Otto Rehhagel hat so manche Trophäe geküsst – diese hier auf dem Bild ist dabei eine ganz besondere: Werder holte 1992 mit einem 2:0-Sieg gegen Monaco den Europapokal der Pokalsieger.
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Otto Rehhagel hat so manche Trophäe geküsst – diese hier auf dem Bild ist dabei eine ganz besondere: Werder holte 1992 mit einem 2:0-Sieg gegen Monaco den Europapokal der Pokalsieger.

Rehhagel wird 80 – ein Rückblick der Werder-Ikone

Ottos Weg auf den Olymp: Vom Roland zum Zeus

Bremen - Von Hans-Günter Klemm. Sein Leben bietet Stoff für ein antikes Stück. Otto Rehhagel, wie so oft in seinem bewegten Dasein hier auf Erden, in der Hauptrolle. Als Held in dieser buchstäblich griechischen Tragödie: erst ein phänomenaler Aufstieg, dann ein ebenso rasanter wie jäher Absturz.

Am Ende eine selbst herbeigeführte Katastrophe, von dem Protagonisten, der das Schicksal in einer beispiellosen Überhöhung seiner Person herausgefordert hat. Rehhagel wird am Donnerstag 80. Es ist nicht bekannt, ob es eine große Sause geben wird. Vermutlich feiert der Mann, der sich einst als „Kind der Bundesliga“ einstufte, in seinem Haus in Essen-Altenessen diesen Ehrentag in aller Stille.

Es ist der Geburtstag eines der größten und erfolgreichsten Trainer, die die höchste deutsche Spielklasse hervorgebracht hat. Bei allen Verstrickungen, die die Laufbahn des immer noch rüstigen Jubilars begleitet haben: Otto gewann Titel, feierte Triumphe, sorgte für unvergessene Momente und lieferte historische Augenblicke, die wahrlich als Sensationen in die Fußball-Historie eingegangen sind.

Rehhagel gelang auch im Ausland der geniale Coup

Einer, der ihm ganz bestimmt besonders herzlich gratulieren wird, ist ein langjähriger Freund aus dem Bereich der schönen Künste. Jürgen Flimm, der populäre Theatermann, bundesweit geachteter Schauspieler, Regisseur und Intendant, gegenwärtig als Impressario an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin engagiert. Wegbegleiter Flimm kleidete das Lebenswerk des Otto R. mal in diese poetischen Worte: „Mitten aus dem Pott kommend, hat er es bis zur Akropolis geschafft.“

Eine treffende Beschreibung einer wechselhaften Laufbahn, pointiert formuliert in einem Satz, anspielend auf die Pointe in der Vita des geschätzten Kumpels. Als Magier in Deutschland schon geadelt, gelang Rehhagel auch im Ausland der geniale Coup: der Gewinn der Europameisterschaft mit Griechenland 2004, ein Erfolg mit dem krassen Außenseiter. Ein Meisterwerk des „Fußball-Extremisten“, wie die „FAZ“ den Coach taufte. Entsprechend kommentiert vom Macher. „Die Griechen haben die Demokratie erfunden“, sagte Rehhagel. „Ich habe die demokratische Diktatur eingeführt. Früher hat jeder gemacht, was er will. Jetzt macht jeder, was er kann.“

Werders Bundesliga-Trainer

Willi Multhaup
Werders erster Bundesliga-Trainer Willi Multhaup wurde auch zum ersten Meister-Trainer. Nachdem Multhaup die Mannschaft zur Saison 1963/64 übernommen hatte, führte er Werder Bremen 1964/65 zur Deutschen Meisterschaft. © imago
Günter Brocker
Sein Nachfolger Günter Brocker übernahm in der Spielzeit 1965/66, blieb aber auch nur zwei Jahre im Amt. Nach drei Niederlagen in Folge musste er zu Beginn der Saison 1967/68 seinen Platz räumen. © imago
Fritz Langner
Im September 1967 begann damit Fritz Langners erste Amtszeit bei Werder. Nach der Vizemeisterschaft 1967/68 wurde er im Oktober 1968 wegen einer Erkrankung drei Spiele lang von Richard Ackerschott vertreten. Im Anschluss an die folgende Saison 1968/69 wechselte er zu 1860 München. © imago
Fritz Rebell
Auf ihn folgte Fritz Rebell, der noch während einer mittelmäßigen Spielzeit 1969/70 im März entlassen wurde. Er saß nur 22 Spiele lang auf der Werder-Bank. © imago
Hans Tilkowski
Den Rest der Saison 1969/70 bestritt Werder mit Hans Tilkowski an der Seitenlinie. Es war seine erste Anstellung als Trainer, die Grün-Weißen landeten am Ende auf Platz 11. © imago
Robert Gebhardt
Zur Saison 1970/71 übernahm Robert Gebhart, konnte Werder aber auch nicht aus dem Mittelfeld der Liga führen. In der darauffolgenden Spielzeit wurde er nach acht Spieltagen und zwei Niederlagen hintereinander entlassen. © imago
Willi Multhaup
Ein bekanntes Gesicht kehrte daraufhin zurück: Willi Multhaup, hier mit seinem späteren Nachfolger Josef Piontek, trainierte Werder in der Saison 1971/72 aber nur einen Monat lang. © imago
Josef Piontek
Nach seiner aktiven Karriere übernahm Josef Piontek den Trainerposten von Multhaup. Das Training konnte er zunächst aber nicht leiten, da er erst seine Lizenz ablegen musste. © imago
Fritz Langner
Deshalb sprang auch 1972 Fritz Langner noch einmal für sechs Spiele ein. Im Juni 1972 kehrte Piontek jedoch zurück und blieb bis zur Saison 1974/75 Trainer von Werder Bremen. © imago
Herbert Burdenski
Nachfolger wurde Herbert Burdenski, seine Amtszeit hielt allerdings nur 22 Pflichtspiele an. Nach drei sieglosen Spielen musste er im Februar 1976 gehen. © imago
Otto Rehhagel
Otto Rehhagel übernahm für die restliche Spielzeit 1975/76, seine erste Saison bei Werder endete auf Platz 13 – Klassenerhalt. © imago
Hans Tilkowski
Schon während Rehhagels Amtszeit war klar, dass Hans Tilkowski in der folgenden Saison 1976/77 an die Weser zurückkehren würde. Unter ihm blieb Werder im Mittelfeld der Tabelle, im Dezember 1977 war Schluss. © imago
Fred Schulz
Mit Fred Schulz (Mitte) nahm Ende 1977 der älteste Trainer der Bundesligageschichte auf Werders Trainerbank Platz. Manager Rudi Assauer (rechts) war eigentlich eingesprungen, brauchte aber einen lizenzierten Trainer neben sich. Zum Saisonende 1977/78 und nur auf Platz 15 musste Schulz gehen. © imago
Wolfgang Weber
Auch sein Nachfolger Wolfgang Weber kam in der Saison 1978/79 mit der Mannschaft nicht aus dem Mittelfeld heraus. Im folgenden Jahr geriet Werder wieder in Abstiegsgefahr, Weber wurde im Januar 1980 entlassen. © imago
Fritz Langner und Rudi Assauer
Zum dritten Mal kehrte Fritz Langner (links) als Trainer an die Weser zurück. Rudi Assauer (rechts) hatte nach wie vor keine Lizenz, saß aber während einer Partie offiziell als Coach an der Seitenlinie. Es half alles nichts, Werder stieg nach der Saison 1979/80 ab. © imago
Kuno Klötzer
In der Zweiten Liga übernahm 1980/81 Kuno Klötzer das Traineramt und startete erfolgreich das Projekt Wiederaufstieg. Aufgrund eines schweren Autounfalls musste er jedoch im April 1980 sein Amt abgeben. © imago
Otto Rehhagel
Es begann die Ära Otto Rehhagel. In seiner zweiten Amtszeit von 1981 bis 1995 führte „König Otto“ die Grün-Weißen zunächst zurück in die Erste Bundesliga, dann 1988 und 1993 zur Deutschen Meisterschaft und zum Pokalsieg 1991 und 1994. Seine Laufbahn bei Werder krönte er 1992 mit dem Gewinn des Europapokals der Pokalsieger. © imago
Aad de Mos
Als Otto Rehhagel 1995 ausgerechnet zum Ligakonkurrenten Bayern München wechselte, folgte auf ihn der Niederländer Aad de Mos. Nach einer erfolglosen ersten Saisonhälfte 1995/96 verließ er den Verein jedoch wieder. © imago
Hans-Jürgen Dörner
Für ihn kam Hans-Jürgen Dörner im Januar 1996. Werder blieb mit ihm im Mittelfeld, zu Beginn der Saison 1997/98 trennten sich die Wege von Verein und Trainer. © imago
Wolfgang Sidka
Es übernahm Wolfgang Sidka und während die Saison 1997/98 noch versöhnlich auf Platz 7 endete, rutschte Werder in der folgenden Spielzeit in die Abstiegsränge. Im Oktober 1998 war Sidkas Zeit abgelaufen. © imago
Felix Magath
Auf ihn folgte Felix Magath, der aber keine ganze Saison im Verein blieb. Nach vier Niederlagen in Folge und Platz 15 trat er im Mai 1999 zurück. © imago
Thomas Schaaf
Der Trainer der U23, Thomas Schaaf, übernahm die Mannschaft, wandte den Abstieg ab und holte 1999 prompt den DFB-Pokal. Zwei weitere Pokalsiege sollten 2004 und 2009 folgen. In der Saison 2003/04 gelang sogar das ganz große Ding: Meisterschaft, Pokal - Doublesieger! Im Mai 2013 endete die Ära Schaaf. © imago
Robin Dutt
Sein Nachfolger hieß Robin Dutt. Nach einer mäßigen Saison 2013/14 und neun Spielen ohne Sieg zu Beginn der Spielzeit 2014/15 war für ihn aber wieder Schluss. © imago
Viktor Skripnik
Das geglückte Experiment Schaaf ließ die Werder-Verantwortlichen danach auf Viktor Skripnik setzen, zu diesem Zeitpunkt U23-Trainer. Die Saison 2014/15 schloss Werder auf Platz 10 ab, die Folgende auf dem 13. Rang. Nach einem schlechten Start 2016, wurde er im September entlassen. © gumzmedia
Alexander Nouri
Es übernahm wiederum der Trainer von Werders U23, Alexander Nouri. In der Rückrunde der Saison 2016/17 startete er mit der Mannschaft eine Siegesserie und verpasste den internationalen Wettbewerb nur knapp. Nach dem zehnten Spieltag der Folge-Saison holte Werder keinen Sieg und Nouri wurde am 30. September entlassen. © gumzmedia
Florian Kohfeldt
Es folgte wieder ein U23-Trainer, der die Profis im Herbst übernahm: Florian Kohfeldt. © gumzmedia

Es ist die Arbeitsweise, der er sich immer befleißigt hat: Otto hat das Sagen. Alles hört auf sein Kommando. Er kann schalten und walten, wie er möchte. So hielt er es schon in Bremen und in Kaiserslautern. Und er hatte Erfolg. Bewährtes Motto: Lass Rehhagel mal machen – und du feierst Erfolge! Das Beispiel Griechenland steht für sich. Die Hellenen ehrten den damals mit 65 Jahren ältesten Trainer eines EM-Siegers, ernannten ihn zum Ehrenbürger Athens, huldigten ihm wie Zeus, dem Göttervater. „Dort hat er sich ein Denkmal gesetzt“, würdigt Willi Lemke, der langjährige Weggefährte von der Weser.

In Griechenland erklomm Rehhagel buchstäblich den Olymp. In Bremen, wo der Erfolgsweg des Zampanos zwei Jahrzehnte zuvor losgegangen war, hatte er sich schon zu „König Otto“ gekrönt. 3. Mai 1988. 1:0 für Werder in Frankfurt. Drei Runden vor Schluss köpft Kalle Riedle die Bremer zur Meisterschaft. Der ersehnte Titel für die Norddeutschen, mehr noch für Rehhagel. „Ich könnte auch ohne Titel leben“, hat dieser mal behauptet. Doch dem Mann, der 1980 mit Fortuna Düsseldorf den DFB-Pokal gewonnen hat und der lange Zeit unter der Chiffre „Otto Notnagel“ als Feuerwehrmann in der Trainergilde firmierte, glaubte dies niemand.

König Otto holte Talente wie Völler, Rufer und Co.

Im Dauerduell mit dem Münchner Meistermacher Udo Lattek, seinem Intimfeind, war er stets leer ausgegangen und somit gedemütigt worden. Nun endlich der Triumph, der Tag der Krönung. Bei der Siegesfeier setzten sie ihm eine Krone aus Pappmaschee auf: „Otto I.“, König von Bremen. Wie ein Monarch amtierte er wahrlich an der Weser. „Der Staat bin ich“ – die Maxime absolutistischer Herrscher wurde zur Richtlinie. Übersetzt in Rehhagels einfacher Diktion: „Jeder kann sagen, was ich will.“

Mit dieser Machtfülle ausgestattet, mit seiner Kompetenz und seiner klugen Personalpolitik hielt Rehhagel trotz immens schlechterer monetärer Startbedingungen die Bremer auf Augenhöhe mit dem Branchenprimus aus dem Süden der Republik. Otto holte Talente wie Völler und Riedle, Bratseth und Rufer, förderte Eigengewächse wie Meier und Neubarth, Eilts und Bode, vertraute Routiniers wie Kostedde und Burgsmüller, Votava oder Allofs. So formte er ein Team, fand die richtige Ansprache an die Elf, mitunter unterlegt mit Zitaten der Dichterfürsten Goethe und Schiller. Oft belächelt, reüssierte er mit dieser Art der Menschenführung nach der Methode der langen Leine.

Im Mai war Otto Rehhagel beim DFB-Pokalfinale – nicht mehr als Trainer, sondern ganz privat mit seiner Frau Beate.

Otto schuf vor allem eine leistungsfördernde Wagenburg-Mentalität. Keine öffentliche Kritik von ihm. Kritik von außen konterte der Autokrat, der Journalisten mit Skepsis begegnete und ein kompliziertes Verhältnis zu den Medien pflegte, mit seiner Denkweise: „Wer Erster ist, hat immer recht. Ich bin Erster, habe also Recht.“ Ende des Dialogs. Es folgte allein dieses Zugeständnis: „Und wenn ich Fünfter bin, können Sie wieder mit mir reden.“

In der glorreichen Otto-Ära blühten die Grün-Weißen auf. Kontrollierte Offensive als Erfolgsrezept, Fußball mit Intuition und Inspiration, überraschende Schachzüge und Personalrochaden von Rehhagel, dem Hexenmeister auf der Bank. Formidable Europacup-Abende, als „Wunder von der Weser“ in die Chronik eingegangen. Und dann das Premium-Produkt aus dem „Otto-Katalog“, diesem Hochglanzprospekt. In Lissabon glückte 1992 der Gewinn des Europapokals der Pokalsieger. 2:0 gegen Monaco, 2:0 für Rehhagel gegen Arsene Wenger. Der Bergmannssohn aus Essen, der gelernte Anstreicher, der im Fußball seinen Weg machte, am Ziel seiner Träume.

Aufstieg mit den Roten Teufeln

Andere Träume ließen sich nicht realisieren. „Der Mann, der gleich nach dem Kaiser kommt“, so die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, wagte das Abenteuer, den Sprung nach Bayern, zum „FC Hollywood“. Und er scheiterte auf der ganzen Linie. Der Alleinherrscher im Bremer Reich rutschte auf dem glatten Parkett des Münchner Hofstaats mit Potentaten wie Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß aus. Ein Bruch in der Erfolgsgeschichte des passionierten Kaffeetrinkers und Asketen.

Rehhagel radierte die Schmach am Lauterer Betzenberg aus. In der Pfalz durfte er wieder nach seinem Gusto regieren, anders als in Bayern. Das Resultat: Aufstieg mit den Roten Teufeln, gefolgt vom sagenhaften Kunststück: 1998 Meister mit den Neuling, einmalig in der Liga.

Otto Rehhagel, der gefallene Held

Der „komische Kauz“ („Die Welt“) hatte es allen gezeigt, wie auch beim folgenden Engagement als Nationaltrainer der Griechen. Es hätte der glorreiche Schlusspunkt sein können. Doch Otto wollte mehr, strebte eine nostalgische Pointe an. Bei der Berliner Hertha hatte alles begonnen. Als rustikaler Verteidiger startete er bei Gründung der Bundesliga sein abenteuerliches Leben. 2012 heuerte Otto, dem glaubhaft das Zitat „Mit 50 bist du als Trainer reif für die Klapsmühle“ zugeschrieben wird, im geradezu biblischen Alter von 73 Jahren bei der betagten Fußball-Dame aus der Hauptstadt an.

Hertha befand sich in Abstiegsgefahr, Rehhagel wollte helfen, sich als Retter inszenieren. Es wurde ein Desaster, ein Abstieg im doppelten Sinne: der tiefe Fall eines Clubs und eines Trainers. Ein tragischer Abschied des Erfolgsmenschen Rehhagel von der großen Bühne, die ihm die Welt bedeutet. Otto, der gefallene Held.

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