Per Mertesacker ist nicht nur den Werder-Fans als großer Sympathieträger in Erinnerung geblieben.
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Per Mertesacker ist nicht nur den Werder-Fans als großer Sympathieträger in Erinnerung geblieben.

Per Mertesacker war auch bei Werder der etwas andere Profi – ein Porträt

Der Große und das kleine Auto

Bremen/Hannover - Er kam im blauen Kleinwagen und hatte es sehr eilig. Per Mertesacker wollte an diesem 7. September 2011 nur schnell seinen Spind im Weserstadion ausräumen und sich von den Kollegen verabschieden, ehe es von Bremen zum FC Arsenal nach London ging.

Doch Clemens Fritz und Co. waren gar nicht mehr da, hatten schon am Vormittag trainiert. Dafür warteten zahlreiche Fans und Medienvertreter, sie wollten „Merte“ verabschieden. Der zierte sich erst ein wenig, aber dann wurde es eine richtig herzliche Angelegenheit. So war es bei Mertesacker fast immer. 

Am Samstag steigt in Hannover sein Abschiedsspiel, seine beeindruckende Karriere hat der 34-Jährige im Sommer beendet. „Tschüss, ihr Lieben!“, sagte er nach zahlreichen Autogrammen, Fotos und Interviews. Dann fuhr er fort. Das Kapitel Bremen war nach fünf Jahren geschlossen – zu einem eigentlich ziemlich unglücklichen Zeitpunkt. 

Abgang zum FC Arsenal nach einem Jahr Wartezeit

Per Mertesacker hatte erst wenige Wochen zuvor das Kapitänsamt bekommen – als Nachfolger von Torsten Frings, dem Werder keinen neuen Vertrag gegeben hatte. Ganz überraschend kam Mertesackers Abschied allerdings nicht. Schon ein Jahr zuvor hätte er zum FC Arsenal wechseln können, aber Werder bat ihn zu bleiben. 

Der Innenverteidiger gab ohne zu Murren nach. Loyalität war ihm immer wichtig gewesen, Vertrauen auch. Werders Zusage, beim nächsten Mal gesprächsbereit zu sein, hatte ein Jahr später tatsächlich Bestand – sogar ganz am Ende der Transferperiode. Am 31. August wurde der Wechsel perfekt gemacht, die Bremer kassierten elf Millionen Euro. Das Geld wurde nach Verpassen des internationalen Geschäfts dringend benötigt. 

2006 war das noch ganz anders gewesen. Als Vizemeister und Dauergast in der Champions-League konnte Werder entspannt auf Einkaufstour gehen. Dieser Mertesacker sollte es unbedingt sein. „Wer in so jungen Jahren ein so starkes WM-Turnier spielt, kann für uns von Beginn an eine Verstärkung sein. Er hat großes Potenzial“, schwärmte der damalige Coach Thomas Schaaf. 

Merte im Tausch mit Fahrenhorst - teuerster Werder-Transfer der Vereinsgeschichte

Es gab nur zwei Probleme: Hannover wollte den 21-Jährigen nicht ziehen lassen und Mertesacker war nach einer Fersenoperation direkt nach der WM im eigenen Land noch gar nicht fit. Die Verhandlungen zogen sich hin und wurden erst durch Frank Fahrenhorst gelöst. 96-Coach Peter Neururer wollte den Verteidiger unbedingt als Ersatz für Mertesacker haben. Nach langem Zögern willigte Fahrenhorst ein, was seiner Karriere letztlich nicht gerade förderlich war. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Für Mertesacker überwies Werder fünf Millionen Euro an die Leine, 1,5 Millionen folgten später noch als Bonuszahlungen. Da Hannover Fahrenhorst umsonst bekam, wurde Mertesacker 2006 zum teuersten Einkauf der Bremer Vereinsgeschichte. Inzwischen haben ihn längst andere überholt, zuletzt Davy Klassen (13,5 Millionen Euro).

Verspäteter Einstand

Nach seiner offiziellen Vorstellung in Bremen Anfang August reiste Mertesacker sofort zurück nach Donaustauf, einen Ort, an den er noch häufiger mal seine Reha machen sollte. Erst Ende September feierte er seine Werder-Premiere, das allerdings standesgemäß in der Champions League gegen den FC Barcelona (1:1). Der Lange, wie der 1,98 Meter Hüne auch gerne genannt wurde, konnte gleich überzeugen. 

Daran sollte sich fortan kaum etwas ändern. Gemeinsam mit Naldo bildete er national und international eine der stärksten Innenverteidigungen. Doch Mertesacker war nicht nur sportlich ein Gewinn. Nur am Anfang sei der Neue noch etwas zurückhaltend gewesen, erinnert sich Teamkollege und Freund Clemens Fritz: „Per hatte aber den Anspruch, Verantwortung zu übernehmen und voranzugehen. Und genau das hat er gemacht.“ 

Benimm-Regeln á la Mertesacker

Mertesacker wurde schnell zum Führungsspieler, philosophierte durchaus mal in absoluter Nicht-Fußballer-Sprache vor den dann etwas verdutzten Medienvertretern – und sah sich gelegentlich auch als Lehrer einiger Werder-Fans gefordert

Einmal die Woche nahm sich der Profi ganz viel Zeit nach dem Training, schrieb dann stundenlang geduldig Autogramme. Anfänglich noch etwas zurückhaltend und den Blick zum Boden gesenkt. Aber mit der Zeit unterhielt er sich mit vielen Fans, lachte und flachste. Aber wehe, es machte ihn einer von der Seite an: „Ey, Mertesacker, Autogramm!“ Da gab es dann einen kostenlosen Benimm-Kurs. „Du kannst Per, Merte oder Herr Mertesacker zu mir sagen – und eine Bitte wäre auch schön.“ Diese Lektion vergaßen die Autogrammjäger nie. 

Ein Profi mit Bodenhaftung 

Per Mertesacker war kein gewöhnlicher Profi. Im November 2006 gründete er eine Stiftung, die bis heute seinen Namen trägt und sich für viele soziale Projekte in seiner Heimat, dem Raum Hannover, einsetzt. Er schaute immer auch über den Tellerrand hinaus, ohne abzuheben oder sein Kerngeschäft zu vernachlässigen. Er ging auch mal mit den Kollegen feiern – nicht oft, aber wenn richtig. 

Mit Werder holte Mertesacker 2009 den DFB-Pokal, war nach der WM 2006 auch bei allen weiteren großen Turnieren der Nationalmannschaft dabei – mit dem WM-Titel 2014 als Krönung. Sein Verein hieß da schon lange FC Arsenal, mit den Londonern gewann er drei Mal den FA-Cup.

Per Mertesacker gewann in seiner Zeit beim FC Arsenal gleich dreimal den FA-Cup.

Ein Jahr vor Ende seiner Karriere beschrieb er eindrucksvoll, wie sehr er unter dem Druck im Fußball gelitten hat. Er machte das, ohne sich zu beschweren, es sollte nur ein Hinweis sein, eine Erklärung, ein Hoffen auf ein bisschen mehr Verständnis für die Profi-Fußballer – und vor allem die, die es noch werden wollen. 

Denen widmet sich der 34-Jährige nun als Leiter der Nachwuchsakademie des FC Arsenal. Vielleicht wird er seinen Jungs auch sagen, dass die Größe nur auf dem Platz entscheidend ist. Mertesacker jedenfalls wählte in seiner Bremer Zeit nicht wie seine Kollegen den größtmöglichen Schlitten von Werders Automobilpartner, sondern zwängte sich mit seinen fast zwei Metern Tag für Tag in einen viel zu kleinen Golf. So wie auch an seinem letzten Werder-Tag, dem 7. September 2011.

Per Mertesacker: Seine Karriere in Bildern

Per Mertesacker
Bei Hannover 96 begann die Wahnsinns-Karriere von Per Mertesacker. Erst kickte er dort in der Jugend, dann drei Jahre bei den Profis. © imago
So traf der Innenverteidiger in seinem ersten Bundesliga-Jahr auf Ivan Klasnic (im Bild) und den SV Werder.
So traf der Innenverteidiger in seinem ersten Bundesliga-Jahr auf Ivan Klasnic (im Bild) und den SV Werder. © imago
Zwei Jahre später leistete er sich ein Duell gegen Miroslav Klose. Mertesacker musste mit Hannover jedoch eine 0:5-Pleite hinnehmen.
Zwei Jahre später leistete er sich ein Duell gegen Miroslav Klose. Mertesacker musste mit Hannover jedoch eine 0:5-Pleite hinnehmen. © imago
2006 entschied sich der gebürtige Hannoveraner für einen Wechsel zum SV Werder. Damals spielte er da an der Seite von Mesut Özil...
2006 entschied sich der gebürtige Hannoveraner für einen Wechsel zum SV Werder. Damals spielte er an der Seite von Mesut Özil... © imago
...und an der Seite seines guten Kumpels Clemens Fritz in der Champions League. Hier sind beide im Duell mit Chelseas Didier Drogba. Werder gewann am Ende 1:0 - durch einen Mertesacker-Kopfball.
...und an der Seite seines guten Kumpels Clemens Fritz in der Champions League. Hier sind beide im Duell mit Chelseas Didier Drogba. Werder gewann am Ende 1:0 - durch einen Mertesacker-Kopfball. © imago
Mit den Bremern feierte Mertesacker 2009 den Triumph im DFB-Pokal.
Mit den Bremern feierte Mertesacker 2009 den Triumph im DFB-Pokal. © imago
Der größte Erfolg seiner Karriere: Der Weltmeister-Titel 2014 in Rio de Janeiro.
Der größte Erfolg seiner Karriere: Der Weltmeister-Titel 2014 in Rio de Janeiro. © imago
Sein Debüt in der A-Nationalmannschaft gab er im Oktober 2004 gegen Iran (2:0). Einen Monat später stand er gegen Kamerun (3:0) sogar schon in der Startelf.
Sein Debüt in der A-Nationalmannschaft gab er im Oktober 2004 gegen Iran (2:0). Einen Monat später stand er gegen Kamerun (3:0) sogar schon in der Startelf. © imago
Zur Saison 2011/12 wechselte Mertesacker von Werder zum FC Arsenal, wo er bis 2018 unter Vertrag stand.
Zur Saison 2011/12 wechselte Mertesacker von Werder zum FC Arsenal, wo er bis Sommer 2018 unter Vertrag stand. © imago
Mit den Gunners wurde er dreimal Englischer Pokalsieger (2014, 2015, 2017) und einmal Superpokalsieger (2016).
Mit den Gunners wurde er dreimal Englischer Pokalsieger (2014, 2015, 2017) und einmal Superpokalsieger (2016). © imago
Nach Ende seiner aktiven Karriere im Sommer 2018 ist Mertesacker den Londonern als Leiter der Nachwuchs-Akademie erhalten geblieben.
Nach Ende seiner aktiven Karriere im Sommer 2018 ist Mertesacker den Londonern als Leiter der Nachwuchs-Akademie erhalten geblieben. © dpa

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