+
Sebastian Prödl gewann 2009 mit Werder den DFB-Pokal. Die Bremer sieht er im Doppelpack gegen den FC Bayern keineswegs chancenlos.

Ex-Bremer über den Rekordmeister, seine schwere Zeit in England & Kruse

Prödl im Interview: „Die Bayern sind zu spät dran“

London – Sebastian Prödl (31) hat während seiner Karriere acht Mal gegen den FC Bayern München gespielt, jedes Mal als Werder-Profi, seine Bilanz liest sich allerdings ziemlich bescheiden. Nur einem Sieg und einem Remis stehen sechs Niederlagen gegenüber – ein Experte für Duelle mit dem Rekordmeister ist der Österreicher aber trotzdem, schließlich hat er sie mit seinem berühmten Zahnarzt-Vergleich einst treffend umrissen.

Vor Werders Doppelpack gegen die Bayern in Liga und Pokal erklärt Prödl im Gespräch mit der DeichStube, warum es für die Bremer dieses Mal weniger schmerzhaft werden dürfte, warum seine eigene Karriere beim FC Watford ins Stocken geraten ist – und wieso Max Kruse vielleicht schon hätte nach England wechseln sollen.

Herr Prödl, Sie haben 2015 als Werder-Profi gesagt: „München ist wie ein Zahnarztbesuch. Muss jeder mal hin. Kann ziemlich wehtun, kann aber auch glimpflich ausgehen.“ Was für eine Behandlung blüht Ihrem ehemaligen Verein am Samstag?

Keine unangenehme. Nach den jüngsten Ereignissen werden die Bayern mehr Respekt vor Werder haben als umgekehrt. Das heißt nicht, dass die Bremer die bessere Mannschaft haben. Aber Werder hat doch nach dieser Super-Serie in München nichts zu verlieren. Die Bayern müssen dagegen aufpassen, im engen Titelrennen mit Dortmund nicht zu patzen.

Die schwierigste Aufgabe steht wohl Theodor Gebre Selassie auf der rechten Abwehrseite bevor. Wie kann Ihr Ex-Kollege den superschnellen Kingsley Coman stoppen?

Alleine wahrscheinlich nicht. Theo muss den Sprint aufnehmen, und dann muss ihm ein anderer Spieler im Zweikampf helfen. Oder besser noch: Theo ergreift selbst die Initiative und stellt damit Coman ruhig. Werder setzt doch auf Ballbesitzfußball, warum nicht auch in München? Das Selbstvertrauen dafür müsste da sein.

Schon gelesen? Basti Prödl schreibt in der DeichBlick-Kolumne über Werder

So kann Werder Lewandowski stoppen

Wie würden Sie gegen Robert Lewandowski verteidigen?

Er ist wirklich ein kompletter Spieler, der aber auch abhängig von seinen Kollegen ist. Bekommt er in der Box die Bälle gut zugespielt, dann trifft er fast immer. Deshalb musst du ihn das ganze Spiel bearbeiten und nerven, damit er seine Positionen nicht finden kann und Frust schiebt.

Werder hat die letzten 16 Bundesligaspiele gegen die Bayern alle verloren. Was macht so eine Serie mit einem Profi?

Nichts! Werder hat doch jetzt eine ganz andere Strahlkraft. Da ist eine unglaubliche Selbstverständlichkeit mit im Spiel. Egal, wer spielt, man erkennt immer das Konzept, das hart erarbeitet worden sein muss. Das weiß auch die Konkurrenz. Ich habe darüber mit einigen Jungs bei der Nationalmannschaft gesprochen – und die sind davon schon beeindruckt.

Wen meinen Sie?

Da möchte ich jetzt keinen nennen. Werder wird inzwischen jedenfalls als große Aufgabe angesehen. Florian Kohfeldt hat einfach eine sehr gute Spielidee, Frank Baumann hat die Mannschaft sehr gut zusammengestellt und was immer unterschätzt wird: Es geht nicht nur um fußballerische Qualität, sondern du brauchst auch eine soziale Ader, um die Mannschaft auf deiner Reise mitzunehmen. Das spüre ich bei Werder.

Der FC Bayern hat Lucas Hernandez für 80 Millionen Euro für die neue Saison verpflichtet. Reicht die Münchner Finanzkraft, um mit den Topclubs zum Beispiel aus der Premier League wirklich mitzuhalten?

Die Bayern haben sich ja lange gesträubt, diese Fantasiesummen zu zahlen. Sie haben gedacht, das sei nur ein Hype, aber das ist längst das Tagesgeschäft. Und jetzt geben sie 80 Millionen Euro für einen Verteidiger aus. Der ist Weltmeister, der ist gut, aber vor vier, fünf Jahren hätte man für dieses Geld ganz andere Spieler bekommen, einen Neymar zum Beispiel. Dann würden die Bayern ganz woanders stehen. Ich denke, sie sind mit diesen Summen zu spät dran. Für die Bundesliga wird es reichen, international ist aber schon eine Lücke entstanden.

„Max Kruse hat das Zeug für die Premier League“

Zurück zu Werder: Tottenham will Max Kruse verpflichten. Ist er mit 31 Jahren nicht schon zu alt für die Premier League?

Das Alter ist hier nicht so ein großes Thema wie in Deutschland. Und Max ist ablösefrei. Er hat das Zeug für die Premier League. Ob er das jetzt noch wagen sollte, ist ein anderes Thema. Bei Werder ist Max der Star, der Kapitän. Bei einem Topclub wäre er nur einer von vielen. Er hätte es vielleicht früher probieren sollen.

Muss ein Profi nicht versucht haben, einmal in der besten Liga der Welt gespielt zu haben?

Vielleicht. Mir hätte diese Erfahrung sicherlich gefehlt, aber ich bin auch mit 28 Jahren rüber, bin zu einem kleineren Club und habe dort eine fast genauso tolle Zeit erlebt wie bei Werder.

In dieser Saison allerdings nicht mehr. Sie durften nur ein Ligaspiel bestreiten. Was ist da passiert?

Ich bin fit und gebe im Training Gas, habe aber das Gefühl, dass ich nicht am Konkurrenzkampf teilnehme. Ich wurde trotzdem zur Nationalmannschaft eingeladen. Aufgrund meiner Vertragsdauer kann ich mir jedoch nicht vorstellen, dass der FC Watford mit mir schon abgeschlossen hat. Der Sommer wird sicher eine Klärung bringen.

Wie verkraften Sie das?

Erst war es ein Stich ins Herz. Aber ich habe durch meine langjährige Erfahrung als Profi gelernt, dass Fußball sehr schnelllebig ist. Außerdem hilft mir meine Familie, vor allem natürlich meine kleine Tochter, die seit Herbst in unserem Leben ist.

Sie posten regelmäßig Fotos aus dem Stadion, wenn der FC Watford spielt. Werden Sie das auch beim FA-Cup-Finale machen, wenn Ihr Team am 18. Mai gegen Manchester City tatsächlich um einen Titel kämpft?

Ganz ehrlich: Ich hoffe noch auf ein Wunder, dass ich auf dem Platz dabei sein darf und nicht nur als Daumendrücker auf der Tribüne. Aber irgendwie fühle ich mich ohnehin beteiligt: Ich war 2015 der erste Spieler, der nach dem Aufstieg bei Watford unterschrieben hat.

Schon gelesen? Kruses ganz große Bühne - und Tottenham schaut ganz genau hin

Prödl-Rückkehr zu Werder möglich?

Was planen Sie im Sommer?

Einen super Urlaub, in dem ich mir alles ruhig überlege. Ich habe noch zwei Jahre Vertrag beim FC Watford, bin fit – und will noch ein paar Jahre spielen! Ich würde auch bei Watford für meinen Platz kämpfen, wenn ich eine echte Chance bekomme.

Wie wäre es mit einer Rückkehr zum SV Werder?

Nach der Karriere könnte ich mir das sehr gut vorstellen.

Erst danach?

Ich hatte super sieben Jahren in Bremen. Deshalb habe ich nicht geplant, noch einmal in der Bundesliga zu spielen. Und ich kann mir irgendwie auch nicht vorstellen, für einen anderen Club in Deutschland zu spielen. Dazu ist meine Verbindung zu Werder viel zu eng.

Was würde Sie dann reizen?

Ich würde gerne in England bleiben, fühle mich mit meiner Familie hier sehr wohl. Ansonsten fände ich Italien sehr spannend, um noch eine Topliga kennenzulernen.

Wollen Sie nach Ihrer Karriere lieber Trainer oder eher Manager werden?

An der Seitenlinie muss ich nicht stehen, lieber im Hemd etwas weiter dahinter (lacht). Aber, wer weiß: Vielleicht bin ich irgendwann auch satt vom Fußball.

Sie haben vorhin schon Ihre Familie angesprochen. Wann zeigen Sie Ihrer Tochter zum ersten Mal Bremen?

Wenn sie realisieren kann, wer bei den Stadtmusikanten wer ist. Das dauert noch ein bisschen (lacht).

Zum Abschluss noch Ihre Tipps: Wie spielt Werder am Samstag in München – und wer schafft es dann ins Pokalfinale?

In München gewinnen die Bayern mit 3:2, kommen dann aber komplett erschöpft nach Bremen – und Werder geht mit einem 2:1 ins Finale nach Berlin.

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Kommentare