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Per Freistoß traf Tim Borowski zum 1:0

2:1 - Werderaner müde aber glücklich

MAINZ. Mit müden Beinen zum wichtigen Erfolg: Ein 2:1 (1:1)-Sieg beim FSV Mainz 05 hat Werder Bremen gestern eine neue Perspektive im Kampf um die internationalen Plätze eröffnet. Bis auf einen Punkt sind die Bremer in der Fußball-Bundesliga an Borussia Dortmund und Platz fünf herangerückt – und damit ist das Rennen wieder offen.

Aber was war das für eine maue Vorstellung in Mainz? Nur 40 Stunden nach dem 4:1 über Twente Enschede in der Europa League fehlte Werder die körperliche und geistige Frische. Dass es trotzdem ein guter Tag wurde, war drei glücklichen Umständen zu verdanken:

Erstens:

Bereits nach 14 Minuten handelte sich der Mainzer Florian Heller eine dumme Rote Karte ein, weil er sich nach einem Foul von Aaron Hunt zu einer Revancheaktion hinreißen ließ. Er traf zwar den am Boden liegenden Hunt mit dem Fuß nicht hart, aber Schiedsrichter Babak Rafati zückte dennoch sofort Rot, Hunt kam mit Gelb davon. Eine vertretbare Entscheidung.

Zweitens:

Ein Freistoß von Tim Borowski, eigentlich als Hereingabe in den Strafraum gedacht, segelte zur 1:0-Führung in den Winkel (31.).

Drittens:

Der schon früh für den völlig indisponierten Aymen Abdennour eingewechselte Sebastian Prödl erzielte mit seinem schwachen linken Fuß und ganz viel Glück den Siegtreffer (50.). Es war übrigens das erste Bundesliga-Tor des Österreichers überhaupt – und ein sehenswertes dazu. Denn der Ball schlug genau im Winkel ein. „Da habe ich schon Glück gehabt“, gestand Prödl, der beim zwischenzeitlichen Ausgleich noch ganz viel Pech gehabt hatte. Denn sein kapitaler Fehlpass brachte kurz vor der Pause Aristide Bance ins Spiel. Der Angreifer aus Burkina Faso ließ erst Naldo alt aussehen und dann Keeper Christian Vander, der unter Bances Fernschuss abtauchte. „Da sehe ich natürlich nicht gut aus. Aber einen Fehler würde ich das nicht nennen. Die Bälle flattern heutzutage und gehen ab wie eine Kanonenkugel“, rechtfertigte sich Vander, der gestern kein guter Vertreter des verletzten Tim Wiese war. Der Ersatzmann leistete sich gleich mehrere Unsicherheiten, war aber immerhin bei Bances zweitem Karcher (68.) auf dem Posten.

Die Werder-Spieler in der Einzelkritik (Fotostrecke)

Abdennour für Werder ein Sicherheitsrisiko

Christian Vander: Flatterball oder Flatter-Vander? Beim zwischenzeitlichen 1:1 kam beides zusammen. Bancés 112 km/h schneller Gewaltschuss hatte gewiss keine gerade Flugbahn, Vander hätte ihn dennoch parieren müssen. Ein dicker Fehler des Wiese-Vertreters. Bei Bancés zweitem Versuch war er wacher. Note 5 © Mediengruppe Kreiszeitung / Nordphoto
Petri Pasanen: Der „Überläufer“: Pasanen wechselte mal wieder während der Partie die Seiten. Als Prödl früh für den indiskutabel schwachen Abdennour kam, rückte Pasanen von der rechten auf die linke Abwehrseite. Der Finne spielte sachlich wie immer. Note 3,5 © Mediengruppe Kreiszeitung / dpa
Per Mertesacker: Der Nationalverteidiger hatte nach nur einem Tag Pause Probleme, die nötige Konzentration aufzubringen. Mertesacker biss sich aber in die Partie, die er mit einem Kopfverband beendete. Bancé hatte ihm mit den Stollen eine Wunde an der Stirn zugefügt. Note 3 © Mediengruppe Kreiszeitung / Nordphoto
Naldo: Ihm ging’s in Sachen Konzentration und Spritzigkeit wie Nebenmann Mertesacker. Naldo hat schon deutlich souveräner gespielt. Am Gegentor nicht schuldlos, weil er es Bancé zu leicht machte, an ihm vorbeizugehen. Note 3,5 © Mediengruppe Kreiszeitung / Nordphoto
Aymen Abdennour (hier im Training, bis 27.): Abspielfehler, verlorene Zweikämpfe, versprungene Bälle, grobes Foulspiel – kurzum: Abdennour stellte ein Sicherheitsrisiko dar. Die frühe Auswechslung war absolut notwendig. Coach Schaaf tätschelte dem schwachen Tunesier dennoch aufmunternd den Kopf. Note 6 © Mediengruppe Kreiszeitung / Nordphoto
Peter Niemeyer (hier im Training): Spielte trotz der leichten Kapselverletzung und erledigte seinen Job als eine Hälfte der „Doppel-6“ ohne groß aufzufallen. Note 4 © Mediengruppe Kreiszeitung / Nordphoto
Philipp Bargfrede: Am Donnerstag das Comeback nach dreimonatiger Verletzungspause, am Samstag das erste Spiel über 90 Minuten. Bargfrede bewies gleich wieder gute Form und schwang sich als Vertreter des gesperrten Frings zum besten Bremer auf. Note 3 © Mediengruppe Kreiszeitung / dpa
Mesut Özil (bis 78.): Gegen Enschede hui, in Mainz wieder pfui. Von Özil, in der offensiven Mittelfeld-Dreierreihe rechts aufgeboten, war gar nichts zu sehen. Offenbar siegte bei ihm die Mattheit über das frisch gewonnene Selbstvertrauen. Note 5 © Mediengruppe Kreiszeitung / dpa
Tim Borowski: Weil Schaaf Marko Marin schonen wollte, rückte „Boro“ wieder in die Startelf und bekleidete überraschend die zentrale Position im Mittelfeld. Obwohl er wenig inspirierend spielte, war er als Torschütze doch eine Säule des Sieges. Sein Freistoß aus 32 Metern mag als Flanke gedacht gewesen sein, fiel aber genau in den Winkel. Note 4 © Mediengruppe Kreiszeitung / Nordphoto
Aaron Hunt (bis 90.): Er hatte am Donnerstag wegen einer Gelbsperre frei gehabt, hätte demnach frisch sein müssen. Doch nach gutem Beginn baute Hunt immer mehr ab. Von den Mainzer Fans wegen seiner „Beteiligung“ an Hellers Platzverweis konsequent ausgepfiffen. Note 4 © Mediengruppe Kreiszeitung / Nordphoto
Claudio Pizarro: Er lief viel, war bemüht, vorne den Ball zu halten und zu verteilen. Aber gefährlich wurde der Dreifach-Torschütze vom Donnerstag nicht. Sein Pulver hatte er gegen Enschede verschossen. Note 4 © Mediengruppe Kreiszeitung / dpa
Sebastian Prödl (ab 27.): Kam für Abdennour und wurde zum Matchwinner. Mit dem schwachen linken Fuß traf er perfekt in den „Knick“. Prödl feierte sein erstes Bundesliga-Tor, mit dem er auch seinen Fehlpass vor dem 1:1 ausbügelte. Note 3,5 © Mediengruppe Kreiszeitung / Nordphoto
Daniel Jensen (links im Training, ab 78.): Er ist wieder da. Comeback nach fünf Wochen Verletzungspause. Note - © Mediengruppe Kreiszeitung / Nordphoto
Hugo Almeida (ab 90.): Eine Einwechslung zum Zeitschinden. Note - © Mediengruppe Kreiszeitung / dpa

Vielleicht lag’s ja auch am ungewohnten Trikot. Denn Vander musste Mainz-Keeper Heinz Müller um Hilfe bitten. Aber der Reihe nach: Die DFL hatte beide Teams schriftlich angewiesen, in rot-weißen (Mainz) bzw. orangefarbenen Trikots (Werder) anzutreten. Doch Schiedsrichter Rafati spielte da nicht mit. Deshalb wurde es kurz vor Spielbeginn richtig hektisch. Weil Werder keine Ersatzkluft dabei hatte, mussten die Mainzer im Fan-Shop einen Satz schwarzer Oberteile beflocken lassen. Schwarz wollte eigentlich aber auch Vander tragen. Deshalb stand er schließlich mit einem Müller-Trikot im Tor, auf dem bis auf die Rückennummer alles weitere abgeklebt war. Denn welch ein Zufall: Müller und Vander haben beide die Nummer 33. Klingt alles ziemlich kurios, die Betroffenen fanden es weniger lustig. „Mainz und wir sind unschuldig“, stellte Werder-Boss Klaus Allofs klar.

Richtig heiß wurde es dann auf dem Platz. Die Mainzer hatten offenbar zu sehr auf ihren Trainer gehört. So hatte Thomas Tuchel gefordert, „dass wir hier nach unseren Regeln spielen“. Damit meinte er: Am Bruchweg geht’s ordentlich zur Sache. Für Heller war deshalb ziemlich früh Schluss. Nur konnten die Bremer kaum davon profitieren, dass sie einen Mann mehr auf dem Platz hatten. „So eine Überzahl kann man nur ausnutzen, wenn man viel läuft. Aber wenn man schwere Beine hat, ist das schwierig“, meinte Vander. Teamkollege Claudio Pizarro sah es etwas anders: „Es war schon schwer heute, so kurz nach dem Twente-Spiel. Aber wir haben intelligent gespielt.“ Da musste Allofs schon ein wenig schmunzeln. „Es ist intelligent, wenn er das sagt“, meinte der Werder-Boss und analysierte anschließend: „Wir wollten das Spiel verwalten, haben es aber nicht immer clever verwaltet. Aber am Ende waren wir erfolgreich – und nur das zählt.“ Zumal die Bremer die erste Mannschaft sind, die in dieser Saison beim Aufsteiger gewonnen hat.

Carsten Sander

Quelle: kreiszeitung.de

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