Dort grubbert er gerne. Was das ist, verrät Hüsing im Interview. Und dazu erzählt er von seinen Startschwierigkeiten nach seinem Wechsel nach Ungarn vor einem Jahr, von seiner engen Verbindung zum SV Werder, für den er schon als Elfjähriger gespielt hat, und von seinem Traum, den drei Bundesliga-Einsätzen für Bremen weitere folgen zu lassen.

Herr Hüsing, wie lebt es sich in Budapest?

Oliver Hüsing: Die Stadt ist der Wahnsinn! Wunderschön. Du kannst jeden Tag in drei andere, schöne Cafés gehen. Das Wetter ist super. Ich könnte jetzt eine ganze Reihe von tollen Sehenswürdigkeiten aufzählen, das Parlament, den Gellertberg, die Fischerbastei. Nachts ist alles beleuchtet an der Donau. Ich kann das nur empfehlen.

Ist Budapest etwa schöner als Bremen?

Hüsing: Das natürlich nicht. Da habe ich eine klare Reihenfolge: Bühren, Bremen, Budapest (lacht).

Leben Sie alleine in Budapest?

Hüsing: Ja, aber meine Freundin besucht mich regelmäßig. Und ich bin viel mit meinen Teamkollegen Julian Koch (früher Fortuna Düsseldorf, Anm. d. Red.) und Janek Sternberg (früher Werder, Anm. d. Red.) unterwegs. Es ist cool, dass sie da sind.

Können Sie schon Ungarisch?

Hüsing: Das ist eine sehr, sehr schwere Sprache. Ein bisschen Smalltalk kann ich schon, viele Fußballbegriffe natürlich auch – und sehr viele Schimpfwörter (lacht). Ich lerne das nicht wie in der Schule mit Vokabeln, sondern mit unserem Physiotherapeuten. Bei jeder Behandlung bringt er mir eine Redewendung bei.

Ihr Trainer ist wie Sie Deutscher, in welcher Sprache hält Thomas Doll die Mannschaftssitzungen ab?

Hüsing: Fast nur auf Englisch. Wenn es zu speziell wird, dann spricht er deutsch, und unser Co-Trainer übersetzt es. Natürlich wird in der Kabine auch viel Ungarisch gesprochen. Das war in meinem ersten halben Jahr schon eine gute Erfahrung. Jetzt weiß ich, wie es ist, wenn du selbst der Ausländer bist. Wenn es andersherum ist, denkst du da gar nicht so darüber nach. Natürlich haben wir uns bei Werder um diese Spieler gekümmert. Aber jetzt würde ich noch mehr darauf achten, sie einzubinden und mehr zu erklären, worum es gerade geht. Es ist nicht so schön, wenn alle lachen, und du weißt nicht warum.

Unter Werder-Trainer Viktor Skripnik kam Oliver Hüsing für wenige Minuten in der Bundesliga zum Einsatz.

Wie sind die sportlichen Bedingungen in Ungarn?

Hüsing: Man kann dort super Fußball spielen. Die Trainingsbedingungen sind klasse, das ganze Drumherum auch. Wir haben ein eigenes Restaurant in einem ziemlich neuen Stadion. Leider hat der Fußball in Ungarn nicht den Stellenwert wie in Deutschland, das Stadion ist nicht immer voll. Aber es macht trotzdem Spaß.

War das von Anfang an so?

Hüsing: Nein, die ersten Monate waren schwierig für mich. Eine Riesenumstellung. Ich hatte nur eine kurze Vorbereitung, also wenig Zeit zur Integration. Dann kam eine Verletzung. Doch es wurde alles gut, ich habe viel gespielt und fühle mich inzwischen sehr wohl in Budapest.

War es der richtige Schritt?

Hüsing: Auf jeden Fall. Man darf nicht nur das Sportliche sehen. Auch als Persönlichkeit bringt einen so ein Jahr im Ausland weiter. Du merkst, dass du in Deutschland mit einer bestimmten Sichtweise aufwächst – und dass es dort ganz anders ist.

Was genau meinen Sie damit?

Hüsing: Man denkt ja häufig, dass das Umfeld, in dem man aufwächst, die Wahrheit ist. Aber es geht auch ganz anders. Das stellst du schnell fest, wenn du im Ausland bist.

Was machen die Ungarn anders?

Hüsing: Sie sind impulsiver als wir. Sie sind sehr stolz auf ihr Land. Das Leben dort ist anders, da gelten andere Maßstäbe. Wir haben zum Beispiel mit dem Verein die Krebsstation in einem Krankenhaus besucht. Da war ich ziemlich bedrückt, weil die Unterschiede zu einem deutschen Krankenhaus so gravierend waren. Die Kinder waren trotzdem glücklich, weil sie es nicht anders kennen. Oder wir haben eine Schule besucht, die mit meiner eigenen Schule nicht viel gemeinsam hatte. Da merkt man erst mal, wie privilegiert man selbst aufgewachsen ist.

Werden Sie bei Ferencvaros bleiben?

Hüsing: Ich fühle mich dort wohl und gehe zum aktuellen Zeitpunkt davon aus – ich habe ja noch Vertrag.

Liebäugeln Sie mit einer Rückkehr nach Deutschland?

Hüsing: Das ist immer eine Option. Natürlich will ich das Maximum herausholen.

Ist die Bundesliga immer noch Ihr Ziel?

Hüsing: Auf jeden Fall.

Spielt Werder dabei eine Rolle für Sie oder müssen Sie dafür erst mal Umwege gehen?

Hüsing: Werder spielt immer eine Rolle für mich. Aber das mit dem Umweg passt schon ganz gut.

Sie sind 24 Jahre alt – so viel Zeit für einen Umweg haben Sie auch nicht mehr.

Hüsing: Wieso? Man kann doch auch mit 28 Jahren ein guter Bundesligaspieler werden. Es gibt genug Jungs, die mit 21 Jahren 30 Bundesligaspiele gemacht haben und danach keines mehr. Und dann gibt es einen Aytac Sulu, der, bis er 30 war, nur Dritte Liga gespielt hat, und dann schießt er acht Bundesliga-Tore für Darmstadt. Deswegen setze ich mir keine Grenzen und gucke nicht zu weit in die Zukunft. Ich will mich einfach jeden Tag verbessern.

Ist Ihnen das in Budapest gelungen?

Hüsing: Ich denke schon. Ich habe 26 Pflichtspiele gemacht. Mein Auftreten ist anders geworden, weil ich mich in einem fremden Land durchsetzen musste.

Wird von einem ausländischen Spieler mehr erwartet?

Hüsing: Ja. Das spürt man, obwohl man nicht viel versteht. Ich musste mich schon beweisen.

Aus Werder-Sicht ist natürlich interessant, ob sich Leihgabe Laszlo Kleinheisler beweisen konnte.

Hüsing: Mit Laszlo verstehe ich mich wirklich gut. Schade, dass er uns wieder verlässt. Aber er ist ein guter Typ.

Wie ist der Kontakt zu Werder?

Hüsing: Ganz eng, das zieht sich durch den ganzen Verein – von den Jugendtrainern, über Betreuer, Physiotherapeuten, Mitspieler, Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle. Den einen oder anderen werde ich im Urlaub besuchen.

Werden Sie auch verreisen?

Hüsing: Wenn, dann nur ganz kurz, die Zeit ist ja knapp. Für mich ist das hier auf unserem Bauernhof in Bühren wie Urlaub. Ich freue mich einfach, endlich mal wieder bei der Familie zu sein.

Müssen Sie auf dem Bauernhof gar nicht mit anpacken?

Hüsing: Ich muss nicht, aber ich mache es, weil ich es von Kindheit an so kenne und es Spaß macht.

Was machen Sie am liebsten?

Hüsing: Grubbern.

Was ist denn Grubbern?

Hüsing: Wenn ein Feld abgeerntet wurde, sind da nur noch diese Stoppeln. Mit dem Grubber lockerst du den Boden und bereitest die neue Einsaat vor.

Was macht daran Spaß?

Hüsing: Du bist zwei Kilometer außerhalb, mitten in zehn Hektar Land, ein bisschen Wald drumherum. Ganz allein, Handy auf lautlos – obwohl, da hast du sowieso keinen Empfang (lacht). Da bist du nur mit dir, hast was für die Landwirtschaft, für den Betrieb getan – ich finde das geil.

Füttern Sie auch die Schweine?

Hüsing: Das läuft doch alles automatisch. Aber wenn wir umstallen oder der Schweinewagen kommt, dann helfe ich mit. Ich habe auch kein Problem damit, den Schweinestall auszuspritzen. Früher habe ich das allerdings nicht so gerne gemacht.

Warum?

Hüsing: Na ja, wenn du mit 16 von der Schule nach Hause kommst und dein Vater sagt, mach’ den Laden sauber, bist du schwer begeistert... Inzwischen habe ich sogar Bock darauf. Das ist schon komisch.

Klingt nicht nach Erholung.

Hüsing: Doch! Meine Eltern wissen, dass es mein Urlaub ist und lassen mir genug Zeit. Ich muss mich ja auch noch ein bisschen um mein Fernstudium kümmern.

Was studieren Sie?

Hüsing: Ich mache das nebenbei an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg. Dort gibt es einen Studiengang „BWL für Spitzensportler“. Da sind Fußballer, Basketballer, Reiter, Segler. Das kann ich gut von Ungarn aus machen.

Wissen Sie schon, was Sie mit dem Studium später anfangen wollen?

Hüsing: Gute Frage. Ich will einfach etwas für den Kopf machen. Mich interessiert das, und es wird mir sicher nicht schaden. Aber so weit voraus schaue ich nicht. Fußball steht aktuell absolut an erster Stelle.

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