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Martin Schäfer wurde in Bremen geboren, wuchs in Achim auf – und nennt Werder seinen „Herzensverein“. Seit November 2017 ist der 51-Jährige Deutscher Botschafter in Südafrika.

Vor Werders Südafrika-Reise

Botschafter Martin Schäfer im Interview: „Die Liebe der Fans ist grenzenlos“

Bremen/Pretoria - Der Deutsche Botschafter in Südafrika Martin Schäfer wurde in Bremen geboren und ist Werder-Fan. Im Interview mit der DeichStube spricht er über Werders Südafrika-Reise, die Bedeutung des Fußballs im Land und Grünkohl.

Martin Schäfer hat im vergangenen Jahr ein kurzes Video von sich aufnehmen lassen, in dem er sich offiziell als neuer Deutscher Botschafter in Südafrika vorstellt. Er betont dabei den Reiz der Aufgabe, nennt Vorzüge des Landes – und trägt zwischenzeitlich ein Fußballtrikot, weil ihm dieser Sport sehr am Herzen liegt.

Dass Werder Bremen im Januar sein Winter-Trainingslager in der südafrikanischen Metropole Johannesburg abhält, ist für Schäfer also per se eine schöne Sache – durch seine Herkunft wird sie aber erst richtig speziell. Martin Schäfer (51) ist gebürtiger Bremer, wuchs in Achim auf und nennt Werder seinen Herzensverein. Im Interview mit der DeichStube erklärt der Diplomat, was Werder in Südafrika erwartet, welche Rolle der Fußball in dem Land spielt und auf welchen Bremer Profi er sich ganz besonders freut.

Herr Botschafter, Werder kommt nach Südafrika. Wie sehr freuen Sie sich darauf, Ihren Lieblingsclub direkt vor der Haustür zu erleben?

Martin Schäfer: Für mich ist es Höhepunkt und Heimspiel zugleich. Ich bin in Achim aufgewachsen und erinnere mich noch gut an die Zeiten, als Horst-Dieter Höttges dabei war und ich der Mannschaft als kleiner Pimpf beim Training vor Heimspielen zugeschaut habe. Aus dieser Zeit rührt meine unverrückbare Zuneigung für Grün-Weiß. Dass der Verein nun nach Südafrika kommt, um sich hier auf die Rückrunde vorzubereiten, ist eine tolle Sache.

Die Deutsche Botschaft befindet sich in der Hauptstadt Pretoria, Werder trainiert im nur gut 70 Kilometer entfernten Johannesburg. Was erwartet die Mannschaft in der Stadt?

Schäfer: Johannesburg ist eine großartige afrikanische Metropole, in der es alles gibt. Reiche und Arme, Menschen aller Hautfarben, unzählige Sportvereine und Sportarten, eine enorm beeindruckende Kulturlandschaft. Die Stadt ist erst am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, als am Witwatersrand Gold gefunden wurde. Sie ist ein Schmelztiegel von Menschen aus dem südlichen Afrika und der ganzen Welt. Johannesburg war das Zentrum des Widerstandes gegen das Apartheidsregime. Hier hat Bischof Tutu gegen das Regime gestritten und gepredigt, hier hat Nelson Mandela seine großen Reden gehalten. Natürlich hat die Stadt auch Schattenseiten, zu denen die Kriminalität gehört.

Werder Bremen hält sein Trainingslager auf der Anlage des Randburg AFC in Johannesburg ab.

In der Tat prägen Nachrichten von Gewalttaten und Raubüberfällen das öffentliche Bild von Johannesburg. Wie gefährlich ist es dort wirklich?

Schäfer: Mit anständiger Vorbereitung und vernünftigem Verhalten kann man das Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, deutlich begrenzen. Unter den mehr als 350 000 Deutschen, die hier jedes Jahr ihren Urlaub verbringen, passiert wirklich nur den Allerwenigsten etwas.

Sie würden interessierten Werder-Fans also nicht davon abraten, das Team nach Johannesburg zu begleiten?

Schäfer: Im Gegenteil. Ich würde ihnen empfehlen, sich mit Land und Leuten zu beschäftigen. Dafür bietet Johannesburg unendlich viel. Was die Sicherheit angeht, rate ich dazu, den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes zu folgen.

Ihr Beruf hat Sie im vergangenen Jahr schon zum zweiten Mal nach Südafrika geführt. Was macht für Sie den Reiz dieses Landes aus?

Schäfer: Südafrika ist ungemein gastfreundlich. Es ist aber auch ein kompliziertes, ein schwer zu erfassendes Land, mit vielen Problemen und großen Herausforderungen. Wir wollen helfen, dass sich das Land seine Demokratie, seine freiheitliche Gesellschaft und seine Offenheit bewahren kann.

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Gibt es außer Werder etwas typisch Bremisches, das Sie in Südafrika vermissen?

Schäfer: Grünkohl mit Pinkel. Das bekomme ich immer, wenn ich meine Eltern besuche. Sie leben bis heute in Achim. Ich bin ein, zwei Mal im Jahr da.

Werder möchte durch die Reise seinen Bekanntheitsgrad in Südafrika steigern. Ist der Verein ein Begriff in dem Land?

Schäfer: Fußball ist eine große Nummer in Südafrika. Die Fans interessieren sich vor allem für die südafrikanische Profiliga PSL, für die englische Liga und die Champions League. Alle Vereine, die regelmäßig in der Champions League vertreten sind, haben hier ihre Anhänger. Da es einige Zeit her ist, dass Werder dort zu finden war, hat die Marke Werder noch etwas Aufholbedarf.

Welchen Stellenwert nimmt der Fußball denn allgemein in Südafrika ein?

Schäfer: Fußball hat damit zu tun, wo man herkommt und wer man ist. Es ist die Mehrheit der dunkelhäutigen Südafrikaner, die sich für Fußball begeistert. Die Weißen lieben Rugby und Cricket. Der Fußball war Teil des Kampfes gegen das Apartheidsregime. Heute gehört es fest zur Identität vieler Südafrikaner, sich mit einem großen Traditionsverein zu identifizieren, der damals im Kampf gegen die Apartheid eine wichtige Rolle gespielt hat. Da gibt es vor allem die Kaizer Chiefs und die Orlando Pirates, die beiden großen Vereine aus Soweto (ein 1963 gegründeter Zusammenschluss zahlreicher Townships im Südwesten Johannesburgs, Anm. d. Red.).

Das Spiel der beiden Clubs gilt weltweit als eines der stimmungsvollsten Derbys.

Schäfer: Ja, wenn die beiden gegeneinander spielen, kommen 100 000 Zuschauer. Das ist ein Fest für die ganze Nation. Es gibt aber auch große Vereine in anderen Städten. Der amtierende Meister, die Mamelodi Sundowns, kommt aus Pretoria. Die südafrikanische Liga ist eine gute Mischung, es gibt Vereine mit langer Tradition und solche, die erst in den letzten 20 Jahren aufgerückt sind.

Wie ist die Stimmung in den Stadien? Ist sie mit der in der Bundesliga vergleichbar?

Schäfer: Nein, in Südafrika Fußball zu schauen, ist ein ganz anderes Erlebnis als in Deutschland. Die Fans singen und tanzen vor dem Spiel, während des Spiels und danach. Lebensfreude pur. Für manche Fans ist das Spiel fast eine Nebensache. Hier gibt es die Vuvuzelas, die sich, wie ich finde, aus guten Gründen in Deutschland nicht durchgesetzt haben. Viele Menschen kommen ins Stadion, um ihr alles andere als einfaches Leben zu vergessen. Die Liebe, die sie ihren Vereinen entgegenbringen, ist grenzenlos.

2015 war Hoffenheim in Johannesburg, nun kommt Werder. Was bedeutet es für Südafrika, dass Teams aus der Bundesliga das Land als Ziel für ihr Trainingslager auswählen?

Schäfer: Sehr viel. Ein Besuch wie der von Werder ist eine gute Gelegenheit für die hiesigen Verantwortlichen, Erfahrungen über die Organisation eines großen Fußballvereins auszutauschen. Ich hatte gehofft, dass die WM 2010 in Südafrika die Saat legen würde für einen südafrikanischen Fußball, der nachhaltig international wettbewerbsfähig werden würde. Südafrika hat viele großartige Talente. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass der Fußball es bis heute nicht geschafft hat, ganz oben anzukommen.

Was sind die Gründe dafür?

Schäfer: Vieles hat mit der Organisation des professionellen Fußballs zu tun. Clubs wie die Kaizer Chiefs und die Orlando Pirates arbeiten zwar seit Jahrzehnten professionell, ihre Besitzer sind gewiefte Geschäftsleute, aber dennoch gelingt es dem südafrikanischen Fußball insgesamt nicht, die Interessen so zu bündeln, dass daraus eine schlagkräftige Fußballnation wird. Die Talentförderung ist nicht optimal. Es geht meist ums schnelle Geld. Die erste Liga funktioniert, sie ist profitabel, aber man darf es sich nicht so vorstellen wie in Deutschland, wo der DFB und die DFL von der 5. Kreisklasse bis in die Bundesliga alles perfekt durchorganisieren. Die internationalen Kontakte, die aus einem Besuch wie dem von Werder entstehen, sind auch deshalb so wertvoll.

Schauen Sie sich eigentlich jedes Werder-Spiel an?

Schäfer: Ich habe nicht die Zeit, jedes Spiel zu schauen, obwohl das inzwischen auch in Afrika live möglich ist. Ich verfolge aber die Ergebnisse und rede mit meinen Kindern sehr gerne darüber. Die sind auch für Werder.

Martin Schäfer ist seit Kindertagen Werder-Fan. Sein aktueller Lieblingsspieler ist Claudio Pizarro.

Wie zufrieden sind Sie im Moment mit Ihrem Verein?

Schäfer: Ich habe den Eindruck, dass Werder seit Langem wieder einmal eine Mannschaft aus einem Guss hat. Es war schon hart, mitmachen zu müssen, wenn der Klassenerhalt buchstäblich erst fünf Minuten vor Schluss der Saison sichergestellt wurde. Derzeit beschert Werder mir weniger Herzinfarkt-Momente.

Das klingt so, als ob Sie ein ziemlich leidenschaftlicher Werder-Fan sind...

Schäfer: Na ja, Fan bleibt Fan, egal wie es läuft. Es gab ja auch großartige Zeiten. Ich war ein Junge, als Werder unter Otto Rehhagel wieder in die erste Liga aufgestiegen ist und dann ein sensationelles Jahrzehnt hingelegt hat. Das Jahr 2004 bleibt unvergessen, mit Meisterschaft und Pokalsieg. Ich habe es auf Posten im Ausland mitverfolgt, wie sich Werder jahrein, jahraus gut in der Champions League geschlagen hat. Aber ich kenne auch die Durststrecken. Das ändert aber überhaupt nichts an meiner Zuneigung. Ich hoffe, dass Werder wieder den richtigen Platz in der Bundesliga findet, im oberen Tabellendrittel, da wo es um die Champions-League-Plätze geht.

Haben Sie einen Lieblingsspieler im aktuellen Kader?

Schäfer: Claudio Pizarro. Ich finde es geradezu unglaublich und beeindruckend, dass es in Werders Kader jemanden gibt, der immer da gespielt hat, wo es wehtut, nämlich in vorderster Spitze, und auch mit 40 Jahren noch so fit ist, in der Bundesliga Tore machen zu können. Ich bin ja selbst in einem Alter, in dem die Knochen nicht mehr so wollen, wie der Kopf noch meint zu können.

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Wie war es denn früher? Haben Sie selbst aktiv Fußball gespielt?

Schäfer: Oh ja, ich habe mein Leben lang mit größtem Vergnügen Fußball gespielt. Leider hat mein Talent nur für die Bezirksliga mit dem TSV Achim und später während des Studiums in Westfalen für die Landesliga gereicht. Aber meine Söhne sind talentierter, die können richtig gut spielen. Für mich war, ist und bleibt Fußball ein Teil meines Lebens und meiner Identität.

Zum Abschluss noch die Frage nach Ihrem persönlichen Insider-Tipp für Werder. Was sollte sich die Mannschaft in Johannesburg auf keinen Fall entgehen lassen?

Schäfer: Zweck der Reise ist es ja, sich so gut es geht auf die Rückrunde vorzubereiten. Ich habe eine leise Ahnung davon, wie viel Kraft und Konzentration notwendig ist, um das richtig zu machen. Deshalb wünsche ich mir als Fan, dass sich die Mannschaft voll und ganz darauf konzentriert. Wenn zwischen den Einheiten doch mal Zeit ist, empfehle ich, die Stadt zu besichtigen und sich außerhalb davon die Tiere Afrikas anzuschauen. Das ist für jeden ein großes Erlebnis.

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